Interview

Treibt Corona die Menschen auseinander? Das sagt ein Bremer Soziologe

Menschen protestieren: Gegen Corona-Auflagen – oder für einen harten Lockdown. Gibt es nur noch schwarz und weiß? Was passiert gerade auch in Bremen und Bremerhaven?

Mundschutzt mit der Aufschrift Gesellschaft liegt auf Herbstlaub mit Coronavirus-Symbol. Fotomontage.
Ob mit Freunden, Bekannten, der Familie: Über Corona und der Umgang damit kann es Meinungsunterschiede geben. (Symbolbild) Bild: DPA | xxxFOTOGRAF EINTRAGENxxx

In Bremen manipulierten Unbekannte offenbar eine Elternumfrage, um ein Wunschergebnis zur Maskenpflicht in der Schule zu erzielen. Bundesweit machen Schauspieler eine hoch umstrittene Aktion, die Jan-Josef Liefers in der Radio Bremen-Talkshow 3nach9 damit begründet, sie wollten Ungehörten eine Stimme geben. Die Proteste werden extremer, auch in Bremen demonstrieren sogenannte Querdenker, und viele sprechen davon, dass sich die Gesellschaft zunehmend in Lager aufteile. Stimmt das? Wir haben mit dem Soziologen Prof. Dr. Patrick Sachweh von der Universität Bremen gesprochen.

Herr Sachweh, manche sagen, unsere Gesellschaft spaltet sich wegen Corona. Sehen sie das auch, oder ist das nur ein Gefühl? Gibt es nur noch schwarz und weiß? Wo ist das Dazwischen?
Naja, ich würde nicht sagen, dass das nur ein Gefühl ist. Die Aktion um Liefers und die mutmaßliche Manipulation zeigen, dass es Pole gibt bei der Debatte um den richtigen Umgang mit der Corona-Strategie. Insofern bildet das Extreme ab. Die Frage, die sich mir stellt, ist, wie groß sind wie die gesellschaftlichen Gruppen die da dahinter stehen? Und wer ist das eigentlich? Gibt es eine spezifische soziale Systematik oder ein Muster, sodass man sagen kann: 'Die einen können sich eben mehr Gehör verschaffen als die anderen.' Aber wenn man jetzt die Bevölkerungsumfragen der Meinungsforschung anschaut, dann sieht man ja immer noch, dass eine Mehrheit der Bevölkerung sich härtere Maßnahmen gewünscht hätte oder ein signifikanter Teil sich härtere Maßnahmen gewünscht hätte und mehrheitlich die Maßnahmen nach wie vor akzeptiert werden. Ein geringerer Teil findet sie zu weitreichend. Der wächst vielleicht auch ein bisschen. Zwischen den Polen in der Corona-Debatte liegen sicherlich eine Menge Menschen.
Also würden Sie sagen, dass viele Ungehörte dazwischen liegen, dass es aber vor allem die Pole sehr laut sind?
Ich würde sagen, dass sicherlich in den Medien diese beiden Pole derzeit stark zur Sprache kommen. Weil sie ja auf den ersten Blick für einen sehr unterschiedlichen Umgang mit der Corona-Pandemie stehen. Die Zielsetzung beider Gruppen unterscheidet sich aber gar nicht so sehr. Beide Gruppen wollen ja schnell aus der Situation dieses Dauer-Lockdowns heraus. Insofern ist das vielleicht auch eine Reaktion darauf, dass es politisch nicht wirklich eine erkennbare Strategie gibt, außer eben der Hoffnung auf die Impfung. Die Abwesenheit einer klaren Strategie hilft, Extreme auch noch gut positionieren und zur Geltung bringen zu können.
Woher kommt denn die Wut aufeinander, vor allem bei extremen Positionen?
Die Wut kommt aus der Wahrnehmung, dass die Regierung hier nicht genug tut und dass es keine erkennbare langfristige Strategie im Umgang mit der Corona-Pandemie gibt. Das ist zumindest von der No-Covid-Bewegung einer der zentralen Vorwürfe. Man befindet sich im Grunde genommen seit November schon jetzt in einer Situation des Durchwurschtelns und des "muddling through", die aber einen zunehmend geringeren Teil der Bevölkerung noch mitnimmt. Man hat die große Solidaritätsbereitschaft, die es jetzt etwa letztes Jahr im März noch gab, dann auch ein Stück weit verloren, dadurch, dass nicht klar war, wohin die Reise geht und was eigentlich der langfristige Plan dabei ist.

