Wer sind die Obdachlosen am Güterbahnhof?

Seit Jahren leben auf einer Brache am Güterbahnhof zahlreiche Obdachlose. Viele der Menschen stammen aus Osteuropa. Sie haben in Deutschland kaum Rechte.

Ein Unterschlupf von Obdachlosen am Güterbahnhof, auf dem eine blaue Plane liegt.

Die Brache hinter dem Güterbahnhof ist für zahlreiche Obdachlose in Bremen ein provisorisches Zuhause geworden. Rund 50 Menschen ohne Wohnung leben hier derzeit, schätzt Jonas Pot d'Or, Steetworker der Inneren Mission in Bremen. Darunter sind nicht nur Deutsche ohne Wohnung, sondern auch etwa 25 bis 35 Obdachlose aus Osteuropa, in der Regel Bulgarien und Rumänien. Viele von ihnen sind Roma oder Sinti, die in ihren Heimatländern Repressalien erleben. Auch Menschen aus sogenannten Drittländern sind unter den Obdachlosen am Güterbahnhof, sagt Bernd Buhrdorf, Migrationsberater der AWO Bremen. Sie seien aus ihrem Heimatländern etwa über Spanien oder Italien hierhergekommen, weil sie sich hier Arbeit und ein besseres Leben erhofften.

Über die genaue Zahl der Obdachlosen in Bremen gibt es nur Schätzungen. Laut Innerer Mission und Senat sind es ungefähr 500 bis 600 Menschen. Geschätzte 150 bis 200 davon seien aus Osteuropa.

Keine Ansprüche auf staatliche Hilfen

"Diese Menschen haben hier in Deutschland in der Regel keinen Anspruch auf Wohnungslosenhilfe oder Integrationsleistungen", sagt Buhrdorf. Im Rahmen der Freizügigkeit kamen die Menschen etwa aus Bulgarien oder Rumänien nach Deutschland, um Arbeit zu suchen. Finden sie sozialversicherungspflichtige Jobs, haben sie Anspruch auf Sozialleistungen nach Sozialgesetzbuch (siehe Info-Kasten).

"Die meisten dieser Menschen haben aber keinerlei Sprachkenntnisse und so auch keine Chance, hier in Arbeit zu kommen", sagt Buhrdorf. Anspruch auf einen Deutschkurs haben sie nicht, solange sie auch keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. "Es ist ein Teufelskreis", sagt Buhrdorf.

Auch der Zugang zu Notunterkünften oder Wohnungshilfen ist an den Anspruch an Sozialleistungen geknüpft. "Gelgentlich können diese Menschen mal für eine Nacht in einer Notunterkunft unterkommen", sagt Buhrdorf. Doch grundsätzlich gelte: "Nur wer Leistungen vom Jobcenter beziehen dürfte, ist im System", sagt Buhrdorf. Das gelte auch für die Krankenversicherung. "Die Menschen haben daher hier keine Perspektive und sind dann auf die Straße oder eben den Güterbahnhof angewiesen."

Dennoch geht Buhrdorf davon aus, dass die meisten Obdachlosen aus dem Ausland nicht mehr zurückgehen werden. "In ihren Heimatländern geht es ihnen einfach noch schlechter", sagt er. Außerdem rutschten viele in Bremen durch die ausweglose Situation und die Obdachlosigkeit in den Alkoholismus oder erkrankten schwer.

Ein Unterschlupf von Obdachlosen am Güterbahnhof, auf dem eine blaue Plane liegt.
In solchen provisorischen Verschlägen leben rund 50 Obdachlose auf der Brache hinter dem Güterbahnhof.

Vorschlag: Dixieklo statt Räumung

Buhrdorf bietet in seiner Migrationsberatung Beratung für die Menschen an. "Die sitzen dann ganz erwartungsvoll bei mir, und ich muss ihnen im Grunde sagen, dass ich keine Möglichkeiten habe, ihnen zu helfen." Der einzige Ausweg sei, die Menschen zu beschulen, sagt Buhrdorf. "Bremen hat hierfür aber kein Geld." Die AWO biete daher zumindest zwei Mal in der Woche Sprachkurse an. "Doch das ist natürlich zu wenig", sagt er.

Wenn der Güterbahnhof tatsächlich geräumt werden würde, würde sich die Situation der Obdachlosen noch verschlechtern, schätzt Buhrdorf. Die Menschen hätten keinen Ort, an den sie gehen könnten. "Ich glaube daher, dass die Bretterbuden einfach nach einiger Zeit wieder aufgebaut werden."

Jonas Pot'd Or sieht das ähnlich. "Statt die Menschen aus dem Innenstadtbereich zu verdrängen, sollte man ihnen lieber ein Dixie-Klo und eine Dusche aufbauen und einen Kontaktpolizisten an die Seite stellen", schlägt er vor. "Der Winter steht vor der Tür, und da wäre es gut, jetzt für eine sichere Situation zu sorgen."

  • Tanja Krämer

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. September 2018, 19:30 Uhr