Interview

Nicht zu Mama oder Papa! Wenn Kinder sich von Elternteilen entfremden

Video vom 26. Mai 2021
Ein rotes Spielzeugauto.
Bild: Radio Bremen
Bild: Imago | Westend61

Ein Bremer Kinderpsychologe warnt vor möglichen gravierenden Folgen, wenn Eltern sich trennen. Kinder geraten oft zwischen die Fronten und werden instrumentalisiert.

Herr Dr. Rücker, ist Gewalt gegen Kinder in Deutschland ein Alltagsphänomen?
Kindesmisshandlung passiert täglich und kommt fast trivial daher. Gewalt hat verschiedene Gesichter: körperlich, strukturell oder auch psychisch. Wir alle werden wohl täglich Zeugen von Gewalt, ohne dass wir es merken, gerade im Bereich der psychischen Gewalt. Wir alle kennen Trennungsfamilien. Im Trennungskonflikt werden beispielsweise Kinder oft von einem Elternteil ferngehalten. Das dabei Entfremdung dahinter steckt, sehen wir meist gar nicht. Wir glauben einfach den Argumenten des Elternteils, das das Kind zurückhält.
Können Sie ein Beispiel für Entfremdung nennen?
Der Begriff Eltern-Kind-Entfremdung beschreibt das Phänomen, wenn Kinder ohne legitime Begründung einen Elternteil ablehnen. Das bezieht sich grundsätzlich nicht auf Fälle, in denen die Ablehnung nachvollziehbare Ursachen wie körperliche Gewalt oder sexueller Missbrauch haben. Der entfremdende Elternteil kann teilweise perfide Methoden entwickeln, um den anderen Elternteil vor dem Kind negativ darzustellen und ihn so von Sohn oder Tochter fernzuhalten. Den Jungen und Mädchen wird dann beispielsweise vorgespielt, dass Mama oder Papa sich nicht melden, kein Interesse am Kind haben. Das wird so lange erzählt, bis die Kinder es glauben. Kinder neigen dazu, den vorwiegend betreuenden Elternteil zu bevorzugen und wenden sich schließlich von dem anderen Elternteil ab.
Warum tun Mütter oder Väter so etwas?
Personen, die ihre Kinder von dem anderen Elternteil zurückhalten, handeln in den seltensten Fällen aus rationalen Gründen. In der Regel sind es Affekte, also kurzzeitige Gefühle wie Wut und Emotionen wie beispielsweise Angst. Meist stecken ungelöste emotionale Konflikte dahinter, vielleicht ein Rachebedürfnis: "Dem zahle ich es heim." Auch Ängste können eine Rolle spielen: "Ich habe schon den Partner verloren, jetzt nicht auch noch die Kinder." Deshalb wird mit allen Mitteln versucht, die Kinder fest an sich zu binden.
Welche Folgen kann Entfremdung für Kinder haben?
Gewalt beeinflusst das Leben der Betroffenen immer mittel- und oder langfristig. Solche Situationen sind extrem belastend. Entfremdete Kinder haben ein sechs- bis vierzehnfach höheres Risiko, an Depressionen zu erkranken. Die Wahrscheinlichkeit für Angststörungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Kontakt- und Beziehungsstörungen steigt ebenfalls. Entfremdete Kinder sind als Erwachsene schwer in der Lage, sich zu setteln, eine Beziehung aufzubauen und zu halten. Es besteht häufig ein Misstrauen in liebevoll besetzte Beziehungen, weil sie keine eigenen Erfahrungen machen konnten. In solchen Fällen werden die negativen Schablonen des entfremdenden Elternteils übernommen.
Haben Kinder eine Chance zu bemerken, dass ihnen Unrecht widerfährt?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe Kinder in meiner Praxis, die beißen, spucken, kratzen, wenn der andere Elternteil Umgang mit ihnen haben soll. Sie sind völlig im Würgegriff des entfremdenden Elternteils. Der Bauch sagt ihnen dann beispielsweise: "Ich lieb´ den Papa." Sie müssen das aber vor der Mutter verleugnen. Kinder können diesen Zwiespalt nur auflösen, indem sie eigene Gefühlsanteile abspalten, das kann später zu Angststörungen, Depressionen und zu Verunsicherung führen. Die Kinder spüren möglicherweise unterschwellig, dass da etwas nicht stimmt, haben aber keine Chance das aufzulösen.
Wie können sich Angehörige und Vertrauenspersonen verhalten?
Man kann versuchen, den Elternteil, der entfremdet, behutsam anzusprechen. Aber es wird die Beziehung erheblich belasten. Mütter und Väter, die so auf eine Trennung reagieren, haben manchmal auch selbst eine hohe psychische Eigenproblematik. Entfremdung ist übrigens keine Frage des Geschlechts, sondern der Möglichkeiten. Väter entfremden ebenfalls, wenn sie nach Trennung oder Scheidung der überwiegend betreuende Elternteil sind.
Wie lässt sich so ein Konflikt lösen?
Es ist wichtig, Angst abzubauen und Perspektiven zu schaffen. Man braucht eine Gesamtstrategie aus Kinderpsychologie und Jurisprudenz. Deshalb arbeite ich in der Beratung mit einem Fachanwalt für Familienrecht zusammen. Eine enge Zusammenarbeit mit dem Familiengericht ist ebenfalls wichtig.
Entfremdung ist für Jungen und Mädchen ein gravierender Lebenseinschnitt. Warum ist es wichtig, darüber zu sprechen?
Sprechen reguliert Emotionen. Wenn ich mir etwas von der Seele rede, erleichtert es mich. Schwierige Lebenserfahrungen verlieren ihren Schrecken, wenn man sich ihnen stellt. Je nach Alter entwickeln wir also behutsame Methoden, den entfremdeten Elternteil zu entdämonisieren und die Erfahrungen zu korrigieren: "Mama oder Papa ist gar nicht so böse oder abweisend." Derjenige, der entfremdet hat, darf dabei natürlich nicht verloren gehen und andererseits negativiert werden.
Wie lässt sich verhindern, dass Kinder von ihren Eltern bei Trennungen instrumentalisiert werden?
Was wir an dieser Stelle brauchen, sind keine neuen Gesetze. Mit dem Familienrecht lässt sich Entfremdung schon verhindern. Man müsste allerdings sehr früh intervenieren. Es gibt allerdings keine verpflichtende Beratung. Ich finde, das ist ein Kunstfehler. Wenn man früh erkennt, dass ein Elternteil destruktiv agiert und das Wohl der Kinder aus dem Blick verliert, kann man frühzeitig dagegen steuern. Wir brauchen eine verpflichtende Beratung für Trennungseltern. Sodass erkannt werden kann, wenn ein Elternteil gegen die Bindungsfürsorge verstößt. Wir haben einen großen Entwicklungsbedarf. Dafür müssen von der Politik wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um Konzepte zu entwickeln.

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Video vom 26. Mai 2021
Der Psychologe Stefan Rücker im Interview bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Sophie Schwarz

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Mai 2021, 19.30 Uhr