Infografik

Warum Pflegekräfte in Bremen nicht um ihre Rechte kämpfen

Nur etwa zehn Prozent der Pflegekräfte sind in der Gewerkschaft. Die Streikbeteiligung ist zu niedrig, um echte Schlagkraft zu entwickeln. Was die Branche schwächt.

Ein Pfleger demonstriert mit einem Schild, auf dem "Es geht auch um eure Gesundheit" steht (Symbolbild)
Pflegekräfte sind gewerkschaftlich nicht gut organisiert, die Streikbeteiligung ist in der Regel gering. (Symbolbild) Bild: DPA | Ole Spata

Diana Franke trägt doppelten Corona-Schutz: Eine hellblaue Maske über der grünen, das ist Pflicht auf der Station der Pflegefachkraft im Klinikum Bremen-Mitte. Die 38-Jährige spricht vom jüngsten Tarifabschluss und dass sie erst mal ganz zufrieden sei: "Wir hatten uns auf Station darüber unterhalten. Es ist gut, dass gerade die niedriger Gruppierten mal ein bisschen mehr bekommen. Das hätte schon viel eher kommen müssen, da sind wir froh drum – um die Wechselschichtzulagen."

Je nachdem, welche Zulagen eine Pflegefachkraft bekommt, kann sie in gut zwei Jahren bis zu 8,7 Prozent mehr verdienen. "Für die Pflege ist das sehr gut", sagt auch Jörn Hilker, Betriebsrat im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide. Doch Hilker meint: "Auch wenn es meiner Meinung nach mehr durch den gesellschaftlichen Druck passiert ist als durch die Pflegekräfte selbst."

Hilker wirkt enttäuscht über die Streikbeteiligung: "Klare Aussagen kann ich nur für unser Krankenhaus treffen. Wenn ich mich umschaue: Da war nicht viel aus der Pflege." Dabei hätte der Betriebsrat die Kollegen bei jeder Streikrunde direkt angesprochen, um sie für den Arbeitskampf zu motivieren. "Zu viel zu tun", sei die meistgehörte Antwort gewesen.

Kein Personal, um für mehr Personal zu streiken

Diana Franke, Pflegefachkraft und Betriebsratsmitglied Klinikum Bremen-Mitte
Diana Franke erlebt regelmäßig, wie schwierig es ist, Pflegekräfte zum Streik zu bewegen. Bild: Radio Bremen

Diana Franke erlebte es ähnlich. Sie ist im Betriebsrat und in der Gewerkschaft Verdi. Am ersten Streiktag hätten zwar 250 Beschäftigte mitgestreikt: "Das waren für Mitte-Verhältnisse richtig viele. Insgesamt für die Geno waren es wohl 800 für alle vier Häuser." Doch unter die Streikenden hätten sich unterstützende Kollegen aus anderen Bereichen gemischt, wie Physiotherapeuten oder Pflegekräfte, die an dem Tag frei hatten. "Oben auf Station, da musste man mehr motivieren", sagt Franke und erklärt sofort: "Die haben dieses schlechte Gewissen, bei den vollen Stationen."

Vor jedem Warnstreik vereinbart die Gewerkschaft Verdi mit der Klinikleitung eine Notbesetzung. Eine Mindestanzahl an Pflegekräften muss auf der Station sein, um die Versorgung der Patienten sicherzustellen. Doch die Personaldecke ist dünn, sodass am Ende oft keiner mehr übrig bleibe um zu streiken, erzählt Sabine Weichert. Sie ist Pflegefachkraft in der Psychiatrie, seit 37 Jahren arbeitet sie im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide und sagt: "Wir sind meist mit mehr als 100 Prozent überbelegt, aber zu wenig Pflegekräfte."

Wir sind eh am Limit, und dann auch noch gehen? Ich kann die Kollegen nicht alleine lassen.

Sabine Weichert, Pflegefachkraft Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide

"Wir haben kein Personal und volle Stationen. Und nicht nur Patienten, bei denen man eben mal Blutdruck messen muss", sagt auch Franke, die auf der Neurochirurgie in Bremen-Mitte mit Schwerstkranken arbeitet. "Da wird nur zu dritt gearbeitet, 38 Betten, voll belegt. Da kann keiner einfach runtergehen und streiken." Sie habe mit dem Betriebsrat schließlich Aufkleber an die Kolleginnen und Kollegen verteilt mit der Aufschrift: "Im Herzen bin ich dabei", sagt sie und lächelt.

