95 Jahre "Goldenes Buch": 5 berühmte Einträge und ihre Geschichte

Bild: Radio Bremen

Das "Gästebuch des Senats der Freien Hansestadt Bremen" ist ein Stück Stadtgeschichte – zahlreiche berühmte Besucher haben sich in 95 Jahren verewigt. Wir haben durchgeblättert.

Rotes Ziegenleder, rund 300 Seiten, edler Goldschnitt. Das ist das "Gästebuch des Senats der Freien Hansestadt Bremen" – besser bekannt als: Goldenes Buch. Vor 95 Jahren bekam es seinen ersten Eintrag, seitdem gehört es zum festen Protokoll eines Staatsbesuchs. Auch Sportler, Künstlerinnen oder Musiker dürfen sich auf Beschluss des Senats darin verewigen. "Das Goldene Buch ist auch eine Chronik Bremer Stadtgeschichte", sagt Birgitt Rambalski, die Protokollchefin des Rathauses.

Mit nur einem Goldenen Buch kommt das Rathaus übrigens schon lange nicht mehr aus. Die prominenten Gäste haben inzwischen fast fünf Bücher vollgeschrieben. Wir zeigen Ihnen fünf berühmte Persönlichkeiten und wie sie sich dort verewigt haben.

1 1926 – Paul von Hindenburg

Der ehemalige Reichspräsident von Hindenburg hat sich 1926 ins Goldene Buch der Stadt Bremen eingetragen
1926 trägt er sich als Erster ein: der damalige Reichskanzler Paul von Hindenburg. Bild: Radio Bremen

Der Reichspräsident ist am 21. Oktober 1926 auf Staatsbesuch in Bremen. Ein Ölgemälde, das im Rathaus hängt, zeigt das üppige Festbankett, das er damals in der oberen Rathaushalle bekommt. Hindenburg war 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, zum Ehrenbürger der Stadt Bremen ernannt worden. 1926 macht man ihm gerne wieder den Hof. Hindenburg bekommt die Ehre, Bremens erstes Goldenes Buch einzuweihen.

1933 setzt Hindenburg Adolf Hitler als Reichskanzler ein. Danach spiegelt auch die Liste der Gäste die düsteren Zeiten: Himmler, Göring und so einige Vertreter anderer faschistischer Staaten dürfen sich bis 1944 ins Goldene Buch eintragen. Einen Eintrag von Hitler gibt es dagegen nicht. Immerhin das ist dem Buch erspart geblieben.

2 1997 – Michael Jackson

Michael Jackson trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Bremen ein
Michael Jackson trug sich während seiner Deutschland-Tour 1997 in das Goldene Buch ein. Bild: Radio Bremen

So einige Monarchen haben sich über die Jahre im Goldenen Buch eingetragen, aber der Hype um den "King of Pop" schlägt alles. Im Mai 1997 eröffnet Michael Jackson seine Deutschland-Tour im Weserstadion – und die Stadt dreht durch. Ganz Bremen will offenbar ein Autogramm. Fans belagern das Parkhotel, wo Jackson übernachtet. Im Rathaus führt Bürgermeister Henning Scherf den prominenten Gast herum, danach trägt der sich ins Goldene Buch ein: "I love you people with all my heart, mind and soul, honestly yours Michael Jackson."

Wenig später ist alles wieder vorbei. Dass es am gleichen Tag noch mehr prominente Gäste gibt, geht in dem Hype um Jackson komplett unter. Christo und Jean-Claude haben 1995 den Reichstag in Berlin eingehüllt, auch sie sind damals Weltstars der Kunstszene. Als sie kurz nach Jackson ins Rathaus kommen, nimmt niemand davon Notiz, erinnert sich Protokollchefin Rambalski: "Es gab keinen Fotografen, niemand von der Presse war interessiert." Aber Christo und Jean-Claude waren da. Der Eintrag im Buch beweist es.

3 2004 – Janosch

Janosch hat im "Goldenen Buch" der Stadt Bremen seine Bremer Stadtmusikanten mit Tigerente hinterlassen
Nicht einfach nur eine Unterschrift: Janosch verewigt sich zusätzlich mit Aquarellfarben. Bild: Radio Bremen

Ein anderer Künstler, an den man sich im Rathaus bis heute erinnert, ist der Kinderbuchautor und Illustrator Janosch. 2004 hat der eine Neuausgabe der Bremer Stadtmusikanten als Bilderbuch herausgebracht. Nun soll er sich auf dem edlen, dünnen Papier des Goldenen Buches verewigen. Plötzlich holt Janosch seine Aquarellfarben raus. "Da blieb mir das Herz stehen. Um Gottes Willen, was macht der jetzt?", erzählt Rambalski. "Das wäre ja alles durchgesuppt." Die Protokollchefin schiebt schnell ein Stück Papier als Unterlage unter die Seite. Das Buch bleibt trocken. Dafür schmückt nun eine bunte Aquarellzeichnung der Stadtmusikanten das Goldene Buch – inklusive Tigerente.

4 1978 – Queen Elisabeth II.

Queen Elisabeth II. besucht Bremen und trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein
Queen Elisabeth wird in Bremen vor dem Roland freudig begrüßt. Bild: Radio Bremen

Königsbesuche dagegen sind Besuche, die Protokollchefinnen lieben. Denn die Monarchen sind seit früher Kindheit gewohnt ans Repräsentieren, an Protokolle und formale Abläufe. Sie klecksen nicht, sie malen keine Bilder, sie schreiben keine langen Texte. Der Eintrag der vielleicht berühmtesten Gäste, der Queen und ihres Gatten im Mai 1978, ist dann auch so schlicht wie makellos: Sie unterschriebt wie immer mit "Elisabeth R." (wie Regina, lateinisch für Königin). Er schreibt "Philip". Reicht.

5 2010 – Bettina Wulff

Die deutschen Verfassungsorgane sind dagegen nicht ganz so geübt im protokollarischen Zeremoniell. Am 3. Oktober 2010 ist anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit die komplette deutsche Politprominenz in Bremen versammelt, darunter auch die Chefinnen und Chefs aller fünf Verfassungsorgane: Bundespräsident, Bundestagspräsident, Bundeskanzlerin, Bundesratspräsident und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Das aufgeschlagene "Goldene Buch" zeigt die Unterschriften der Ehrengäste des 3. Oktober 2010, u.a. Bettina Wulff
Ein ganz schönes Durcheinander: Auch Bettina Wulff unterschreibt unter ihrem Mann im Goldenen Buch. Bild: Radio Bremen

Nachdem Bundespräsident Christian Wulff seine inzwischen berühmte "Der Islam gehört zu Deutschland"-Rede gehalten hat, kommen die Politikerinnen und Politiker ins Rathaus. Sie sollen das ganz frische, inzwischen fünfte Gästebuch einweihen.

Doch nachdem Bundespräsident Wulff unterschrieben hat, greift sich zum allgemeinen Erstaunen seine Frau Bettina den Füllfederhalter. Die mag sich zwar als First Lady fühlen, hat im offiziellen Protokoll aber nichts zu suchen. Trotzdem unterschreibt sie direkt unter ihrem Mann. Danach geht alles durcheinander. Auch andere Begleitungen tragen sich ein. Die wochenlang vorbereitete Zeremonie endet im protokollarischen Chaos – und die erste Seite des neuen Gästebuchs sieht danach alles andere als sortiert aus.

Autor

  • Steffen Hudemann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Oktober 2021, 19:30 Uhr