Kommentar

"Es geht nicht um die Auslegung der Bibel, sondern um eine Straftat"

Der Bremer Pastor Olaf Latzel steht wegen Volksverhetzung vor Gericht. Mit seinen Äußerungen störe er den öffentlichen Frieden, meint Redakteur Jochen Grabler. "Gehört er bestraft? Ja!"

Pastor Olaf Latzel von vorne fotografiert.
Aus Sicht von Radio Bremen-Redakteur Jochen Grabler sind Pastor Latzels Äußerungen nichts anderes als Hassreden. (Archivbild) Bild: DPA | Ingo Wagner

Nun also steht Olaf Latzel vor Gericht. Und, um es gleich zu sagen, das ist gut so. Ja, der Staat hat sich nicht in kirchliche Belange zu mischen, doch hier geht‘s gerade mal nicht um die Auslegung der Bibel, sondern um eine ganz weltliche Straftat. Steht Latzel über dem Recht, nur weil er zuweilen Talar trägt? Nö! Stört er den öffentlichen Frieden? Aber Hallo! Gehört er bestraft? Um auch das gleich zu sagen: Ja! Ist überfällig.

Kleiner Auszug aus der Akte Latzel? Bitte sehr! Frauen sind minderwertig, Buddhisten, Moslems, Katholiken, Atheisten sind "des Teufels" und "Dreck" und "Blödsinn", er schwadroniert von der "teuflischen Homo-Lobby", und andere Götter anderer Religionen muss man "umhauen, verbrennen, hacken, Schnitte ziehen". Homoehe, Ökumene und so weiter – ist alles die "falsche Theologie" der Bremischen Evangelische Kirche. Weil es doch nur eine richtige Theologie gibt. Nämlich seine. "Entweder Du bist Gottes Kind oder Du bist ein Kind des Teufels." Reichts? Mir schon lange! So geht das seit 2007. 13 Jahre! Das sind keine einmaligen Ausrutscher. Nein, Latzel ist ein verbaler Intensivtäter. Warum? Ganz einfach: Weil ihm niemand wirklich in die Parade fährt.

Ich wette, Polizei, Verfassungsschutz, Staatsanwaltschaft wären längst auf dem Plan, wenn irgendein verstrahlter Salafist so predigen und das ganze – wie Latzel – im Internet an Zehntausende Fans verbreiten würde. Latzels Reden dagegen waren den Hütern des Rechts bislang egal. Und die Bremische Evangelische Kirche? Hat nun endlich ein Disziplinarverfahren gegen Latzel begonnen. Das aber hängt am Ausgang des Strafverfahrens. Wenn die Richter nichts machen, kann auch die Kirche nichts tun. Und sonst? Immer wieder gab es Proteste, wütende Kommentare, harte Kritik, gerade aus der Kirche. Der Effekt: Olaf Latzel wurde zum Popstar der evangelikalen Szene in Deutschland. Seine Gemeinde steht eh voll hinter ihm. Wer so viel Applaus kriegt, den lieben Gott sowieso auf seiner Seite hat und dem niemand Einhalt gebietet – der macht halt weiter.

Wir wissen doch, dass auf Hassreden gerne mal Hasstaten folgen.

Jochen Grabler
Jochen Grabler, Redakteur Radio Bremen

Darum ist diese Anklage wegen Volksverhetzung so wichtig. Vor Monaten schon hat der Bundestag beschlossen, dass nun verstärkt gegen Hassreden vorgegangen wird. Hier haben wir Hassreden. Viele. Hier haben wir einen notorischen Hetzer. Einen Wiederholungstäter. Keinen anonymen Internet-Troll, sondern einen mit Name und Adresse. Und das Beweismaterial liegt offen zutage.

Mag ja sein, dass dem Pastor und seinen Fans das Recht egal ist, weil für sie nur Gottes Gesetze gelten, und zwar so, wie sie sie sich hinbiegen. Wir leben aber nicht in einem Gottesstaat. In einem demokratischen Rechtsstaat müssen solche Reden aufhören! Wir wissen doch, dass das Gift solcher Reden wirkt. Wir wissen doch, dass auf Hassreden gerne mal Hasstaten folgen. Allzu oft findet sich einer, der Ernst macht. Und wir wissen auch: Wenn Latzel damit ungestraft durchkommt, dann wirkt das wie ein Brandbeschleuniger. Dann traut sich der nächste Hetzer aus dem Busch. Und der übernächste. Und so weiter. Wollen wir das? Ich will das nicht! Die Verantwortung für all das liegt nun bei den Bremer Richtern. Dass Latzel und seine Gemeinde nach einem Urteil anders denken – so naiv ist wohl niemand. Aber dass er anders spricht, das wäre schon ein Fortschritt. Olaf Latzel steht vor Gericht. Gut so. Wurde langsam Zeit. 

Rückblick Juli: Pastor Latzel wieder auf der Kanzel

Video vom 5. Juli 2020
Pastor Latzel, der in der St. Martini Kirche predigt.
Bild: St. Martini Gemeinde Bremen

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 20. November 2020, 7:36 Uhr