Corona-Krise kreativ überstehen: 10 Ideen aus Bremen und Bremerhaven

Ein Blumen-Drive-in, Desinfektionsmittel statt Schnaps, malen gegen die Angst: Viele Geschäftsinhaber und Künstler werden in der Corona-Krise kreativ.

Eine junge Frau sitzt an einer Nähmaschine und überträgt ein Schnittmuster auf ein Stück Stoff.
Mitarbeiter der Kostümabteilung des Stadttheaters Bremerhaven nähen in der Coronakrise Atemschutzmasken. Auch Näherinnen aus Bremen sind mit dabei. (Symbolbild) Bild: Imago | Hans Lucas

Shoppen, Essen gehen, feiern – all das ist im Moment nicht möglich. Klamottenläden, Restaurants, Kneipen, Floristen, Diskotheken – sie alle mussten schließen. Um ihre Betriebe zu retten und ihre Kunden zu halten, werden viele in diesen Zeiten kreativ. Einige wollen ihren Mitmenschen auch einfach helfen oder sie auf andere Gedanken bringen. Zehn Beispiele aus Bremen und Bremerhaven:

1 Gemeinsam werben

Die Bremer halten zusammen oder auf Plattdeutsch: tosamen. Auf tosamen.org können Einzelhändler, Unternehmer und Organisationen ihre Angebote während der Coronakrise anbieten. Gegründet haben die Plattform die Bremer Steffi und Simon Zeimke. Sie wollen insbesondere diejenigen unterstützen, die ihre Produkte und Dienstleistungen online bisher nicht präsentieren.

Viele haben in der Vergangenheit die Themen E-Commerce, Social Media oder schlicht Digitalisierung nicht auf dem Schirm gehabt. Deshalb fehlt einigen jetzt die Community, die sie online erreichen können.

Steffi und Simon Zeimke, Gründer der Plattform tosamen.org

2 Mit eigener Bekanntheit lokale Anbieter unterstützen

Ein roter Sticker mit weißer Aufschrift "Moin" klebt an einem Stromkasten.
Die "Moin"-Sticker sind nicht nur im Bremer Stadtbild zu finden.

Die meisten haben sie sicher schon einmal gesehen: die roten Aufkleber mit dem weißen Schriftzug “Moin“. 2016 beschloss eine kleine Gruppe Bremer Studenten, mit diesen Aufklebern gute Laune zu verbreiten. Mittlerweile sind die Sticker überall auf der Welt verteilt. Und auch jetzt ist die Moin-Crew wieder kreativ: Sie nutzt ihre Reichweite, um lokale Geschäfte und Restaurants zu unterstützen und hat die Aktion "#SUPPORTYOURLOCALS“ ins Leben gerufen. Auf der Moin-Homepage können lokale Anbieter ihr Angebot präsentieren.

Wir leben in einer für uns noch nie da gewesenen Situation. Fast alle Geschäfte, Restaurants und Dienstleister in unserer Umgebung dürfen aktuell nicht öffnen. Daher möchte diese Plattform eine Übersicht an lokalen Shops und Betrieben bieten, vor allem denen, die kein Onlinegeschäft besitzen, und ihnen hier Aufmerksamkeit schenken.

Moin-Crew, Erfinder der Aktion "#SUPPORTYOURLOCALS“

3 Betriebe mit Gutscheinen retten

Auch in Bremerhaven haben sich Betriebe im Netz zusammengeschlossen. Kevin Engelbert und Soenke Blank haben die Plattform "Havenmarkt" gegründet – einen Online-Marktplatz zur Unterstützung lokaler Einzelhändler und Gastronomen. Aber auch Anbieter aus Bremen, Oldenburg, Wilhelmshaven, Cuxhaven und umzu können sich dort registrieren. Nutzer kaufen dann Gutscheine, die sie einlösen, sobald der Laden wieder geöffnet hat. Die Plattform übernimmt den Versand der Gutscheine. Havenmarkt ist eine Non-Profit-Plattform. Es wird nur ein kleiner Betrag für Transaktionsgebühren erhoben.

Uns geht es darum, dass wir gemeinsam unsere Lieblingsorte vor der Insolvenz retten, indem wir ihnen jetzt das Geld zur Verfügung stellen, das wir sowieso in den nächsten Monaten bei ihnen ausgeben werden.

