Darum demonstrieren Bremer "Omas gegen Rechts"

Sie kennen die Schrecken des Nationalsozialismus teils noch persönlich. Damit sich Rechte nicht durchsetzen, gehen die Älteren in Bremen auf die Straße. Trotz einiger Widerstände.

Zahlreiche ältere Menschen mit Plakaten laufen eine Straße entlang. Sie halten Plakate mit der Aufschrift "Omas gegen Rechts"
Bundesweit gehen ältere Frauen gegen Rechtsextremismus auf die Straße. Bild: Imago | Chris Emil Janßen

Es ist eisig kalt. Die kleinen Pfützen sind zu glänzenden Spiegeln gefroren. Vor der Bremer Kunsthalle hat sich eine beträchtliche Traube an Menschen angesammelt – eine spontane Demonstration gegen eine Mahnwache für den AfD-Politiker Frank Magnitz. Die Polizei ist sogar mit einem Wasserwerfer angerückt. Mitten drin und durch ihre riesigen weißen Schilder kaum zu übersehen: die "Omas gegen Rechts".

Gerda Smorra, die Initiatorin der Bremer Gruppe, hält eine gut zwei Meter lange Holzstange an ihre Schulter gelehnt, auf dem ein weißes Plakat mit dicken schwarzen Lettern getackert ist: "Omas gegen Rechts". Nicht mehr und nicht weniger. Kein Slogan, kein Spruch, nur die Selbstbezeichnung. Die 74-Jährige stützt ihre beiden Knie abwechselnd auf einem kleinen Rollator ab. Die Omas haben sich direkt neben dem Lautsprecher platziert.

Die Demonstrationen sollen deeskalierend wirken

Rund 40 Frauen zwischen 50 und 80 Jahren sind gekommen – auch vier Männer sind dabei. Die meisten Omas stehen einfach nur still da. Sie halten ihre weißen, schweren Schilder in die Luft. Als Musik aus den Lautsprechern kommt, schwingt Gerda Smorra ein wenig ihren Kopf und singt mit. Ihre Mitstreiterinnen kreisen die Hüften und stampfen im Takt mit den Füßen. "Wichtig finde ich immer, dass wir überall unsere Friedfertigkeit bekunden", sagt Elisabeth Graf, für die es nicht die erste Demo ist.

Vier Menschen von der Bewegung "Omas gegen Rechts" mit einem Schild
Ulrike Wübbena, Elisabeth Graf, Gerda Smorra (v.l.n.r.) demonstrieren gegen Rechts.

Zum sechsten Mal treffen sich die Omas schon. Im Mai 2018 haben sie sich zusammengefunden. Vier Frauen kamen damals zur ersten Sitzung, mittlerweile sind mehr als 100 angemeldet. Heute besprechen die Omas ihre nächsten Einsätze, vieles geschieht aber auch spontan – über Facebook und Whatsapp, so wie das auch andere Demo-Gruppen tun. Doch die Omas unterscheiden sich vor allem in einem Punkt von anderen. "Wir schreien keine Slogans. Insofern ist es anders. Es ist deeskalierend", sagt Smorra. "Wir sind zwar sehr massiv mit unseren Schildern, aber es ist ein anderes Auftreten."

"Rechtsextremismus gefährdet die Zukunft unserer Kinder und Enkel"

Die Omas und Opas sind Sympathieträger – keine Frage. Nicht umsonst ist ihr Name auf Demos und in den Medien Programm. Die Omas haben Erfahrung, die viele junge Demonstrierende noch nicht haben: Der Schrecken des Nationalsozialismus ist oft noch tief verwurzelt – in der eigenen Erinnerungen oder durch Erzählungen der Eltern. Trotzdem strahlen die Omas aber auch eine unglaubliche Ruhe aus – so wie Ulrike Wübbena.

Jetzt bin ich in einer Lebensphase, wo die Angst nicht mehr da ist. Es kann mir nichts passieren. Ich bin jetzt 63, und ich hab nicht mehr 63 Jahre zu leben, sondern ich werde nur noch 90, 95 Jahre alt. Ich bin mutiger geworden. Zukunft gibt es natürlich. Aber meine Zukunft ist kleiner geworden, während sie für die jungen Leute noch groß ist.

Ulrike Wübbena, "Omas gegen Rechts"

"Es ist vielleicht nicht mehr allein ihre Zukunft, aber vor allem auch die ihrer Kinder und Enkelkinder", sagt Elisabeth Graf. "Aber die Zukunft haben die jungen Menschen auch nur, wenn die Rechten kein Oberwasser bekommen. Ich habe große Angst davor, dass wir in Siebenmeilenstiefeln wieder in diese Richtung marschieren."

Was können die Omas bewegen?

Etwas macht die Omas und Opas unschlagbar: Sie haben Zeit. Viele von ihnen sind schon im Ruhestand. Für die Leiterin Gerda Smorra ist die Aufgabe alltagsfüllend geworden. Aber dass sie auf Demos schon für ihre Arbeit bedroht wurde, macht ihr Sorgen. "Ich bin übel beschimpft worden. Ich habe versucht zu diskutieren. Irgendwann habe ich aufgegeben – es ging über Tage. Wirklich hin bis zu: Wir wissen, wo du wohnst, oder wir kriegen raus, wo du wohnst."

Ich bin übel beschimpft worden. Ich habe versucht zu diskutieren. Irgendwann habe ich aufgegeben.

Gerda Smorra, Omas gegen Rechts

Ja, "Omas gegen Rechts" klingt plakativ. Aber es bewirkt auch was in der Realität: Sie bekommen Aufmerksamkeit. Man hört ihnen zu. Sie deeskalieren? Vielleicht. Zumindest würde wohl kaum jemand einfach so auf sie einprügeln. Sie provozieren keine gewaltsamen Zusammenstöße. Trotzdem verstecken sie sich nicht in der zweiten Reihe. Der Wasserwerfer kam am Tag der Demo in Bremen übrigens nicht zum Einsatz. Einzige Verletzungen: ein paar eingefrorene Zehen und der ein oder andere schmerzende Rücken.

  • Jana Wagner

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 28. Januar 2019, 12:40 Uhr