Interview

Bremer Chirurg: "Medizin ist wie ein Wirtschaftsunternehmen geworden"

Der Bremer Herzchirurg Umes Arunagirinathan sagt, dass Patienten Verantwortung übernehmen und Ärzte kritisch hinterfragen müssen, wenn es um Diagnostik und Operationen geht.

Video vom 13. Mai 2021
Der Arzt und Buchautor Dr. Umes Arunagirinathan.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Der Bremer Herzchirurg Umes Arunagirinathan hat im vergangenen Herbst sein drittes Buch mit dem Titel "Der verlorene Patient: Wie uns das Geschäft mit der Gesundheit krank macht" veröffentlicht. Darin prangert er die Missstände in den deutschen Krankenhäuser an. Die Medizin sei zu sehr auf Gewinnmaximierung aus.

Herr Arunagirinathan, wie schlimm steht es denn um die Medizin in Deutschland?
Eigentlich gar nicht so schlimm. Ich bin immer noch überzeugt, dass wir eines der besten Gesundheitssysteme weltweit haben. In meinem Buch "Der verlorene Patient" geht es darum, dass die Entwicklungen der letzten Jahre dahingehen, dass der Patient nicht mehr im Mittelpunkt unserer Behandlung steht. Das hat vielerlei Gründe, unter anderem, weil die Medizin wie ein Wirtschaftsunternehmen geworden ist. Medizin darf keine Planwirtschaft sein wie in der Industrie. Wir müssen individuell Therapie machen und uns bei jedem Patienten fragen, ob die Diagnostik, die Therapie dem Patienten tatsächlich etwas bringt. Die Leistung von Medizin sollte nicht die Anzahl der Operationen im Jahr sein. Es muss vielmehr um die Frage gehen, wie viele Menschen, die ich in diesem Jahr behandelt habe, tatsächlich auch von der Behandlung profitiert haben.
Das klingt eigentlich logisch und fast schon banal. Warum ist das denn nicht so?
Weil die Entwicklung einfach anders ist. Stellen Sie sich mal die Frage, wer sind denn die Menschen, die die Krankenhäuser führen? Das sind keine Mediziner. Das sind auch nie diejenigen, die aus der Sozialbranche kommen. Das sind BWLer, also Menschen, die Wirtschaft studiert haben. Die sind beauftragt, Gelder zu generieren und dadurch bestimmen sie auch teilweise, wie Medizin gemacht werden soll. Das ist die Entwicklung – und die hat in den letzten Jahren sogar durch die Privatisierung der Krankenhäuser zugenommen. Ich meine, wenn sie Millionen auf dem Konto haben und sie möchten investieren, dann investieren sie da, wo sie Gewinn machen können. Das heißt, dass mit Medizin Gewinn gemacht wird. Und die Patienten sind die Verlierer.
Ist es denn überhaupt möglich, dass Medizin Gewinn bringt und gleichzeitig der Patient im Mittelpunkt steht?
Ja – zu 100 Prozent. Wir müssen wirtschaftlich denken. Ich finde es enorm wichtig, dass Mediziner auch wirtschaftlich denken. Das gilt auch für mich, weil, wenn ich langfristig sozial handeln will, dann muss ich auch gucken, dass ich mit den Ressourcen, die ich habe, gut umgehen kann. Die Frage ist nur: Brauche ich denn so viel Diagnostik, wie wir sie in Deutschland durchführen? Brauche ich so viele Operationen – seien es Gelenkoperationen, seien es Amputationen, seien es Kaiserschnitte, seien es Herzoperationen? Wenn wir tatsächlich nur die notwendigsten Diagnostiken und Therapien in Deutschland machen würden, dann würden wir langfristig auch gewinnorientiert arbeiten, um unser Sozialsystem langfristig gut finanzieren zu können.
Wenn ich beispielsweise mit Rückenschmerzen zum Arzt gehe, muss ich dann befürchten, dass mir nicht die Therapie verschrieben wird, die am sinnvollsten ist, sondern die, die am profitabelsten ist?
Ja. Ich will mit meinem Buch keine Angst machen. Ich will, dass auch jeder Patient für sich die Verantwortung übernimmt. Zum Beispiel, nicht erst Sonntagabend in der Notaufnahme auftaucht, obwohl er schon drei Wochen Rückenschmerzen hat. Das ist unserem Gesundheitssystem gegenüber verantwortungslos. Ich erwarte Verantwortung von allen Seiten, von Ärzten, von Pflegekräften, von Patienten, aber auch von Krankenhausträgern. Angst braucht man in Deutschland nicht zu haben, aber man sollte Dinge kritisch hinterfragen und Verantwortung übernehmen. Man kann auch den behandelnden Arzt hinterfragen und sich fragen, ob man noch ein Röntgenbild braucht.
Die Rolle des Patienten ist super spannend, weil die in der Diskussion nicht ganz so oft vorkommt. Was erwarten Sie denn von den Patienten?