Soenke Blank, Gründer der Plattform "Havenmarkt"

4 Ein Drive-in für Blumen

Einige Betriebe gestalten ihren Verkauf aber auch einfach um und öffnen weiter. So hat "Blumen Peters" in Bremerhaven einen Drive-in für Blumen eingerichtet. Kunden können vom Auto aus Blumen bestellen. Dazu müssen sie ihr Fenster nur einen kleinen Spalt öffnen, um die gewünschten Pflanzen zu ordern. Die Mitarbeiter stellen die Waren dann in den Kofferraum – dabei tragen sie natürlich Handschuhe.

5 Aus Restaurant wird Supermarkt

Carlos Martinez, Geschäftsführer des spanischen Restaurants "Muchos Más" am Wall, hat sein Lokal kurzerhand in einen Supermarkt umfunktioniert. Innerhalb von zwei Tagen hat er sein Restaurant leergeräumt und bietet nun spanische Waren zum Verkauf an.

Sonst gibt`s keine andere Möglichkeiten für die Gastro, und deswegen haben wir uns diese Idee ausgedacht. Jetzt heißen wir Muchos Markt.

Carlos Martinez, Geschäftsführer des Restaurants "Muchos Más"

6 Desinfektionsmittel statt Bier und Schnaps

Die Bremer Beck’s-Bier-Brauerei produziert jetzt auch Desinfektionsmittel für medizinische Zwecke. Sie nutzt dafür Alkohol, der zuvor alkoholfreien Bieren bei der Herstellung entzogen wurde. Insgesamt will die Firma 50.000 Liter gebrauchsfertigen Desinfektionsalkohol an europäische Krankenhäuser verteilen. Das entspreche einer Spende von anderthalb Millionen Euro, so das Unternehmen.

Kleinere Brennereien nutzen diese Idee, um sich über Wasser zu halten. So etwa die Bremer Brennerei "Piekfeine Brände". Sie unterstützt Apotheken mit Neutralalkohol zur Herstellung von Desinfektionsmitteln. Inhaberin Birgitta Schulze van Loon will einen großen Teil ihres Vorrats an Neutralalkohol, der für die Jahresproduktion der hauseigenen Spirituosen vorgesehen war, auf dem Markt anbieten. Außerdem will sie selbst Alkohol durch die Vergärung von Zucker herstellen.

Mit dem Angebot von Neutralalkohol für Desinfektionszwecke leisten wir unseren Beitrag zum Kampf gegen das Virus, gleichzeitig versuchen wir, unser Bestehen nach acht erfolgreichen Jahren in diesen schweren Zeiten zu sichern.

Birgitta Schulze van Loon, Inhaberein "Piekfeine Brände"

Auch die "Sander Apotheke" in Bremerhaven stellt jetzt selber Desinfektionsmittel her. Bis zu 550 Liter produzieren die Mitarbeiter am Tag. Lieferungen gehen unter anderem an Krankenhäuser, Praxen, Supermärkte, Busfahrer und Taxiunternehmen. Und das nicht nur in der Region: Auch nach Nordrhein-Westfalen hat die Apotheke schon geliefert.

7 Atemschutzmasken statt Hüte und Kostüme

Ab sofort nähen Mitarbeiter der Kostümabteilung des Stadttheaters Bremerhaven Mund- und Nasenschutzmasken. Die Idee hatte Abteilungsleiterin Viola Schütz. Sie war durch eine Rundmail der Gesellschaft für Kostümschaffende auf das Thema aufmerksam geworden. Das Schnittmuster hat die Arbeiterwohlfahrt Bremerhaven (AWO) entwickelt. Die Masken sollen anschließend von Freiwilligen an Altenpflegeeinrichtungen und ambulante Pflegedienste verteilt werden.

Auch andere Näherinnen schließen sich dieser Idee an. So sattelt auch Vera von Ahlen, die in ihrem Atelier in Findorff normalerweise Hüte und andere modische Accessoires entwirft, in der Coronakrise auf Atemschutzmasken um.

