Wie Bremer Jugendliche unbewusst Kinderpornografie verbreiten

In Bremen steigt die Zahl der Fälle von Kinderpornografie. Einer der Gründe: Minderjährige verbreiten Inhalte unbewusst im Netz. Darauf sollten Eltern und Lehrer achten.

Eine Jugendliche guckt sich anzügliche Bilder auf deinem Smartphone an.
Heranwachsende als Verbreiter: Kinder- und Jugendpornografische Inhalte werden längst nicht nur in entsprechenden Foren oder im Darknet verbreitet. Bild: DPA | Bride Edouard / Maxppp

Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland fast 65 Prozent mehr registrierte Fälle von Kinderpornografie als noch 2018. Auch Bremen schließt sich diesem bundesweiten Trend an, das zeigen Zahlen der aktuellen Kriminalstatistik. Wurden im Bundesland Bremen 2018 noch 69 Fälle strafrechtlich verfolgt, waren es 2019 schon 121. Wie kommt es zu diesem Anstieg und welche Rolle spielen Kinder und Jugendliche dabei?

Bereits im März 2018 gaben der Bremer Polizeipräsident Lutz Müller und der Leiter des Landeskriminalamtes, Jürgen Osmers, eine erste Erklärung. Zwei Faktoren müssten demnach bei der Bewertung der Zahlen mit berücksichtigt werden: Zum Einen eine Änderung im Bearbeitungsverfahren – und folglich höhere Fallzahlen – und zum Anderen der Begriff von "sexuellem Kindesmissbrauch". Darunter würden auch pornografische Bilder erfasst, die Minderjährige an Minderjährige verschicken, so Osmers. Ein Blick auf die bundesweiten Zahlen des Bundeskriminalamts bestätigen dies: 2019 waren 41 Prozent der Tatverdächtigen im Bereich der Kinderpornographie unter 21 Jahren, 23 Prozent davon sind zwischen 18 und 14 Jahre alt und 12 Prozent sind sogar jünger als 14 Jahre. Warum kommen offenbar immer mehr Kinder und Jugendliche mit solchen pornografischen Inhalten in Kontakt und was machen sie damit?

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Wo befindet sich die Grenze zwischen beispielsweise Sexting, also dem privaten Austausch über sexuelle Themen, und kinder- oder jugendpornografischen Fotos? Gerade für Minderjährige sei dieser Unterschied manchmal nicht zu erkennen, sagt der Bremer Medienpädagoge Markus Gerstmann und ergänzt: Nacktfotos von sich zu verschicken sei für viele selbstverständlich, die Zeiten, in denen die BRAVO Kinder und Jugendliche aufgeklärt hat, seien längst vorbei.

"Sexting ist ja erstmal auch nichts schlechtes oder schlimmes, sondern heutzutage ein Weg, die eigene Sexualität zu entdeckten", sagt der 56-Jährige. Oft spreche er im Auftrag des "ServiceBureaus Jugendinformation" mit Schülerinnen und Schülern darüber. Entscheidend sei, sich vorher Gedanken über die Art des Fotos oder des Dirty Talks zu machen und abzuklären, was damit später einmal passieren soll – oder eben nicht.

Nackfotos im Klassenchat

Gerstmann betont: Dem Freund oder der Freundin Fotos von sich zu schicken, sei nicht das Problem. Man solle jedoch darauf achten, das Gesicht oder auffällige Merkmale, wie Tattoos, nicht zu zeigen. Denn wenn Beziehungen auseinander gehen und entsprechende Fotos nicht gelöscht werden, gerieten diese womöglich über Messenger-Dienste in Umlauf. In welchen Foren sie dann einmal landen, sei kaum zu beeinflussen.

Neben privaten Fotos werden von Bremer Schülerinnen und Schülern immer wieder auch Dateien verbreitet, die als Kinder- oder Jugendpornografie eingestuft werden.

Ja, so etwas taucht auf, das wissen wir.

Markus Gerstmann
Markus Gerstmann, Medienpädagoge

Oftmals verstecken sich solche Bilder in Kettenbriefen und sind mit Konsequenzen belegt, sollte man sie nicht weiterleiten. "Also machen es die meisten. Kinder sind naiv, sie können überhaupt nicht einschätzen, was sie da gerade sehen", sagt der Medienpädagoge.

