Drogenabhängige: Was in Bremen bei der Versorgung gut läuft – und was nicht

Wie gut werden Drogenabhängige in Bremen medizinisch versorgt und betreut? Diese Änderungen wünschen sich einige Ärzte und Vereine.

Drogenabhängige Frau sitzt auf dem Bürgersteig
Bremer Ärzte und Vereine haben mehrere Ideen und Vorschläge für den Umgang mit Drogenkranken in Bremen. (Symbolbild) Bild: Imago | Michael Schick

Jahrelang hat eine Bremer Hausärztin Drogenabhängigen ein Medikament illegal verschrieben: Flunitrazepam, ein Mittel gegen Schlafstörungen, das stark abhängig macht und für Drogensüchtige nicht geeignet ist. Kürzlich ist sie vom Amtsgericht Bremen verurteilt worden. Offenbar hatte sie aus Mitleid gehandelt. Doch ist so etwas nötig? Wie gut funktioniert die medizinische Versorgung von Drogenabhängigen in Bremen? 

Misstrauen macht die Behandlung schwerer

Nein, so etwas sei nicht nötig, sagt John Koc, Psychiater und Vize-Vorsitzender der Substitutionskommission in Bremen. "Die medizinische Versorgung von Drogenabhängigen in Bremen ist ausgezeichnet, es gibt genug Behandlungsplätze, Substitionsprogramme, Drogenberatungsstellen sowie die Möglichkeit von stationärer Entgiftung, auch kurzfristig." Auch an Medikamenten gegen Schlafstörungen, die nicht abhängig machen, würde es nicht fehlen.

Die medizinische Versorgung an sich ist in Bremen auch im bundesweiten Vergleich sehr, sehr gut.

John Koc, Vize-Vorsitzender der Substitutionskommission

Allerdings ist das Verhältnis zwischen Ärzten und Drogensüchtigen offenbar nicht immer einfach. Menschen mit Suchtproblemen würden teilweise versuchen, von Ärzten, die in dem Bereich nicht spezialisiert sind, gewisse Medikamente zu bekommen, sagt Koc. Das führe zu Misstrauen seitens der Ärzte gegenüber jedem Abhängigen, erzählt auch Thomas Elias, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Bremen. Weil einige Abhängige die Verschreibung von Opiaten erschleichen wollen, indem sie Symptome vortäuschen, werden Ärzte skeptisch. Das wiederum bringt Drogensüchtige dazu, Ärzten zu misstrauen, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen. Die medizinische Versorgung von Drogenabhängigen sei immer problematisch, findet Elias.

Diese Struktur produziert, dass in diesem Rahmen die mangelnde Bereitschaft beider Seiten insgesamt oft zu einer schlechten Diagnostik führt. Man will halt nur so wenig wie möglich miteinander zu tun haben.

Thomas Elias, Geschäftsführer von Aids-Hilfe Bremen

Auch bei der Behandlung und der Prävention von Drogenabhängigkeit sehen Ärzte und Vereine einige Verbesserungsmöglichkeiten:

1 Ärztliche Heroinvergabe

Ein erster Punkt wäre die ärztliche Heroin-Vergabe, im Fachjargon Diamorphin-Vergabe oder Originalstoffsubstitution. Sie soll in besonders schweren Fällen helfen, wenn die Patienten eine Therapie mit dem Ersatzstoff Methadon nicht vertragen oder einhalten können, erläutert Koc. Die Therapie wird nur in wenigen Städten in Deutschland angeboten, obwohl Studien belegen, dass es den Betroffenen damit deutlich besser geht. Vorreiter war dabei die Schweiz, hier wurde schon Ende der 90er Jahre die Diamorphin-Vergabe eingeführt.

Problematisch sind laut Koc die hohen Kosten, die solche Programme verursachen. Die Ausgaben, um die Therapie umzusetzen und die Praxen an die gesetzlichen Auflagen anzupassen, bewegten sich zwischen einer halben und einer Million Euro, schätzt er. "Wenn sich die Kommunen nicht daran beteiligen, ist das illusorisch. Bremen hat sich bisher immer dagegen verschlossen", so der Psychiater. Auch Wolfang Adlhoch von der ambulanten Drogenhilfe Comeback wirft die Frage der Diamorphinvergabe in den Raum.

Es ist zu fragen, ob eine Diamorphinbehandlung in Bremen vor dem Hintergrund der gesundheitlichen und sozialen Verelendung von langjährigen DrogengebraucherInnen nicht eine sinnvolle Ergänzung zu den Substitutionsangeboten darstellen würde.

