Fragen & Antworten

Prozess gegen Bremer Pastor Olaf Latzel: Das sind die Hintergründe

Heute beginnt der Prozess gegen Olaf Latzel wegen Volksverhetzung. Was dem Bremer Pastor vorgeworfen wird und warum er so umstritten ist, erklären wir hier.

Der Bremer Pastor Olaf Latzel (rechts) vor Gericht
Latzel (rechts) muss sich vor Gericht für seine Aussagen vom 19. Oktober 2019 verantworten. Bild: Radio Bremen

An diesem Freitag beginnt der Prozess gegen den als streng konservativ geltenden Theologen Olaf Latzel vor dem Amtsgericht Bremen. Verhandlungsort ist ab 9 Uhr das Konzerthaus der Bremer Glocke. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu haben wir hier zusammengefasst.

Worum geht es im Prozess gegen Pastor Olaf Latzel?
Die Bremer Staatsanwaltschaft hat im April 2020 Ermittlungen wegen des Verdachts der Volksverhetzung durch den Pastor der evangelischen St.-Martini-Gemeinde in der Bremer Altstadt eingeleitet. Im Juli erhob sie eine entsprechende Anklage.

Grundlage sind die Äußerungen Latzels in einem sogenannten Eheseminar vom 19. Oktober 2019. Dort habe sich der Pastor in einer Weise geäußert, die den öffentlichen Frieden stören und zum Hass gegen homosexuelle Menschen aufstacheln könne, begründete der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, Frank Passade, die Anklage. Die umstrittene Rede des Pastors war lange Zeit auf Youtube für jeden abrufbar, wurde inzwischen aber aus dem Netz genommen. In dem Video sprach Latzel unter anderem davon, dass der "ganze Gender-Dreck ein Angriff auf Gottes Schöpfungsordnung ist, zutiefst teuflisch und satanisch". Außerdem sagte er Sätze wie: "Überall laufen diese Verbrecher rum von diesem Christopher-Street-Day, feiern ihre Partys."
Das Amtsgericht Bremen hat die Klage Anfang September 2020 zur Hauptverhandlung zugelassen.

Ein kirchliches Disziplinarverfahren ruht während des Prozesses. Es ist bis zum Ende des Strafverfahrens ausgesetzt und soll danach wieder aufgenommen werden.
Die Bremer St-Martini-Kirche ist durch eine Regenbogenfahne zu erkennen (Bildmontage).
Regenbogenfahne versus Kirche: Homosexualität bleibt ein Streitthema für viele Gläubige. Bild: Imago | Future Image / Eckhard Stengel
Wieso gilt der Theologe schon länger als umstritten?
Der jetzt beginnende Gerichtsprozess ist nur der jüngste Anlass, der den Pastor der St.-Martini-Gemeinde ins Visier der Staatsanwaltschaft gerückt hat. Schon 2015 prüfte diese nämlich, ob Aussagen Latzels den Tatbestand der Volksverhetzung oder Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft erfüllt hatten. Hintergrund damals war eine Predigt, in der Latzel unter anderem Buddha als "dicken, alten, fetten Herrn", das islamische Zuckerfest als "Blödsinn" und die katholischen Reliquien als "Dreck" bezeichnet hatte. Damals kam die Staatsanwaltschaft allerdings zu dem Schluss, dass solche Äußerungen durch die grundgesetzlich zugesicherte Meinungs- und Religionsfreiheit gedeckt seien.