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Caritativ aus Tradition

Regina Carstens, Betriebsrätin Klinikum Bremen Mitte, im Interview
Mit ihrem Engagement im Betriebsrat ist Regina Carstens eine der Wenigen in der Pflege. Bild: Radio Bremen

Loyalität ist ein Merkmal, das viele Pflegekräfte kennzeichnet. Diese Haltung liegt in der Tradition des Berufes. Pflege hieß Anfang des 20. Jahrhunderts "Helfen – ohne etwas dafür zu verlangen", wie Regina Carstens, Betriebsrätin im Klinikum Bremen-Mitte erklärt. Unverheiratete bürgerliche Frauen gingen in kirchliche Orden, die Diakonie oder das Rote Kreuz, und machten dort Krankenpflege für ein Taschengeld. "Daher kommt das caritative Denken, denn es war nicht als Arbeit deklariert. Es hatte einen dienenden Charakter: Nicht Beruf, sondern Berufung."

Bis heute gehen laut Carstens viele in die Pflege, mit dem Anspruch, anderen Menschen zu helfen. Bis heute sind es auch überwiegend Frauen, die in der Pflege arbeiten, 87 Prozent im Land Bremen (Stand 2017). "Frauen sind sehr gut in der Sorgearbeit und stellen das Wohl anderer in den Mittelpunkt", erklärt Carstens weiter. Für Pflegefachkraft Franke ist das ein großes Thema, auch sie selbst habe es "auf die harte Tour" lernen müssen. Vor etwa 15 Jahren hatte sie einen Burnout. Sie bekam Unterstützung, auch vom Betriebsrat. Heute fühle sie sich stark, sagt die Mutter von zwei Kindern und ergänzt nachdenklich: "Vielleicht war das auch ein Grund für mich gewesen, im Betriebsrat mitzuarbeiten." Mit ihrem Engagement ist sie eine von Wenigen in der Pflege.

Keine Schlagkraft in der Gewerkschaft

Peter Bleses vom Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw)
Peter Bleses vom Institut Arbeit und Wirtschaft sieht mehrere Gründe dafür, dass die Pflege im Arbeitskampf nicht so stark aufgestellt ist. Bild: Peter Bleses

Peter Bleses, Sozialwissenschaftler am Institut für Arbeit und Wirtschaft (IAW), sieht in der Entstehungsgeschichte der Pflege als zunächst unbezahlte Arbeit einen Grund dafür, dass sich die Löhne nicht so entwickelt haben wie in der Industrie. "Ich will das nicht überstrapazieren und sagen: 'Das wird für immer nachwirken'", sagt Bleses. Die Krankenpflege habe sich inzwischen auch sehr stark professionalisiert, "aber man kann es nicht wegdiskutieren".

Der Organisationsgrad in der Pflege ist bundesweit entsprechend niedrig, nur wenige Beschäftigte sind in der Gewerkschaft. In den Kliniken in Bremen sind es dem Vernehmen nach knapp zehn Prozent beim kommunalen Klinikverbund Geno bis hin zu etwa 40 Prozent bei der Rolandklinik. Letzteres ist eines der freigemeinnützigen Krankenhäuser und es kommt nicht von ungefähr, dass Verdi dort besser aufgestellt ist. Denn es wird nicht automatisch nach Tarif bezahlt, die Gewerkschaft handelte einen Haustarifvertrag mit der Klinikleitung aus. Im Schnitt soll der Organisationsgrad im Land Bremen zwischen zehn und 15 Prozent liegen. In der Industrie dagegen ist er mehr als doppelt so hoch, in einigen Betrieben bei 80 Prozent.

Wenn Sie mich fragen, dann würde ich, wenn ich in der Pflege arbeiten würde, natürlich in eine Gewerkschaft gehen. Ich würde keine Sekunde warten.