Ein zweiter Aspekt, insbesondere mit Blick auf No-Covid, ist, dass das ja eine ganz stark wissenschaftsintern getriebene und getragene Bewegung ist. Die Strategie, die dort präsentiert wird, kann man als eine Strategie darstellen, die kognitiv eigentlich dann nicht mehr diskutierbar ist. Aber die Politik steht ja seit einiger Zeit vor dem Dilemma, dass sie nicht ausschließlich dem folgt, was die Wissenschaft oder zumindest der No-Covid-Teil ihr nahelegt. Denn sie muss mehr Aspekte berücksichtigen. So treffen unterschiedliche Interessen aufeinander oder kommen zum Vorschein.
Ist "nach" Corona mit einer Trendumkehr zu rechnen oder bleibt es bei Extremen?
Auch in der Vergangenheit mussten Gesellschaften mit großen Gefährdungen umgehen und haben das über erstaunlich lange Zeiträume hinweg hinbekommen. Im Grunde genommen sind die Maßnahmen, die wir jetzt beobachten – räumliche Separierung, Vermeidung von Kontakten, Einschränkung der Mobilität – sehr alte Maßnahmen. Was vielleicht jetzt das Neue der Situation ausmacht, ist die moderne Gesellschaft. In unserer gegenwärtigen Situation haben wir natürlich einen sehr hohen Anspruch an die Selbststeuerungs- und Selbstgestaltungsfähigkeit. Wenn dieser Anspruch an Selbstgestaltung enttäuscht wird oder wir merken, dass eben nicht alles uns zur Verfügung gestellt ist, dann wirft das existentielle Schwierigkeiten auch für uns auf.
Und welche Folgen hat Corona für uns als Gesellschaft? Sind wir überhaupt dazu in der Lage wieder Menschenmassen wie in vollen Konzertsälen zu ertragen?
Ich halte es für fraglich, dass man Leute, mit denen man nicht ganz so eng befreundet ist, noch zur Begrüßung umarmen wird. Das wird interessant zu beobachten sein. Auch, wie gut man Menschenmassen, ein Fußballstadion oder ein Konzert aushält und empfindet. Spannend finde ich tatsächlich zu sehen, wie dieser Weg zurück in das "Nach Corona" gesellschaftlich in der politischen und öffentlichen Debatte verhandelt wird. Man kann ja sagen, das eröffnet auch Möglichkeiten für eine Gesellschaft. Wie Joe Biden und die US-Administration das macht und auch wie der Wahlkampf dort geführt wurde, das deutet das an der einen oder anderen Stelle auch schon an. Dass zum Beispiel der wirtschaftliche Wiederaufbau genutzt wird, um auch bestimmte politische Zielsetzungen durchzusetzen. Das ist jetzt mit Blick auf den Wahlkampf zur Bundestagswahl sicherlich auch eine spannende Frage, ob die Parteien hier das aufgreifen werden und größere politische Reformen anzustoßen versuchen.
Haben Sie vor der Pandemie mit dieser Art der Entwicklung gerechnet?
Also das Ausmaß der der Proteste in der jüngeren Vergangenheit hat mich schon überrascht und auch die die Anzahl der Menschen bei den Protesten – 10.000 in Stuttgart beispielsweise. Also als Staatsbürger finde ich die Zahl bedenklich. Ich wäre zurückhaltend, die alle in einen Topf zu werfen und zu sagen, das sind jetzt alles Covidioten. Da sind auch Leute mit berechtigten Existenzängsten darunter. Aber dieses Ausmaß an Protest und Kritik hat mich schon überrascht. Das, finde ich, ist eine Entwicklung, die man im Auge behalten muss.
Zum Abschluss: Nähert man sich denn "nach" der Pandemie wieder an oder bleibt eine Spaltung zu spüren?
Das ist schwer zu sagen. Die Brisanz des Themas wird nicht mehr so groß sein und dann kann man auch wieder stärker über andere Dinge sprechen. Jenseits des Bereichs von persönlichen Beziehungen würde ich nicht erwarten, dass diese beiden unterschiedlichen Lager aufeinander zugehen. Da wird die Wichtigkeit zurückgehen oder es wird andere inhaltliche Felder geben, der Klimawandel wäre hier das Naheliegendste. Das ist gut zu sehen bei der AfD, nachdem die Grünen ihre Kanzlerkandidatur bekannt gegeben haben. Da wurde gesagt: "Nach der coronabedingten Rücknahme von Freiheitsrechten steht bald auch die klimabedingte Rücknahme von Freiheitsrechten zu erwarten." Da wird die Kritik an der Regierungspolitik schon auf das nächste Feld gelenkt.

Autorin

  • Marie Roters Praktikantin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 2. Mai 2021, 23:30 Uhr