Wolfang Adlhoch, Leitung Comeback Bremen  

Dazu teilt das Gesundheitsressort mit: "Derzeit gibt es zu dem Thema keinen Diskurs. Die Angebote der Substitution sind in Bremen gut ausgebaut, im Vergleich zu anderen Großstädten nutzen in Bremen viele drogenabhängige Menschen die Substitution (circa 1.500 Personen) und es gibt spezifische Programme. Es ist derzeit kein Bedarf erkennbar, die Diamorphin-Vergabe auszubauen."

2 Einrichtung von Druckräumen

Drogenkonsum in einem Druckraum
Druckräume sind in einigen deutschen Städten bereits Realität. Bild: DPA | Boris Roessler

Ein weiterer Punkt wären die sogenannten Druckräume. Hier können Schwerabhängige ihre Drogen unter hygienischen Umständen konsumieren. "Auch damit sie sich nicht in Parks, Hauseingängen oder auf Spielplätzen spritzen", so Koc. Ein Drogenkonsumraum fehle derzeit in Bremen, stimmt ihm Adlhoch zu.

Das dürfte allerdings nicht mehr lange so bleiben: Der Senat prüft gerade die Einrichtung von einem Druckraum in Bremen. Die ersten Ergebnisse der Machbarkeitsstudie sollen im Sommer 2019 vorliegen.

3 Drugchecking

Mit solchen Schnelltests können Partygänger die Qualität ihrer Drogen überprüfen lassen und an Beratungen teilnehmen. Ähnliche Angebote gibt es bereits in mehreren Ländern wie Österreich, Holland oder der Schweiz. Das Ziel ist, die Gefahren der Einnahme von illegalen Drogen einzudämmen, indem man den Konsumenten zeigt, welche Substanzen in welcher Dosierung in ihren Drogen enthalten sind. In Bremen hat die SPD vergangenes Jahr einen entsprechenden Antrag der Grünen jedoch abgelehnt. Die größte Hürde ist anscheinend die rechtliche Situation, wie aus einer Antwort des Senats vom November 2018 hervorgeht.

In Bremen besteht derzeit keine Rechtssicherheit für die durchführenden Einrichtungen hinsichtlich der Straffreiheit beim Besitz zwecks Analyse beziehungsweise Transport der zu untersuchenden Substanzen.

Christina Selzer
Christina Selzer, Sprecherin der Gesundheitssenatorin

Kriminalisierung des Drogenkonsums infrage gestellt

Sowohl Elias als auch Adlhoch stellen zudem die aktuelle Kriminalpolitik gegenüber der Drogenabhängigkeit infrage. Eine Entkriminalisierung des Drogenkonsums würde den Dealern den Markt abgraben und der Beschaffungskriminalität ein Ende bereiten, sagt Elias. Auch Adlhoch fragt sich, ob "die Kriminalisierung der Drogenabhängigkeit per se nicht die Mittel für Prävention und ausstiegsorientierte Angebote bindet."

Bei vielen Abhängigen – besonders bei langjährigen – geht es nicht mehr um eine Veränderung des Lebens, sondern nur noch um Linderung der Suchtfolgen. Hier machen die vielen Restriktionen überhaupt keinen Sinn. Man muss sich hier endlich einmal der Realität stellen und bekennen, dass man nicht mehr auf Verhaltensänderung oder auf eine Therapie der Erkrankung aus ist, sondern nur noch auf ungestörte Abwicklung des restlichen Lebens.

Thomas Elias, Aids-Hilfe Bremen

Zudem beklagt Koc, dass die Drogensüchtigen vom Hauptbahnhof vertrieben worden seien. "Ein Treffpunkt für sie wäre gut", sagt er. Das merkt der Mediziner vor allem bei Hausbesuchen. "Wir finden immer wieder elende Situationen. Es ist gerade im Sommer wichtig, dass sie einen Ort haben, wo sie sich im Freien treffen können."

Dazu teilten die Behörden mit, dass am Bahnhof mit dem Unterstand neben dem Intercity-Hotel ein neuer Aufenthaltsort geschaffen worden sei, der viele Menschen erreiche. "Das Sozialressort wird die Situation am Bahnhof weiter im Blick behalten und prüfen, ob weitere Maßnahmen nötig sind", so Selzer. Darüber hinaus soll das Hilfs- und Beratungsangebot für drogenabhängige Menschen im Umfeld des Hauptbahnhofes in den kommenden Wochen ausgeweitet werden.

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  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 9. Mai 2019; 23:30