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Wieso sich Bremer Graffiti-Freunde Oldenburger Verhältnisse wünschen

Mann, Ende 30, vor Graffiti
Wünscht sich mehr Graffiti-Kunst im Herzen Bremens: Peter Stöcker. Bild: Peter Stöcker

Bremen möchte verstärkt gegen Schmierereien vorgehen. Besser wäre, die Stadt würde der Graffiti-Szene mehr Flächen anbieten, sagen Szene-Kenner. So, wie in der Nachbarstadt.

Der Bremer Senat hat beschlossen, den so genannten "Farbvandalismus" in der Stadt Bremen stärker als bisher zu bekämpfen. So soll die Jugendhilfe für die Strafverfahren gegen junge Täter erzieherische Maßnahmen entwickeln, die darauf abzielen, dass die Jugendlichen die Schäden, die sie verursachen, selbst beheben.

Gleichzeitig möchte die Politik mehr Freiflächen in Bremen schaffen, an denen sich legal betätigen darf, wer gern öffentliche Wände bemalen oder besprühen möchte.

Zwar begrüßen die Bremer Graffiti-Szene-Kenner und Unternehmer Peter Stöcker und Hannes Voigt diesen Schritt, üben aber auch Kritik an dem Vorgehen des Senats. Aus ihrer Sicht hat Bremen in den letzten Jahren zu wenig für die Szene getan, anders etwa als Städte wie Oldenburg oder Wien. Das steckt hinter ihrer Kritik, und das schlagen sie vor:

Was ist überhaupt Graffiti?
Was man heute bei uns im Volksmund unter Graffiti versteht, habe seine Ursprünge in den Vereinigten Staaten der 1970er Jahre, sagt Peter Stöcker. "Das war etwas Illegales. Es ging darum, den eigenen Namen in der Öffentlichkeit zu verbreiten, Figuren zu malen, Buchstaben zu schreiben." Ein tieferer politischer Sinn habe nicht immer dahinter gestanden. Oft aber durchaus die Intention, handwerklich und künstlerisch von Graffiti zu Graffiti besser zu werden.

Hannes Voigt stellt in diesem Zusammenhang fest: "Die Szene hat sich weiter entwickelt. Es geht schon lange nicht mehr nur und ausschließlich darum, etwas Illegales zu tun." Der künstlerische Anspruch spiele heute eine immer größere Rolle – jedenfalls bei Teilen der Szene.
Crok-Graffito an einer Wand in der Friesenstraße in Bremen (Archivbild)
Ein Graffito an einer Wand in Bremens Friesenstraße: hässlicher oder schöner als die Mauer? Bild: Christian Bordeaux
Wenn es bei Graffiti weiterhin darum geht, etwas Verbotenes zu machen: Welchen Sinn ergibt es dann, Graffiti-Künstlern Freiflächen anzubieten, auf die sie legal bemalen und besprühen dürfen?
Hannes Voigt hält großzügige Freiflächen für Graffiti im öffentlichen Raum, zumal in Bremen, für dringend erforderlich. Graffiti sei nicht nur eine Ausdrucksform, sondern eine weltweite Bewegung, deren Existenz man nicht einfach auf regionaler Ebene wegdiskutieren könne und erst recht nicht sollte. Statt dessen stehe die Gesellschaft in der Pflicht, der Szene etwas anzubieten, genau wie anderen Gruppierungen der Gemeinschaft auch. Alles andere wäre aus seiner Sicht ignorant.

Voigts Kollege Peter Stöcker betont zudem, dass einige Graffiti-Künstler im Rahmen ihrer künstlerischen Entwicklung so etwas wie illegale Phasen durchliefen, aus denen die Gesellschaft ihnen mit etwas Toleranz heraushelfen könne: "Wenn man Menschen die Möglichkeit bietet, sich kreativ auszudrücken und künstlerisch zu entwickeln, ist das für mich etwas Positives", sagt er mit Hinblick auf Freiflächen für Graffiti. Hinzu komme, dass sich ein großer Teil der Szene ohnehin ausschließlich legal betätige und daher schon lange auf mehr Freiflächen in Bremen hoffe.
 
