Meinungsmelder

Moderner und toleranter: So wünschen sich Meinungsmelder die Kirche

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt seit Jahren. Brauchen wir dann überhaupt noch die Kirche? Und wofür? Radio Bremen hat seine Meinungsmelder dazu befragt.

Frühstück in den Räumen einer Kirche.

Vieles wird mit der Kirche in Verbindung gebracht. 555 von insgesamt 763 Teilnehmern der Meinungsmelder-Befragung haben frei zum Thema assoziiert. Das Ergebnis: Erstaunlich viele Begriffe wurden dabei genannt – nur 54 Teilnehmer kamen dabei auch auf "Gott".

Die meisten Teilnehmer assoziierten mit Kirche Begriffe im Bereich "Glaube". An zweiter Stelle lagen Kategorien wie "Gemeinschaft" und "Zugehörigkeit". Gefolgt von Begrifflichkeiten rund um "Erinnerungen" – oft aus Kindertagen. Wobei die Erinnerungen nicht unbedingt positiv sind: Mehrere berichteten von Zwängen und erstickenden Regeln, die ihre Freiheit einschränkten. Und 40 Menschen gaben an, bei Kirche zu allererst an das Thema "Missbrauch" zu denken. Dass die Kirche ein wichtige Rolle als Träger von Einrichtungen wie Kitas und Krankenhäusern ist, war nur wenigen präsent.

Kirchliche Träger in Bremen

Teaserbild Animationsfilm über kirchliche Traeger in Bremen.

Außerhalb der Gotteshäuser tritt die Kirche oftmals als Träger sozialer Einrichtungen auf, ob von Kitas oder Schulen, ob von Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Aber werden diese Aktivitäten auch als Aufgabe der Kirchen empfunden? Noch vor karitativen Einrichtungen nennen die Meinungsmelder die klassischen Kernkompetenzen der Kirche – nämlich Seelsorge und Beratung (62 Prozent). An zweiter Stelle folgt die Vermittlung christlicher Werte. Danach folgen Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Erst später nennen die Meinungsmelder den Betrieb von Krankenhäusern, Pflege- und Hilfeeinrichtungen sowie den Betrieb von Kindergärten und Schulen. Diese Institutionen sind zwar von der Kirche getragen, aber sie werden nicht komplett von der Kirche finanziert.

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Skandale machen unglaubwürdig

Das Image der Kirchen hat in den letzten Jahren massiv gelitten. Die Meinungsmelder geben als Grund hauptsächlich die nicht verarbeiteten Skandale an (59 Prozent). Der am zweithäufigsten angegebene Grund ist auch sehr irdisch und menschengemacht: die Kirchensteuer. Die halten immerhin 50 Prozent der Meinungsmelder für einen möglichen Grund, dass immer mehr Kirchenmitglieder die Gemeinden verlassen. Außerdem halten viele der Meinungsmelder Kirchenvertreter für nicht glaubwürdig – 60 Prozent der Menschen, die nie in der Kirche waren oder nicht mehr in der Kirche sind, sind dieser Meinung. Aber auch 40 Prozent der Kirchenmitglieder unter den Befragten haben in dieser Hinsicht keine hohe Meinung vom Kirchenpersonal.

Vor allem die Kindesmissbrauchsfälle und die mangelnde Aufarbeitung dazu lassen die Kirche weniger glaubwürdiger erscheinen.

59-jährige Meinungsmelderin aus Bremen

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Kirche die Kirchensteuer senken muss? Nein. Nur 21 Prozent der Meinungsmelder sagen, dass eine geringere Kirchensteuer die Kirche tatsächlich attraktiver machen würde. Das liegt wohl vor allem daran, dass jemand, der nicht gläubig ist, auch dann nicht in die Kirche eintreten würde, wenn es weniger kostet.

Kirche muss moderner, glaubwürdiger und toleranter werden

Einig sind sich die Kirchenmitglieder und Nichtmitglieder unter den Meinungsmeldern, dass die Aufarbeitung von Skandalen entscheidend für ein besseres Image der Kirche ist. 62 Prozent aller Meinungsmelder sprechen sich dafür aus.

Eine deutliche Diskrepanz zwischen den Kirchenmitgliedern und den Nicht-Mitgliedern zeigt sich hingegen in der Annahme, dass neue Gottesdienstformen die Kirche attraktiver machen würde. 63 Prozent der Kirchenmitglieder sind dieser Überzeugung. Dagegen stehen jedoch nur 31 Prozent der Nichtmitglieder, die meinen, das würde mehr Menschen wieder vermehrt in die Kirchen locken.

Der Glaube der Menschen ist zu individuell, um ihn in klare Strukturen einzuordnen. Die Menschen benötigen die Zugehörigkeit zu einer Kirche nicht unbedingt, um ihren Glauben auszuleben.

24-jährige Meinungsmelderin aus Bremen

Attraktiver könnte die Kirche laut der Meinungsmelder nur dann werden, wenn sie moderner, glaubwürdiger und toleranter werden würde. Viele sind außerdem der Meinung, die Kirche sollte sich mehr für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen.

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Mitgliedereinbruch bei Bremens großen Kirchen

Das Bild der Institution Kirche ist also laut den Meinungsmeldern ein durchwachsenes. Was sagt das über das Verhältnis der Menschen zur Kirche aus? Brauchen wir sie überhaupt noch? Die Statistik zeigt: Immer weniger Menschen sind in Kirchen.

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Besonders drastisch ist der Mitgliederschwund in der Bremischen Evangelischen Kirche. 1970 hatte die noch 481.000 Mitglieder – 2017 nur noch rund 40 Prozent davon (192.505 Mitglieder). Seit 2005 sind pro Jahr durchschnittlich rund 2.250 Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten (Stand 2017). 2014 waren es sogar 3.387. Das war die Zeit, in der sich die Skandale – insbesondere rund um die katholische Kirche – häuften.

Auch Zahl der Katholiken sinkt kontinuierlich

Im Herbst 2013 riefen die gestiegenen Baukosten für das Diözesane Zentrum Sankt Nikolaus des Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst Kritik hervor – und das bundesweit. Außerdem wurden 2014 unter anderem konkrete Zahlen zu Missbrauchsfällen in der Diözese Freiburg veröffentlicht. Dort sollen von 1942 bis 2013 rund 185 Kinder sexuell missbraucht worden sein. Das blieb nicht folgenlos für die Römisch-katholische Kirche, der das viele Austritte im Jahr 2014 bescherte. Damals traten allein in Bremen 1.022 Menschen aus der Kirche aus.

Im Durchschnitt sind seit 2015 pro Jahr 730 Menschen im Land Bremen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Von 1970 bis 1990 waren noch um die 87.000 Bremer in der Römisch-katholischen Kirche. 2017 sind es rund 11.000 Menschen weniger – seit 2008 sinkt die Zahl der Kirchenmitglieder stetig.

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Autorin

  • Lina Brunnée

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Juni 2019, 19:30 Uhr