Die Verantwortung für meine Gesundheit darf ich nicht abgeben, das ist wie beim Rudern. Ich bin derjenige, der steht und ich habe fünf Helfer, die mitlenken und ich bestimme, wohin die Reise geht und ich möchte gesund und zügig nach Hause gehen. Als Patient haben wir ganz viele Erwartungen an die Medizin, wir wollen einerseits Fürsorge und Empathie, andererseits Leistung. Ich habe viele Freunde, die in anderen Krankenhäusern arbeiten und mir davon berichten, wie Kinder von älteren Patienten sagen, nein, tut mir leid, ich habe keine Zeit, ich habe Urlaub und den nehme ich nicht für die Betreuung meiner Mutter. Ihr seid doch verantwortlich, ihr müsst euch kümmern, dass meine Mutter in die Reha-Klinik kommt. Wir haben aber gerade in der Corona-Krise keine Termine in der Rehaklinik frei, wir sind angewiesen auf die Unterstützung durch die Familien. Manchmal frage ich mich, warum hat die Mutter eine Vorsorge-Pflicht für das Kind, aber das Kind nicht für die Mutter, wenn sie alt und hilfebedürftig wird. Das ist für mich unlogisch, darüber muss man sich tatsächlich langfristig Gedanken machen, dass auch Angehörige mehr Verantwortung übernehmen. Das bedeutet aber nicht, dass Ärzte und Pflegekräfte dann weniger Verantwortung tragen. Es ist ein gemeinsames Projekt. Wir sind Helfer, aber die Patienten müssen auch aktiv mithelfen.
Sie haben etwas angesprochen, was sie in Deutschland beobachtet haben, und zwar ältere Menschen wegschieben. Ist das etwas, was sie in anderen Ländern so nicht kennen?
Ich bin in Sri Lanka geboren und aufgewachsen. Mein Vater ist dort im Krankenhaus verstorben, aber meine Mutter war verantwortlich für seine Pflege und Ernährung. Dadurch hatten die Pflegekräfte im Krankenhaus mehr Zeit für andere Dinge. Das können wir uns in einem Land wie Deutschland nicht leisten, weil wir eine Leistungsgesellschaft sind. Wir leben ja zum Teil um zu arbeiten. Langfristig müssen wir aber einen Mittelweg finden. Ich möchte nicht sagen, dass das wie es in Sri Lanka läuft, der beste Weg ist, aber an der Entwicklung in Deutschland habe ich auch Zweifel. Es kann nicht sein, dass sie Kinder einer Mutter, die sie großgezogen hat und denen sie ein Studium finanziert hat, sich gar nicht um sie kümmern, wenn sie alt geworden ist.
War das der Grund, warum sie dieses Buch geschrieben haben?
Ich schreibe viel über gesellschaftskritische Themen. Ich habe davon geträumt, Arzt zu werden und mittlerweile habe ich viele Krankenhäuser hinter mir und habe die Erfahrungen gemacht wie viele meiner Kollegen und Freunde, man fragt sich, bin ich jetzt ein Mediziner oder bin ich jetzt ein Manager. Viele junge Ärzte werden ja zu Managern ausgebildet. Aber ich möchte gar nicht viel darüber nachdenken, wie viel Geld ich anhand meiner Handlung gewinnen kann, sondern ich möchte darüber nachdenken, was bringt jetzt dem Patienten, wie kann ich ihm mit der Empfehlung, mit der Operation helfen. Ökonomisch denken, ja, aber sozial handeln und das muss im Vordergrund stehen.
Wenn sie jetzt ein Buch schreiben über die Entwicklung, die ja seit Jahren in die ein und selbe Richtung geht, schreiben sie das, und denken, das ist ein guter Aufreger, oder hoffen sie dadurch, dass sich etwas verändert?
Es wird sich dadurch was verändern. Allein die aktuelle Situation durch die Corona-Krise gibt den Menschen, der Gesellschaft die Chance, das Geschehen in unseren Gesundheitssystemen, unter die Lupe zu nehmen und besser kennen zu lernen. Wer hat sich bitteschön vorher für die Gesundheitspolitik interessiert? Wenn sie heute auf der Straße Menschen befragen, dann geht es nicht mehr um Themen wie Migration und Arbeitslosigkeit, sondern, es geht an erster Stelle um die Gesundheitsversorgung. Deshalb, das ist die Chance in der Krise, dass wir das Gesundheitssystem langfristig verbessern. Wir haben eines der besten Gesundheitsversorgungen der Welt, aber auch dieses große System hat Lücken, die müssen wir gut füllen, damit unsere Nachkommen in 10, 20, 30 Jahren genau den gleichen Luxus haben, gesundheitstechnisch gut versorgt zu werden.

Autor

  • Jan Meier-Wendte Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. Mai 2021, 19:30 Uhr