Allerdings dürfe man sich auch keine Illusionen machen, fügt Stöcker hinzu: "Es wird, auch wenn es mehr Freiflächen gäbe, nie so sein, dass dann plötzlich jeder, der illegal malt oder sprüht, sagt: Ich höre jetzt auf damit, weil ich das da drüben, an der Freifläche, tagsüber legal machen darf." Dafür seien der Reiz des Verbotenen und der damit einhergehende Adrenalin-Kick für viele zu groß.
Wo liegt die Grenze zwischen illegal erzeugter Kunst und Vandalismus?
Aus Sicht Stöckers lässt sich diese Frage nicht pauschal beantworten, nur individuell. "Mich persönlich stören Graffiti zum Beispiel an Zuglinien oder Autobahnen überhaupt nicht. Im Gegenteil: Gerade im Zug gucke ich die ganze Zeit aus dem Fenster und freue mich darüber."

Wenn allerdings Graffiti Menschen verletzten oder sehr störten, dann müsse man den Konsens suchen, so Stöcker: "Wenn jemand 20 Jahre auf sein Einfamilienhaus gespart hat und dann kommt jemand und malt das nachts an, ist für mich eine Grenze überschritten." Gleiches gelte aus seiner Sicht für Schmierereien an öffentlichen Institutionen oder an altertümlichen Bauwerken.
Graffiti in Bremen an der Weser (Archivbild)
Große Wände und Mauern an Autobahnen, Bahnstrecken oder am Wasser, wie hier an der Weser, eignen sich besonders gut für Graffiti, findet Peter Stöcker. Bild: Imago | Panthermedia/Herby
Was würden Künstler wie Stöcker oder Voigt anstelle der Stadt Bremen unternehmen, um das Problem mit Wandschmierereien in den Griff zu bekommen?
Sowohl Voigt als auch Stöcker betonen, dass sie in den zusätzlichen Freiflächen, die Bremen für Graffiti schaffen möchte, ein gutes Mittel sehen, um Konflikten mit Sprayern vorzubeugen. Es müssten aber noch weitere Maßnahmen ergriffen werden. So sagt Stöcker: "Bremen hätte auch die Chance, sich als Zentrum urbaner Kultur zu positionieren."

Dazu müsste die Stadt ein langfristiges Konzept ausarbeiten, das urbane Kunst nachhaltig in den Stadtraum integriert. Denkbar wären etwa Urban-Art-Festivals mit internationalen Künstlern zur Gestaltung öffentlicher Flächen, schlägt Stöcker vor: "Gern würde ich die Stadt dabei unterstützen."
Was könnte Bremen im Umgang mit Graffiti von anderen Städten lernen?
Zunächst einmal sollte der Bremer Senat nicht übertreiben, wenn er von "Farbvandalismus" im Zusammenhang mit Graffiti in Bremen spricht, findet Voigt. Er wolle zwar nicht schönreden, dass einige Leute illegalerweise privates Eigentum verunstalteten. Er sieht darin in Bremen aber kein massenhaftes Phänomen: "Da sieht es in anderen Städten ganz anders aus", sagt er und verweist beispielhaft auf Hamburg und Leipzig.

Aus Voigts Sicht hätte Bremen zudem schon vor Jahren viel mehr Freiflächen für Graffiti anbieten müssen als geschehen: "Da gab es in den letzten eineinhalb Jahren eine einzige Fläche in Hemelingen, also auch noch weit außerhalb der Stadt, die freigegeben worden ist." In Oldenburg dagegen gebe es rund 15 bis 20 freie Flächen für Graffiti. "Da können sich die Leute ausleben", schwärmt Voigt. Er verweist beispielhaft auf verschiedene Unterführungen und Lärmschutzwände in Oldenburg, die schon seit Jahren viele schöne Graffiti zierten. Bremen dagegen feiere ein einzelnes, noch dazu temporäres Projekt auf dem einstigen Coca-Cola-Gelände in Hemelingen als "Pilotprojekt", gerade so, als sei Graffiti etwas Neues.

Dabei hätte auch Bremen schon vor Jahren das eine oder andere öffentliche Gebäude für Graffiti freigeben können, sagt Voigt. Vorbildlich finde er etwa auch, wie in Wien weite Strecken am Donaukanal Graffiti-Künstlern zur Verfügung stünden: "Dadurch hat die Szene dort kilometerlange, attraktive Wände, an denen man was machen kann." Schließlich gebe es die Möglichkeit, bei Neubauprojekten von vornherein auch an Graffiti-Künstler zu denken.

So will der Bremer Senat gegen Farbvandalismus vorgehen

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. Januar 2023, 19.30 Uhr