Infografik

Mehr Wölfe in Niedersachsen – jetzt soll das Jagdrecht geändert werden

Niedersachsen meldet immer mehr Rudel. Die Zahl der Funde toter Tiere hat sich nahezu verdoppelt. Was der Wolfsbeauftragte und Bremens Stadtjägermeister daraus ableiten.

Ein Wolf steht in einem Wald.
Der Wolf breitet sich immer weiter aus – auch in Niedersachsen. Bild: DPA | Ole Spata

Deutschlandweit steigt die Zahl der beobachteten Wölfe ungebrochen. Im vergangenen Wolfsjahr wurden insgesamt 128 Rudel bestätigt. Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) leben davon allein 23 Rudel sowie 13 Paare in Niedersachsen. Diese Zahlen gelten für das biologische Wolfsjahr – vom 1. Mai 2019 bis zum 30. April 2020.

Die aktuellen Zahlen des Wolfsmonitoring Niedersachsen geben sogar eine noch größere Population an. Im November zählt der Leiter der Monitoringstelle 35 Wolfsrudel und zwei Wolfspaare. "Die Differenz zu den Zahlen vom DBBW erklärt sich durch unsere aktuelleren Zahlen", so Raoul Reding von der Landesjägerschaft Niedersachsen, der das Wolfsmonitoring in Niedersachsen leitet.

Wolfspopulation rund um Bremen und Bremerhaven

Wolfspopulation rund um Bremen und Bremerhaven W olfsrudel W olfsrudel (unbestätigt) W olfspaar Unklar Stade V e r den StuhrOldenbur g Wilhelmsha v en Br emer- h a v en DelmenhorstSoltau Nor denham Buchholz Br emen Hambur g Hanno v er Quelle: Landesjägerschaft Niedersachsen e.V . (Stand: 02.11.2020)
Die Zahl der Wölfe in Niedersachsen wächst stetig. Bild: Radio Bremen

Dunkelziffer der Wölfe ist weitaus höher

Und die Dunkelziffer scheint noch weitaus höher zu sein. "Je mehr Wölfe es in Deutschland gibt, desto schwieriger ist es, sie zu zählen. Da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man mal einen übersehen hat", so Reding. Die Zahlen des Bundesamtes für Naturschutz basierten auf Belegen wie Fotos oder genetischen Nachweisen: "Die Zahlen sind mit Fakten hinterlegt. Allerdings handelt es sich hierbei um eine Mindestanzahl."

So geht Wolfsbeauftragter Reding davon aus, dass in Niedersachsen weit mehr als die 35 Rudel leben. Ein Rudel bestehe aus 6 bis 8 Wölfen. Für Bremen wurden keine Nachweise eines Rudels, eines Paares oder eines sesshaften Einzelwolfes gemeldet. "Bremen ist kein passendes Biotop für Wölfe, es kommen aber immer mal junge Wölfe auf Wanderschaft", sagt Harro Tempelmann, Stadtjägermeister im Land Bremen. Doch zurzeit sei es absolut ruhig in Bremen.

Mehr tot aufgefundene Wölfe

Eine weitere Erkenntnis des Bundesamtes für Naturschutz ist, dass die Zahl der tot aufgefundenen Wölfe, sogenannte Totfunde, sich seit dem Erhebungszeitraum 2017/18 mehr als verdoppelt hat.

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Die häufigste Todesursache sind dabei Verkehrsunfälle mit Wölfen. Von den in Deutschland seit dem Jahr 2000 bis heute tot aufgefundenen Wölfen sind laut DBBW 41 Tiere nachweislich an natürlichen Ursachen gestorben, 50 Exemplare illegal getötet worden und 387 Individuen durch den Verkehr ums Leben gekommen. Dieses Zahlenverhältnis gilt auch für das vergangene biologische Wolfsjahr: Von den deutschlandweit 126 tot aufgefundenen Wölfen wurden elf Wölfe illegal getötet, neun starben an einer natürlichen Ursache und 98 Wölfe wurden überfahren.

"Die hohe Zahl der Verkehrsunfälle ist nicht ungewöhnlich, die ist absolut normal", sagt Raoul Reding. "Mit wachsendem Wolfsbestand nehmen natürlich auch die Verkehrsunfälle zu, weil mehr Wölfe die Straße queren." Da sei der Wolf nicht anders als anderes Wild wie Rehe oder Füchse.

