Isolation an Bord: So kümmert sich die Bremer Seemannsmission zum Fest

Fern der Heimat, von Bord gehen geht nicht: Für einige Seeleute ist die Weihnachtszeit dieses Jahr hart. Doch sie sind nicht allein. Und Geschenke gibt es auch.

Video vom 23. Dezember 2020
Bärtiger Mann übergibt Frau auf Schiff einen Tannenbaum
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Von falscher Bescheidenheit hält Magnus Deppe wenig: "Hello, Santa Claus is coming!", ruft der Seemannsdiakon, während er, den Weihnachtsbaum in Händen, auf das Schiff stiefelt. Seeleute müssen in der Corona-Pandemie viel ertragen, sind oft monatelang ununterbrochen auf dem Schiff, ohne festen Boden zu betreten. Ein bisschen Abwechslung kann ihnen da nur gut tun, findet Deppe. Er gibt gern den Weihnachtsmann für die Besatzung.

Manche Seefahrerinnen und Seefahrer sitzen derzeit regelrecht auf ihren Schiffen fest. Gestrichene Flüge, geschlossene Visastellen und Quarantäne-Maßnahmen erschweren weltweit die Crew-Wechsel. Nach Schätzungen der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO warten weltweit rund 400.000 Seefahrer nach Ende ihres Einsatzes darauf, ihre Schiffe verlassen zu können. Sie sind oftmals vollkommen erschöpft.

Die Seemannsmissionen in Bremen und Bremerhaven kümmern sich um die Betroffenen. "Es ist ganz wichtig, gerade in dieser Pandemie immer wieder das Signal zu setzen: Ihr seid nicht vergessen!", sagt die Bremerhavener Seemannsdiakonin Christine Freytag dazu.

30 Tannenbäume aus Sylt für die Seeleute

Die Seemannsmission finanziert sich über Mittel vom Bund, der Kirche und vor allem über Spenden. Normalerweise lassen sich Seeleute auf ihren Landgängen auch schon mal beim Gröpelinger Domizil der Mission blicken. So lange aber Corona wütet, kommt auch das nicht infrage. Dafür gleicht die Mission dieser Tage eher einem Lager für insgesamt 1.200 Geschenktüten.

"Hier haben wir eine warme Mütze mit dem Logo der Bremer Seemannsmission, eine Powerbank ist immer dabei und kleine Taschenlampen", freut sich Magnus Deppe und deutet auf die Tüten. Doch die Mission hat den Seeleuten noch mehr zu bieten: "Wir haben in diesem Jahr 30 Tannenbäume aus Sylt gespendet bekommen, aus biologischem Anbau mit Topf", sagt der Diakon. Auch die Bäume wollen nun unter den Seeleuten verteilt werden.

Nicht acht, sondern zehn Monate an Bord

Wie sich das Leben für Seefahrer durch Corona verändert hat, wissen Kapitän Joost Peperkamp und seine gesamte Crew der Eemssky aus den Niederlanden. Ihr Schiff liegt gerade in Bremen und lädt sogenannte "Coils", aufgerolltes Blech.

Das große Problem ist nicht, dass wir das Schiff im Hafen nicht verlassen dürfen, sondern dass niemand nach Hause kam. Deshalb mussten viele länger an Bord bleiben – nicht acht Monate, sondern zehn

Joost Peperkamp, Kapitän der Eemssky

Unten, in der Messe des Schiffs, versuchen Lodivico Carbonez und Renier dela Cruz von den Philippinen das Beste aus der Situation zu machen. Zumindest habe das Schiff eine gute Internetverbindung, sagen sie. Sie nutzen ihre freie Zeit zum großen Teil, um mit ihren Familien zu telefonieren.