Peter Bleses, Sozialwissenschaftler IAW Bremen

Verdi will keine genauen Zahlen nennen, Rückschlüsse darauf, welche Kraft die Gewerkschaft hat – oder nicht – soll die Arbeitgeberseite nicht ziehen können. Doch die wird es wohl ohnehin wissen und zahlt die verhandelten Lohnerhöhungen allen Beschäftigten, obwohl sie eigentlich nur für den Tarifpartner, also die Gewerkschaftsmitglieder, gelten müssten. "Das wissen viele gar nicht", glaubt Carstens. Wäre es anders, bekämen die Gewerkschaften wohl großen Zulauf und wären schlagkräftiger. "Man könnte mit breiterer Brust auftreten, wenn man viel mehr Mitglieder hätte", sagt dazu Wissenschaftler Bleses.

Resignation bei den Pflegekräften

Mit mehr Mitgliedern könnte man einen wirkungsvollen Streik planen, erklärt Bleses weiter. "Auch mal ein Krankenhaus in Teilen lahmlegen – nach Corona." Die geplanten Operationen, die nicht lebenswichtig sind, mit denen die Kliniken aber ihr Geld verdienen, müssten ausfallen. "Das tut dann weh." Der Forscher sieht aber weit mehr Gründe dafür, dass die Pflege im Arbeitskampf vergleichsweise schwach aufgestellt ist: Die Pflege sei zersplittert in viele Bereiche, es fehle das gemeinsame Feld, auf dem man handeln könne. Und "die Mitarbeiter sind überstrapaziert, da ist bei vielen keine Energie mehr, auch noch das zu tun."

Als "resigniert" beschreiben die Pflegefachkräfte Weichert und Franke die Stimmung. Jahrzehntelang habe sich nichts für die Wertschätzung der Beschäftigten getan. Hat es denn gar keinen Schub gegeben durch die Aufmerksamkeit in der ersten Welle der Corona-Pandemie? "Die Motivation durch das Klatschen im Sommer ist aufgebraucht", meint Franke. Zum einen wegen des anstrengenden Arbeitsalltags – sie habe ihre halbe Stelle schon vor Mitte November abgearbeitet, weil sie einspringt. Zum anderen habe die Debatte um den Pflegebonus für Frust gesorgt: "Wir haben Wetten abgeschlossen: 'Na, kriegen wir den wirklich?'" Die Verteilung sei dann für viele nicht nachvollziehbar gewesen, so Weichert.

Corona-Schub light?

Jörn Hilker
Für Betriebsrat Jörn Hilker ist in der Pflege etwas in Bewegung gekommen. Bild: Jörn Hilker

Für Wissenschaftler Bleses ist die Branche in einer klassischen Situation, in der man sich in einer Gewerkschaft zusammentun würde. Aber er will auf keinen Fall, dass der Eindruck entsteht, in dem Berufszweig stehe jetzt alles still: "Es ist ja nicht so, als würde die Krankenpflege gar nicht aufstehen: Wir haben noch nie so viel Protest und Unmutsäußerungen gehabt wie jetzt."

Tatsächlich zeigen sich die Betriebsräte zuversichtlich: Regina Carstens meint, Verdi müsse als größte Dienstleistungsgewerkschaft deutlicher machen, dass man wirklich für die Pflege und Gesundheitsberufe eintreten wolle. In Bremen-Mitte habe sie schon eine etwas höhere Aktionsbereitschaft wahrgenommen. Hilker sieht sich mit 15 Prozent Organisationsgrad im Klinikum Reinkenheide im Vergleich gut aufgestellt. "Wir wollen keinen Druck ausüben, wir wollen das Verständnis schärfen, dass es sinnvoll ist, sich für seine Rechte einzusetzen", sagt er. Und die Pandemie habe das System in Bewegung gebracht – dafür spreche der Tarifabschluss.

Auch bei Sabine Weichert ist was passiert: Nach Jahren ist sie an ihrem freien Tag zum Streik gegangen, "um mal zu gucken, was los ist." Und Diana Franke: "Da ist was angekommen bei den Kolleginnen und Kollegen auf Station. Dass die gemerkt haben: 'Oh, wir haben jetzt auch mal was davon. Dann hat es ja vielleicht mal gewirkt, dass wir gestreikt haben.' So, dass sie jetzt aufstehen und mehr tun. Bei einigen, ja! Ich will’s einfach auch hoffen."

Rückblick August: Wann werden die Bedingungen in der Pflege besser?

Video vom 12. August 2020
Pflegerin Stefanie Lienemann, mit Mundschutz und Handschuhen, kümmert sich um eine Person im Rollstuhl.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 18. November 2020, 23:30 Uhr