Akzeptanz des Wolfs schwindet

Jedes Jahr werden Wölfe also auch illegal getötet. "Wir können zwar die Todesursache pathologisch feststellen, aber welche Motive hinter den Tötungen stehen, das wissen wir nicht", so Reding. "Da wird selten jemand gefasst." Wer aber erwischt wird, gilt als vorbestraft, muss eine hohe Strafe zahlen und verliert gegebenenfalls seinen Jagdschein. "Das macht kein normaler Jäger", so Jäger Tempelmann. Wölfe sind eine streng geschützte Art und werden als 'gefährdet' eingestuft. Sie dürfen weder getötet noch verletzt werden.

Protest-Plakat gegen Wölfe in der Wesermarsch
In der Wesermarsch wird mit Plakaten gegen den Wolf protestiert. Bild: Radio Bremen | Rainer Krause

Viele Nutztierhalter sehen diesen Schutz kritisch. In den vergangenen Jahren wurden vermehrt domestizierte Tiere von Wölfen gerissen. Das führt vermehrt zu Konflikten. Dabei gehe es nicht um den finanziellen Wert der gerissenen Tiere, so Reding, sondern auch um die Folgeschäden für die Tierhalter wie die Kosten für bessere Schutzmaßnahmen. Und vor allem sei es eine "emotionale Herausforderung" für die Tierhalter.

Wolf soll ins Jagdrecht aufgenommen werden

Schon lange fordern insbesondere Nutztierhalter in Niedersachsen, dass der Wolf offiziell ins Jagdrecht aufgenommen wird. SPD und CDU wollen kommende Woche einen entsprechenden Antrag in den Landtag einbringen. Unter den Jägern gibt es dazu unterschiedliche Haltungen, meint Stadtjägermeister Tempelmann.

Bei Wildschweinen ist es beispielsweise so, dass Jäger für eine entsprechende Regulierung der Populationsgröße sorgen. Kommen sie dem nicht ausreichend nach, müssen die Jagdverbände für mögliche Schäden durch Wildschweine aufkommen.

Wenn der Wolf ins Jagdrecht kommt, dann würde eine solche Regelung folgerichtig auch auf ihn zutreffen, so Tempelmann. "Und bei den Schäden kommen ziemliche Summen zustande. Die würden dann beim Jäger hängen bleiben – das wünschen wir uns natürlich nicht", führt er aus. "Gleichzeitig sehen wir die Notwendigkeit, dass der Wolf gejagt werden muss. Weil wir gerade so hohe Zahlen haben. Insofern müssen wir etwas unternehmen." So brauche es neben einem novellierten Jagdrecht auch definierte Bestandszahlen, die angeben, ab wann Wölfe geschossen werden dürfen, so Tempelmann.

Nutztiere versus Artenschutz

Das könnte den Konflikt entschärften, der sich in den letzten Jahren immer mehr zugespitzt hat. Aus Sicht von Raoul Reding schwinde deswegen auch die Akzeptanz für den Wolf. "Es geht um die Koexistenz von Mensch und Wolf", so Reding. Doch je mehr Wölfe es gebe, umso mehr Konflikte kämen auf. "Die Entscheidungsträger müssen dafür sorgen, dass die Akzeptanz erhalten bleibt und Maßnahmen ergreifen, die dazu führen, dass die Nutztierhaltung nicht so sehr leidet."

"Wir müssen den Wölfen beibringen, wo sie hin dürfen und wo nicht", ergänzt Harro Tempelmann. "Wenn ich ein Rudel habe und schieße in der Nähe eines Dorfes ein Tier raus, dann haben die anderen Wölfe einen Lerneffekt und wissen, dass die da nicht hin können, weil da einer gestorben ist." Das müsse für Ortschaften ebenso gelten wie für Vieh, so Tempelmann.

Sommer 2020: Landwirte setzen auf Elektrozäune, um Wölfe abzuhalten

Video vom 30. Juni 2020
Im Wasser läuft ein Wolf. Am Himmel fliegt einem aufgrschreckte Möve.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Marike Deitschun Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 5. November 2020, 23:30 Uhr