Bremer Studie deckt auf: Bundesweit fehlen über 100.000 Pflegekräfte

  • Pflegeeinrichtungen benötigen laut Studie durchschnittlich 36 Prozent mehr Pflegepersonal
  • Gutachten untersuchte Pflegeeinrichtungen bundesweit
  • Vor allem Assistenzkräfte fehlen
Eine Pflegerin schiebt einen Rollstuhl.
Helfende Hände gesucht: Es fehlt in der Altenhilfe insbesondere an Assistenzkräften. Bild: DPA | Holger Hollemann

Eine Studie der Universität Bremen hat den Fachkräftemangel in der Pflege untersucht. Das Ergebnis überrascht: Zwar dürfte allseits bekannt sein, dass es an Pflegekräften mangelt. Doch die Untersuchung der Bremer Wissenschaftler hat jetzt gezeigt, wie dramatisch dieser tatsächlich ist. Der Studie zufolge wären statt, wie derzeit, rund 320.000 bundesweit etwa 440.000 Pflegekräfte für die bedarfsgerechte stationäre Pflege erforderlich. Die Abteilung Gesundheit, Pflege und Alterssicherung am Forschungszentrum Socium der Universität Bremen hat die Studie erstellt.

Wir brauchen jede Menge helfender Hände.

Gerontologe Thomas Kalwitzki, Socium

Noch bis Juni diesen Jahres erproben Thomas Kalwitzki, Heinz Rothgang und 14 weitere Forscher der Uni Bremen ein eigens entwickeltes Verfahren zur einheitlichen Bemessung des Personalbedarfs in Pflegeeinrichtungen. Den Auftrag dazu haben sie vom Bund bekommen. Eine europaweite Ausschreibung war vorausgegangen. Am Mittwoch stellten die Bremer Forscher ihr Verfahren auf einer Fachtagung des Qualitätsausschusses Pflege in Berlin vor. Es soll Pflegeeinrichtungen und Kostenträgern dabei helfen, die jeweils fachlich angemessene Personalmenge für Pflegebedürftige anhand empirischer Werte zu berechnen.

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Bislang handele es sich bei Personalschlüsseln in der Pflege dagegen um "politische Werte", wie Kalwitzki sich ausdrückt. Um Personalschlüssel also, die mehr oder weniger willkürlich festgelegt worden seien, oft aber nur wenig mit der Realität des Pflegealltags zu tun hätten. Auch deshalb gebe es von Bundesland zu Bundesland erhebliche Unterschiede. Seien etwa in Bayern für eine Pflegeeinrichtung mit einem bundesdurchschnittlichen Pflegegradmix 40 Vollzeit-Pflegekräfte vorgesehen, stünden in Mecklenburg-Vorpommern, im Saarland oder in Sachsen-Anhalt lediglich 35 Vollzeitkräfte zur Verfügung. Bremen, so Kalwitzki, liege irgendwo zwischen den Schlusslichtern und dem Spitzenreiter.

Insbesondere Assistenzkräfte fehlen

Mithilfe des von Kalwitzki und seinen Kollegen entwickelten Verfahrens soll es nun möglich sein, den Personalbedarf einer Pflegeeinrichtung bedarfsgerecht zu ermitteln. Stark vereinfacht, so Kalwitzki, bestehe das Bedarfsbemessungsinstrument der Bremer Forscher aus einer einzigen Formel: "Vorn in der Gleichung stehen die Pflegebedürftigen, hinten das erforderliche Personal." Die Formel dazwischen sei mit 300.000 bis 400.000 Parametern hinterlegt.

Eine Frau gibt einer Senioren Medikamente in einer Wohnung
Viele einfache Tätigkeiten, darunter die Medikamentgabe, können in der Regel Assistenzkräfte in der Pflege übernehmen.

Auf diese Weise könne man, wenn man den Personalbedarf einer Einrichtung berechne, diverse Besonderheit einkalkulieren: etwa die Pflegegrade der Bewohner, die Zahl der notwendigen Interventionen, die angemessene Zeit, die eine Intervention in Anspruch nimmt, sowie das bedarfsgerechte Qualifikationsniveau der Pflegekräfte.

Apropos Qualifikationsniveau: Besonders groß ist den Bremer Forschern zufolge der Mangel an Assistenzkräften in der stationären Pflege. Sie beziffern den erforderlichen Personalzuwachs auf 69 Prozent. Jener der Fachkräfte liege dagegen "nur" bei 3,5 Prozent.

Aus diesem Grund empfehlen Kalwitzki und seine Mitstreiter, zunächst mit dem "flächendeckenden Personalaufbau im Bereich der Assistenzkräfte" zu beginnen. Dass bei diesem flächendeckenden Personalaufbau das Verfahren der Bremer Wissenschaftler zum Einsatz kommen wird, hält Kalwitzki für "sehr wahrscheinlich". "Wenn auch wohl nicht von heute auf morgen", fügt er hinzu.

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 25. Februar 2020, 14 Uhr