Die strittigen Auftritte Latzels reichen allerdings noch weiter zurück. Im Dezember 2007 zum Pastor der St.-Martini-Gemeinde Bremen berufen, trat er schon früh als erzkonservativer Theologe auf. So bot er im Mai 2008 die Gemeinderäume für ein umstrittenes Seminar mit dem Titel "Homosexualität verstehen – Chance zur Veränderung" an. Einen Monat später verweigerte seine Gemeinde einer Pastorin, die eine Trauerfeier in der Martinikirche leiten sollte, im Talar aufzutreten und von der Kanzel zu predigen. Als Argument nannte die Gemeinde das biblische Lehrverbot für Frauen.
Wer gehört zu den Kritikern Latzels?
Die Auftritte des Pastors haben in den vergangenen Jahren vielfältige Kritik hervorgerufen. So protestierten im Februar 2015 beispielsweise mehrere Dutzend Pastoren der Evangelischen Kirche in Bremen auf den Stufen des Bremer Doms mit Plakaten wie "Bremen ist Bunt! Wir Leben Vielfalt" gegen die zuvor bekannt gewordene "Hasspredigt" ihres Kollegen.
Auch die Bremische Evangelische Kirche verurteilte 2015 Latzels gegen andere Religionen gerichtete Predigt. Sie verzichtete aber damals auf disziplinarische Maßnahmen.
Sogar die Bremische Bürgerschaft stimmte, unterstützt von den Fraktionen von SPD, Grünen und Linke, am 18. Februar 2015 mehrheitlich einem Entschließungsantrag zu, in dem es heißt: "Die Bremische Bürgerschaft begrüßt die Distanzierung der Bremischen Evangelischen Kirche und der Beschäftigten gegen die aufwiegelnde und herabwürdigende Predigt von Pastor Olaf Latzel. Die Äußerungen in der Predigt vom 18. Januar 2015 sind absolut indiskutabel und dürfen nicht ohne Konsequenzen bleiben."

Vor dem Hintergrund des im Oktober 2019 abgehaltenen Eheseminars verurteilte Bremens Evangelische Kirche Latzels Äußerungen zur Homosexualität "auf das Schärfste". Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, sagte im Magazin Der Spiegel: "Jesus steht für eine radikale Menschenliebe. Sie ist das genaue Gegenteil der Intoleranz, die aus den Worten von Olaf Latzel spricht."
Eine von mehreren Tausend Latzel-Gegnern unterschriebene Online-Petition mit der Forderung "Keine Hasspredigten – Setzen Sie Latzel ab!" wurde am 14. Mai 2020 gestartet. Sie war eine Reaktion auf eine kurz zuvor gestartete Petition von Latzel-Befürwortern, die sich gegen dessen Suspendierung aussprachen.
Auch kreative Kritik wurde dem Pastor schon zuteil. Kurz vor Beginn seines letzten Gottesdienstes vor seinem Sommerurlaub stellte sich im Juli 2020 eine Frau zum Protest gegen Latzel mit in Regenbogenfarben bemalten nackten Brüsten vor die St.-Martini-Kirche.
Wer gehört zu den Anhängern des Pastors?
Nicht jeder verurteilt, wofür Olaf Latzel steht, was er sagt und tut. Allen voran seine Gemeinde. So veröffentlichte der Vorstand der St.-Martini-Gemeinde im Februar 2015 eine offizielle Stellungnahme zu der Predigt, in der Latzel sich abfällig gegenüber anderen Religionen äußert hatte. In der Mitteilung hieß es: "Vorstand und Gemeinde sind dankbar für die klare, bibelorientierte Wortverkündigung ihres Pastors. Der Vorstand steht geschlossen hinter dem Pastor der Gemeinde."
In den sozialen Medien finden Latzels Predigten ebenfalls Anklang – und wurden beispielsweise auf Youtube in einigen Fällen mehr als 100.000 Mal angesehen.
Auch eine am 2. Mai 2020 gestartete Online-Petition gegen eine Suspendierung Latzels wurde innerhalb eines Monats von rund 19.000 Latzel-Befürwortern unterschrieben.

Nach angeblichem Predigtverbot: Pastor Latzel wieder auf der Kanzel

Video vom 5. Juli 2020
Pastor Latzel, der in der St. Martini Kirche predigt.
Bild: St. Martini Gemeinde Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. November 2020, 19:30 Uhr