Schockierende Ausmaße

Genauso wenig einschätzen können Heranwachsende die rechtlichen Konsequenzen: Verbreitung, Erwerb und Besitz kinder- oder jugendpornographischer Schriften sind strafbar und mit teilweise hohen Freiheitsstrafen belegt. Wie schwerwiegend die auf Fotos und in Videos dokumentierten Straftaten mitunter sein können, hat die Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt, Cornelia Holsten, schockiert.

Vor ihrem Amtsantritt als Direktorin war die Juristin jahrelang Richterin am Bremer Landgericht – und urteilte auch über Fälle, die in das Sexualstrafrecht fielen. Ihr Fazit nach zehn Jahren bei der Landesmedienanstalt ist eindeutig und erschreckend zugleich.

Gegen das, was ich hier teilweise im Jugendmedienschutz zu bearbeiten habe, waren die Sexualdelikte am Landgericht Kindergarten.

Cornelia Holsten
Cornelia Holsten, Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt

Eltern und Lehrer wüssten oft nicht, was Kinder und Jugendliche online überhaupt machen, vielen fehle auch das nötige Maß an Neugier, sagt Holsten. Das allerwichtigste sei deswegen, in ständigem Kontakt mit den Heranwachsenden zu bleiben. "Wenn Kinder solche Inhalte sehen, müssen sie sich jemandem anvertrauen können", ist sich die 50-Jährige sicher.

Gespräche suchen, Fälle melden

Sich anvertrauen ist für Betroffene der erste Schritt. Doch wie sollten Eltern oder Lehrerinnen und Lehrer dann reagieren? Wichtig sei laut Experten zunächst zu klären: Woher kommen die Inhalte? Wer hat sie ursprünglich verschickt? Auch die Eltern der Versender direkt anzusprechen ist laut Holsten eine Option. "Wenn beim Spielen mal was kaputt geht, sind viele Eltern in Sachen Schadenersatzforderung immer ganz schnell – bei Fällen von pornografischen Inhalten zögern aber viele", sagt Holsten. Genauso wichtig sei es, mit dem Handy zur Polizei zu gehen, den Vorfall zur Anzeige zu bringen, um eine strafrechtliche Verfolgung möglich zu machen.

Unsere Aufgabe ist es, aufzuklären, Mut zu machen, das Unrechtsbewusstsein zu schärfen und Menschen zu motivieren, nicht einfach mit den Schultern zu zucken, sondern dagegen anzugehen.

Cornelia Holsten
Cornelia Holsten, Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt

Oliver Bouwer arbeitet am Zentrum für Medien am Bremer Landesinstitut für Schule und steht Lehrerinnen und Lehrern auch in solch extremen Fällen zur Seite. "Auf keinen Fall sollten Lehrkräfte sich solche Bilder auf private Geräte schicken lassen oder sie gar weiterleiten – das ist eine Straftat", sagt Bouwer. Der Gang zur Polizei sei der einzig richtige. Seine Erfahrung sei auch, dass seitens der Polizei in den Einzelfällen sehr umsichtig und mit Fingerspitzengefühl vorgegangen werde.

Klassische Pubertätsregeln greifen nach wie vor: Sich abkapseln, Sachen ausprobieren, Grenzen testen und überschreiten. Wenn das im Internet passiert, kann auch so etwas dabei herauskommen.

Oliver Bouwer vom Landesinstitut für Schule
Oliver Bouwer, Medienpädagoge

Elternabende, an denen über Sexting gesprochen wird, Handbücher für Lehrkräfte mit dem Titel "Let's talk about Porno" oder Jugendscouts, denen sich Betroffene anvertrauen können, ohne direkt mit den eigenen Eltern sprechen zu müssen: In Bremen und Bremerhaven gibt es eine ganze Reihe von Angeboten, die aufklären oder Hilfe bei der Auseinandersetzung mit kinder- oder jugendpornografischen Inhalten bieten. "Leider hat Pornografie im Netz einen sehr hohen Stellenwert", sagt Cornelia Holsten. Umso wichtiger sei es, nicht zu resignieren und diese – für Kinder, Lehrer und Eltern oft schambesetzten Vorfälle – zu thematisieren.

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Nachrichten, 11. Mai 2020, 17 Uhr