Bremerhavener melden erstaunlichen Fund: Seepferdchen in der Nordsee

In der freien Wildbahn in der Nordsee galten Seepferdchen lange Zeit als ausgestorben. Jetzt gab es gleich mehrere Funde. Ist der Klimawandel schuld?

Zwei Seepferdchen schwimmen nebeneinander.
In den vergangenen Jahren tauchten immer mal wieder Seepferdchen in der Nordsee auf. Diese beiden Exemplare wurden 2008 entdeckt und ins Nationalpark-Haus in Dornumersiel gebracht. Bild: DPA | Heiko Lossie

Biologe Holger Haslob und seine Kollegen staunten nicht schlecht, als sie nördlich von Norderney die Netze einholten. Seit den 70er-Jahren zählen Mitarbeiter des Thünen-Instituts für Seefischerei aus Bremerhaven einmal im Jahr den Bestand an jungen Schollen und Seezungen in der Nordsee. Seepferdchen hatten sie noch nie gefangen. "Als wir dann gesehen haben, Mensch, da ist ein Seepferdchen, war das natürlich schon ein bisschen aufregend", berichtet Haslob.

Bei ihrer jüngsten Forschungsreise haben die Mitarbeiter des Bremerhavener Thünen-Instituts für Seefischerei gleich zwei lebendige Seepferdchen gefunden. Im vergangenen Jahr hatte es ein Borkumer Junge in die Medien geschafft, dem ein Seepferdchen beim Keschen im Hafen der Insel ins Netz ging. Kurz darauf entdeckten Fischer wieder ein Exemplar. Ist das ein Zeichen für die Rückkehr der Tiere?

Eine Hand hält ein Seepferdchen fest.
Das ist eines der beiden Seepferdchen, die Mitarbeiter des Thünen-Instituts aus Bremerhaven fanden. Bild: Thünen Institut für Seefischerei | Hermann Neumann

Haslobs Team hat Fotos gemacht von den braunen Tierchen mit dem pferdeähnlichen Kopf, dem markanten Rüssel und dem langen Schwanz. Rund neun Zentimeter sind beide groß. In der Nordsee sind zwei verschiedene Arten dokumentiert: das kurz- und das langschnäuzige Seepferdchen, die sich, wie der Name schon sagt, in der Länge ihrer Schnauze unterscheiden. "Wir waren uns auch erst nicht sicher, hatten dann aber noch Kollegen gefragt und waren dann aber doch sicher, dass es das Langschnäuzige ist", erzählt Haslob. Ganz genau gesagt handelt es sich um das "Hippocampus ramulosus", so der Forscher.

Experte sieht klaren Trend

Eigentlich galten Seepferdchen in der Nordsee als ausgestorben seit ein Pilz in den 30er-Jahren die Seegraswiesen zerstört hat. Thünen-Forscher Haslob ist unsicher, ob sein Fund ein Beweis für die Rückkehr der Tiere ist. Denn an der Stelle, wo sein Team die Tiere fand, forsche man erst seit 2012.

Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer in Husum hingegen sieht einen klaren Trend: Mithilfe des Portals "Beachexplorer" werden Strandfunde dokumentiert. Laut Borcherding taucht da 1999 der erste Fund eines Seepferdchens nach jahrzehntelanger Lücke auf. 2003 und 2007 gab es dann erneut Funde. "Und jetzt in den letzten Jahren wird es eben häufiger, dass Seepferdchen hier und da und dort gemeldet werden, das ist ganz offensichtlich", sagt Borcherding.

Großes Rätsel: Wo leben die Seepferdchen?

Dass die Tiere jetzt wieder auftauchen, könnte mit dem Klimawandel zusammenhängen, schätzt Borcherding: "Früher haben die Eiswinter in den kalten Wintern viele Arten erfrieren lassen in den flachen Wattenmeergewässern." Ein Rätsel ist aber noch, wo in der Nordsee die Seepferdchen einen neuen Lebensraum gefunden haben. Denn große Seegraswiesen oder Algenwälder gebe es nicht, sagt der Biologe.

Die Nordsee wird wärmer, wir kriegen viele Arten, die von Süden zuwandern und die sich jetzt auch hier halten können, weil wir die Eiswinter nicht mehr haben.

Rainer Borcherding, Biologe

Auch wenn die Tiere keine Schlüsselfunktion im Biotop Wattenmeer hätten, freut sich Borcherding über ihr vermehrtes Auftreten: "Es ist schon eine niedliche Art und es ist auch biologisch natürlich ganz skurril."

Die Freude über die niedlichen Fische währte bei den Thünen-Forschern übrigens nur kurz. Nachdem sie die seltenen Tiere untersucht und bestaunt hatten, haben sie sie wieder frei gelassen.

Autoren

  • Carolin Henkenberens Redakteurin und Autorin
  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Sonntag aus dem Studio Bremerhaven, 8. Januar 2021, 13.40 Uhr