8 Kultureller Lieferdienst

Housedestroyer
Das DJ-Duo "Housedestroyer" bringt Partystimmung ins Wohnzimmer. Bild: Thomas Weber

Per Lieferdienst gibt es nur Pizza und Co.? Das geht auch anders, dachten sich die Gründer von #bremenist. Sie haben einen digitalen Lieferdienst für Kultur, Kunst und Aktivität eingerichtet. Auf bremen-ist.de, aber auch auf Instagram, Facebook, Youtube und Tik Tok gibt es Konzerte, Lesungen, Aktionen für Kinder, Führungen, Sportangebote und Theateraufführungen per Livestream direkt ins Wohnzimmer. So singt Kinderliedermacherin Kati Breuer aus Stuhr-Brinkum und animiert die kleinen Zuschauer zum Mitsingen, Klatschen und Stampfen, Radio Bremen-Reporter Jens Otto liest Geschichten aus dem Buch “Miep & Moppe“ der Bremer Autorin Stine Oliver, Lalaland Productions bietet ein Meditationsprogramm für zu Hause, das DJ-Duo "Housedestroyer" legt die passenden Songs für eine Wohnzimmerparty auf und Bremen Next spielt Tracks für ein tägliches Workout. Alle Aktionen sind im Veranstaltungskalender auf bremen-ist.de zu finden.

Theater und Konzerte per Livestream gibt es aber nicht nur aus Bremen. Auch das Theater im Fischereihafen in Bremerhaven bietet regelmäßig Lesungen, Konzerte und Akrobatik per Livestream auf seiner Facebookseite an.

Und auch einzelne Künstler werden kreativ: Einer von ihnen ist Dirk Langer alias Nagelritz. Er tritt als singender und musizierender Seemann auf, malt aber auch. Ein ganzes Jahr hat der er an seiner Ausstellung “Bullaugenblicke – gemaltes Seemannsgarn“ gearbeitet. Als seine Werke dann endlich im Hafenmuseum Speicher IX in Bremen hingen, wurde der Ausstellungsort wegen der Coronakrise geschlossen. Damit trotzdem möglichst viele Menschen seine Werke zu sehen bekommen, dreht er kurzerhand eine Reihe von Filmen, in denen er jeweils eines seiner Kunstwerke vorstellt. Dabei verbindet er Comedy und Kunst. Denn zu seinen skurrilen Bildideen gibt es unterhaltsame Texte. Zu sehen sind die Videos auf seiner Faceookseite.

9 Sport-, Musik- und Tanzunterricht im eigenen Wohnzimmer

Damit ihre Mitglieder und Kunden fit bleiben, bieten viele Sportvereine und Fitnessstudios Onlinekurse an. Mit dabei ist auch Werder. "Fit mit Werder" läuft auf der Homepage sowie auf dem vereinseigenen Youtube-Kanal. Geplant sind drei Videos pro Woche, jeweils montags, mittwochs und freitags. Die Angebote sollen alle Altersklassen erreichen. Und: Es geht nicht nur um Fußball. Auch Bremens größter Breitensport-Verein Bremen 1860 ist in diesen Tagen kreativ und bietet bei Youtube unter anderem Fitnessvideos, aber auch Yoga und Taekwondo an.

Die Musikschule "Neue Pop" aus dem Bremer Viertel betreut seine Musikschüler während der Coronakrise online per Laptop oder Smartphone. Auch neue Schüler werden gerne aufgenommen. Eine Probestunde gibt es sogar kostenlos. Und auch Tanzschulen lassen ihre Schüler in dieser Zeit nicht hängen. So bietet die "Tanzschule Bremen" aus Habenhausen ihren Kunden Discofox, Linedance und Co. im Netz an, solange die Tanzschule geschlossen ist.

10 Malen in der Krise

Das inoffizielle Motto der Coronokrise "Flatten the curve", die Kurve abflachen, ist mittlerweile wohl den meisten bekannt. Die Künstlerin Kerstin Emde, Kopf des Bremer Labels "Emtisomethings", hat sich die Aktion “colourthecurve“ ausgedacht. Auf ihrer Homepage bietet sie täglich ein Motiv zum Ausmalen an. Damit will sie ihre Mitmenschen auf andere Gedanken bringen.

Mit jedem bunten Bild mehr haben wir die Langeweile zu Hause und die Angst vor der Ungewissheit draußen für einen Moment vergessen. Bleibt bitte gesund!

Kerstin Emde, Künstlerin

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Sonja Harbers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. April 2020, 19:30 Uhr