Eine Schiffscrew singt an Bord ein Lied
Die Besatzung der Eemssky besingt den Weihnachtsbaum: "You remember oh Tannenbaum last year?" Bild: Radio Bremen

Längst nicht alle Mannschaften gewähren Magnus Deppe derzeit solche Einblicke in das Leben an Bord wie die Crew der Eemssky. Vielen muss er die Weihnachtsgrüße von der Reling aus ausrichten. Denn die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus ist groß auf vielen Schiffen. Trotzdem sucht die Seemannsmission den Kontakt mit den Besatzungen. In diesem Jahr fehlten den Seeleuten oft elementare Sachen wie Rasierschaum oder Zahnpasta. Dieses Mal hat Deppe einen Tannenbaum für den ersten Offizier, für Gabriele Grawe mitgebracht. Prompt stimmt die Crew ein Lied an: "You remember oh Tannenbaum last year?"

14 Monate auf See – Geburt des Kindes verpasst

Wie die Kollegen in Bremen, so haben sich auch die Bremerhavener Seemannsdiakonin Christine Freytag und ihr Freiwilligendienstler Abinesh mit Geschenken auf den Weg gemacht, um Seeleuten eine Freude zu bereiten. Sie haben in diesem Jahr viele traurige Geschichten gehört.

Ein Seemannn hat mir erzählt, dass er 14 Monate auf dem Schiff war. Das ist über ein Jahr! Seine Frau war schwanger, hat das Baby im April bekommen, und es war kein Crewwechsel möglich

Abinesh, Freiwilligendienstler der Seemannsdiakonin in Bremerhaven
Braunäugige Frau in den Vierzigern, im Hintergrund ein leuchtender und geschmückter Weihnachtsbaum
Seemannsdiakonin Christine Freytag bewundert Seeleute für ihre Stärke in der Pandemie. Bild: Radio Bremen

Auf der Svenja besucht das Team der Seemannsmission eine Philippinische Crew. Das Schiff liegt für Reparaturarbeiten im Trockendock. Doch die Männer an Bord dürfen nicht runter. Sie stehen unter Quarantäne. Manch einer nimmt es mit Humor: "Ich schlafe hier sehr friedlich", sagt etwa Steward Jeiner Pelobello. Seemannsdiakonin Christine Freytag ist beeindruckt, mit welcher Gelassenheit viele Seeleute die aktuelle Lage ertragen. "Stark" sei das, findet sie. Freytag hat der Crew eine WLAN-Box mit unbegrenztem Datenvolumen mitgebracht. Sehr zur Freude etwa des Zweiten Offiziers Fortnato Bellosillo: "Wir können endlich jederzeit zuhause anrufen", sagt er.

"Mit unserem Kapitän ist alles zu ertragen"

Dunkelhaariger Schiffsoffizier mit Vollbart und Brille deutet in die Ferne
"Der Beste": Kapitän Sam. Bild: Radio Bremen

Oft hängt von vermeintlichen Kleinigkeiten ab, ob die Stimmung an Bord gut ist oder nicht. Die Weserstahl bringt regelmäßig Erz zum Stahlwerk in Bremen. Ein anstrengender und schmutziger Job für die Seeleute. Doch es gibt auch Lichtblicke. Einer davon steht unten in der Kombüse: Der indische Chefkoch Jasman Sinuh. "Er ist der Beste", schwärmt die Crew.

Oben auf der Brücke wartet "Captain Sam". So nennen ihn hier alle an Bord. Es sei ein anstrengendes Jahr für seine Leute, sagt er. Immer die gleichen Gesichter, es gäbe keinen Szenenwechsel. Glücklicherweise stecke die Crew die Situation aber gut weg.

Mit unserem Kapitän ist alles zu ertragen. Er ist ein Vater, ein Mentor. Mit seiner Art lässt er uns vergessen, dass wir unsere Freunde und Familie so vermissen.

Ein Besatzungsmitglied der Weserstahl

Das Sich-Zusammenraufen gehört zum Seemannsleben offensichtlich dazu. In Zeiten der Pandemie noch ein bisschen mehr als sonst.

Autoren

  • Anna-Lena Borchert Redakteurin und Autorin
  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. Dezember 2020, 19:30 Uhr