Darum werden Porträts in die Fassade vom Auswandererhaus gefräst

31 Menschen, die sich in Bremerhaven niederließen, zieren bald die Fassade der Erweiterung des Auswandererhauses. Ihre Geschichten werden im Museum erzählt.

Video vom 19. August 2020
Das Porträt von Alojzija Wilmes auf einer weißen Fassade gedruckt.
Bild: Radio Bremen

Das Auswandererhaus Bremerhaven ist ein verlässlicher Touristenmagnet. Das Migrationsmuseum ist weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus bekannt. Für den Erfolg muss investiert werden. 2012 kam ein Einwandererhaus als Erweiterung dazu. Und dieser Anbau wird nochmal für zwölf Millionen Euro erweitert. Unter anderem gibt es eine neue Fassade. Darauf sollen die Personen sichtbar werden, deren Biografien im Museum erzählt werden. Außerdem wird die Dauerausstellung erneuert und ein Pop-Up-Museum eingerichtet. Kürzlich wurde Richtfest gefeiert, im Frühjahr 2021 soll Eröffnung sein. Die neue Fassade zeigt dann die Porträts von Einwanderern, die nach Bremerhaven kamen um zu bleiben – für immer oder vorübergehend. Das Migrationsmuseum hatte Ende 2019 dazu aufgerufen eigene Bilder oder die von Vorfahren zur Verfügung zu stellen.

Es ist ein Tribut an etwas, das in Bremerhaven seit seiner Gründung Normalität ist: Menschen kommen und gehen. Unter den Einwanderern waren niederländische Arbeiter, die halfen den heutigen Alten Hafen zu errichten. Chinesen, die in Reederei-Wäschereien arbeiteten. Portugiesen und Türken, die in der Fischindustrie beschäftigt waren. Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler, für die die Seestadt ein Zuhause wurde. Und zuletzt Afghanen und Syrer, die Schutz vor Krieg fanden.

Aus Slowenien zu "Nordsee" nach Bremerhaven

Ein Neubau mit weißer Fassade
Ein Entwurf zeigt, wie die Erweiterung des Auswandererhauses 2021 aussehen soll. Bild: Deutsches Auswandererhaus

Unter den Einwanderern, die bald von der Fassade des erweiterten Auswandererhauses lächeln, ist auch Alojzija Wilmes. Ihr Porträt wird als eines von 31 in die Betonfassade gefräst. 1968 kam Wilmes nach Bremerhaven. Sie und ihre Geschwister wuchsen im heutigen Slowenien, im kleinen Ort Dravograd auf. Mit 24 meldete sich die gelernte Einzelhandelskauffrau auf ein Stelleninserat der Firma "Nordsee" in Deutschland. Wenig später brachte sie der Zug nach Bremerhaven. Eine Stadt von der sie noch nie gehört hatte. "Am Hauptbahnhof warteten der jugoslawische Konsul und einige Vertreter der Firma 'Nordsee' auf uns", erinnert sich Wilmes. Die erste Zeit in der Fabrik sei hart für sie gewesen. Mit ihren Erfahrungen stand Wilmes später jahrzehntelang Migranten als Sozialberaterin zur Seite und tut das auch heute noch ab und zu. Eigentlich wollte sie nur ein Jahr bleiben. Mittlerweile ist sie Deutsche, hat hier eine Familie.

Museum beschäftigt sich auch mit Aufnahmegesellschaft

Arbeiter mit Helmen sitzen auf dem Boden und bearbeiten eine Fläche.
Die Porträts werden von einer Firma in Lemwerder in die Fassade eingearbeitet. Bild: Radio Bremen | Luca Laube

"Ich bin angenehm überrascht", sagt Wilmes, als sie ihr Betonporträt das erste Mal sieht. Auch Architekt Andreas Heller, der das Gebäude entworfen hat, ist begeistert von den ersten Bauteilen. "Vor allen Dingen finde ich es ganz toll, dass sich die Wirkung der Porträts in der Fassade ständig verändert, je nachdem, wie die Lichtverhältnisse sind." Der Gedanke zu der Erweiterung sei gewesen, einen Museumsteil zu schaffen, der sich mit Einwanderung und der Aufnahmegesellschaft beschäftigt. "Stellvertretend für die Menschen, die hergekommen sind, werden 31 Biografien in dieser Fassade dargestellt", sagt Heller. Gezeigt wird eine Spanne zwischen Ende des 19. Jahrhunderts bis heute, mit Frauen und Männern aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten.

Es ist eine sehr politische Architektur und ich finde es wunderbar, dass so etwas dann in einer Hafenstadt wie Bremerhaven steht.

Andreas Heller, Architekt

Heller freut sich, mit diesem Projekt ein Zeichen für die Einwanderungscommunity im öffentlichen Raum zu schaffen. "Es ist eine sehr politische Architektur und ich finde es wunderbar, dass so etwas dann in einer Hafenstadt wie Bremerhaven steht." Künftig zeigt das Auswandererhaus eine neue, umfangreiche Dauerausstellung zu 300 Jahren deutscher Migrationsgeschichte sowie die Geschichte über das Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland. Hinter einer Fassade, die laut Heller mit ihrem Mosaik zeigt, dass die Gesellschaft ein Zusammenspiel verschiedener Menschen aus der ganzen Welt ist.

Autor

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. August 2020, 19:30 Uhr