Interview

"Frei sein" – Darum treffen sich Männer in Männergruppen

Stille statt Stammtisch, Selbstbewusstsein statt Macht: Danach suchen einige Männer heute – unter sich. Zum Weltmännertag erzählen zwei Bremer, worum es ihnen geht.

Ein Mann stützt den Kopf auf seine Hand und blickt nachdenklich.
Männergruppen gibt es seit Jahren auch in Bremen. (Symbolfoto) Bild: DPA/Imagebroker | imagefruit

Volker Nietfeld und Armin H. Klein leiten Männergruppen in Bremen. Davor waren sie selbst Teilnehmer solcher Gruppen. Aber warum wollen sie unter sich sein – ohne Frauen? Worüber sprechen sie und was wollen sie so erreichen? Das haben sie buten un binnen erzählt.

Herr Nietfeld, eine Männergruppe – warum machen Sie das?
Als ich angefangen habe, fragte ich mich zum Beispiel: "Wieso sind Frauen immer so aufgeregt? Was macht meine Partnerin so wütend?" Ich wollte meine eigenen Denk- und Handlungsmuster in der Beziehung erkennen und ändern. Aber auch beruflich fühle ich mich jetzt selbstbewusster.
Also sind Männergruppen eine Art Therapie?
Man kann eine Gruppe auch zweckfrei besuchen. Allerdings kann man sich dadurch selbst besser verstehen, vielleicht wichtige Schritte unternehmen. Oder mit schwierigen Dingen im Leben klarkommen.
Können Männer das nicht auch mit Frauen erreichen?
Das könnten sie schon. Aber das Geschlechterverhältnis spielt oft unbewusst eine Rolle: "Wie ich bei weiblichen Anwesenden ankomme, wie ich wirke" – solche Gedanken können dazu führen, dass man sich verstellt. Unter Männern fühlen sich die Teilnehmer eher frei. Sie müssen nichts beweisen. Jeder kann so sein, wie er ist.
Wie läuft ein Treffen ab?
Bei uns gibt es am Anfang eine viertel Stunde Stille, dann eine Gesprächsrunde. Im Anschluss Tanz- und Atemübungen und danach einen offenen Raum, den jeweils ein Mann für ein Anliegen oder Thema nutzen kann. Es kann sich um schwierige persönliche Situationen handeln – etwa Traumata oder Trauer – aber auch um ganz alltägliche Situationen – zum Beispiel in der Beziehung oder bei der Arbeit.
Was sagen Ihre Freunde und Bekannte dazu?
Ganz unterschiedlich. Einige sind neugierig, andere haben Ängste. Das hat manchmal mit einer gewissen Homophobie zu tun – mit der Angst, dass sich Männer dabei zu nah kommen. Bei anderen liegt es eher am Geschlechtsrollenbild: Sie denken, dass nur Frauen emotional kompetent wären oder sein sollten.
Wieso nimmt Ihre Gruppe nur Männer ab 25 Jahren auf?
Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich junge Menschen während der Schule und der Erstausbildung weniger auf sich selbst besinnen oder sich Fragen über die eigene Persönlichkeit stellen.
Herr Klein, Sie organisieren auch Veranstaltungen für junge Männer zwischen 15 und 25 Jahren. Was ist der Unterschied zu Erwachsenen?
Das Hauptziel bei jüngeren Männern ist es, dass sie verstehen, wo sie im Leben hinwollen. Und zwar frei von den Erwartungen der Eltern. In der Männergruppe wird hingegen oft über Situationen und vielleicht auch Probleme geredet, über die man beim Stammtisch oder Fußballgucken nicht sprechen würde.
Also über Gefühle?
Ja, darüber wird auch gesprochen. Aber vor allem sollen die Teilnehmer ein Feedback bekommen, das sie sonst nirgendwo anders kriegen würden. Denn vor Unbekannten oder Außenstehenden reden wir ganz anders über unsere Probleme als mit Freunden oder Partnern. Wir haben schließlich keine Angst, etwas kaputtzumachen.  
Und wieso haben Sie damit angefangen?
Ich habe schon zur Studienzeit an Männergruppen teilgenommen. Es waren die 80er-Jahre, die Frauenbewegung wurde immer stärker. Und wir, als Männer, fragten uns: "Was können wir tun?" Wir wollten die Frauen unterstützen, waren aber auch verunsichert. Die Lage war stark polarisiert, wir hörten sehr viele Vorwürfe. Also haben wir uns hingesetzt und darüber geredet.
Und wie haben Ihre Freunde reagiert?
In den 80ern gab es noch eine stärkere Homophobie. Es kam oft vor, dass man gefragt wurde, ob man schwul sei. Sich ohne Frauen zu treffen, ohne über Politik oder Fußball zu reden: damals kaum vorstellbar. Heute ist es zum Glück anders. Die meisten reagieren mit Schweigen oder Neugierde.
Was haben Sie sich vorgenommen?
Wir möchten für eine reife Männlichkeit sorgen. Eine Männlichkeit, die verantwortungsvoll und liebevoll mit allem umgeht. Heute noch wird oft das Männersein mit Machismus oder Macht und Unterdrückung gleichgesetzt. Das ist keine reife Männlichkeit. Ob in der Familie oder im Beruf, die Frage bleibt immer die gleiche: Wie können Männer ihre Kraft einsetzen, damit sie für alle gut ist – auch für die Männer selbst.
  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 2. November 2018, 23:30 Uhr