So kommen Bremer Bars und Restaurants durch den Lockdown

Essen aus dem Automaten? Schnitzel-Teller im Supermarkt? Neue Ideen für die Bremer Gastronomie gibt es viele. Doch lassen sie sich jetzt in der Krise auch umsetzen?

Zusammengestellte Tische und Bänke stehen vor einem Gastronomiebetrieb an einer Hauswand, davor herbstliches Laub und verwischt eine Person, die durchs Bild läuft.
Bis voraussichtlich Ende November müssen alle Bars und Restaurants im Land Bremen geschlossen bleiben. Bild: Imago | Bildgehege

Whisky Sour, Margarita, Singapore Sling: Auch wenn Mario Ippens Bar gegenüber den Bremer Wallanlagen jetzt wie alle Gastro-Betriebe wieder geschlossen ist – Cocktails gibt es bei ihm weiterhin. Zwar nicht mehr im Glas, aber dafür in der Flasche. Bestellt wird übers Internet. Geliefert wird nach Hause. "Wer mag, kann die Cocktails auch bei uns abholen", sagt Ippen.

Seit fast 20 Jahren betreibt Ippen seine "Lemon Lounge". Während des ersten Lockdowns im Frühjahr, als die Bar wochenlang dicht war, entschloss er sich, sein Konzept umzustellen: Zusammen mit seinem Team bereitete er die Cocktails vor, füllte sie in Flaschen und verkaufte sie anschließend draußen vor seiner Bar – zum Mitnehmen. Der "Bottled Cocktail" war geboren. "Und das wird jetzt wieder aktuell", sagt Ippen. Ein Beispiel, wie die Not erfinderisch gemacht hat.

Cocktails im Supermarkt

Barbesitzer Mario Ippen verkauft vor seiner Bar Cocktails.
"Cocktail to go": Die Not hat Barbesitzer Ippen erfinderisch gemacht. Bild: Radio Bremen

Auch wenn seine Bar seit Ende des ersten Lockdowns wieder geöffnet hatte, das Konzept vom "Cocktail in der Flasche" hat Ippen währenddessen trotzdem weiterentwickelt. Mittlerweile gibt es die Drinks in einem eigens eingerichteten Pop-Up-Store im Steintor zu kaufen und auch einen Spirituosen-Händler in der Innenstadt beliefert der Bar-Betreiber mit seinen Cocktails. "Geplant ist auch, dass es die Bootled-Cocktails bald in einem Bremer Supermarkt zu kaufen gibt", erzählt Ippen.

Mittlerweile mixen er und sein Team die Drinks längst nicht mehr nur bei sich in der Bar: "Wir produzieren jetzt auch in der Bremer Union Brauerei. Dann werden dann schon mal 500 Flaschen auf einmal abgefüllt." Während des ersten Lockdowns, sagt Ippen, habe er erkannt, dass viel Potenzial in den Flaschen-Cocktails stecke. Und die sind mittlerweile sogar preisgekrönt: Erst Anfang Oktober gewann Ippens Konzept einen Mixology Bar Award, eine der wichtigsten Auszeichnungen der deutschsprachigen Barwelt. Und dennoch: Die Existenzsorgen bleiben. "Weil man einfach nicht weiß, wie lange das noch weitergeht. Ewig kann ich das nicht so durchziehen", sagt Ippen. Aber auch wenn das, was er gerade mache, nicht viel Geld bringen würde: "Es bringt Hoffnung."

"Gäste bei Laune halten"

Die Krise als Chance? Als Kreativitätsschub? Für den Großteil der Gastronomie-Betriebe treffe das nicht zu, sagt Piet Rothe, Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Bremerhaven.

Vielleicht gibt es jetzt einzelne Betriebe, die ihre Nische finden, aber inwieweit das dann massenkompatibel ist, steht auf einem anderen Blatt.

Piet Rothe
Piet Rothe, Dehoga Bremerhaven

Hinzu komme: Die Gastronomie habe auch eine soziale Funktion. Menschen würden in Bars und Restaurants zusammenkommen, so Rothe. "Ich weiß nicht, wie diese Funktion durch einen Liefer- oder Abholservice erfüllt werden könnte."

Dass jetzt aber wieder viele Gastronomie-Betriebe in Bremen und Bremerhaven auf genau diesen Liefer- und Abholservice umstellen, habe er bereits wahrgenommen, sagt Rothe. "Ob sich das finanziell trägt, kommt sehr auf das jeweilige Konzept an", sagt Rothe. Oft gehe es auch einfach darum, die Gäste bei Laune zu halten und die Zeit bis zum Ende des Lockdowns zu überbrücken.

Ähnlich sieht das sein Kollege Detlef Pauls von der Dehoga Bremen: "Es geht eher darum, dass man in der Zeit einen Sinn im Leben hat. Kostendeckend ist das nicht". Gut laufe es nur bei denjenigen, die den Außer-Haus-Verkauf schon vorher professionell gemacht hätten, so Pauls. "Bei den normalen Restaurant-Betrieben wissen die Leute ja oftmals auch gar nicht, dass die jetzt einen Lieferservice anbieten."

Internet-Portale sollen Restaurants helfen

Bild eines Laptops, der eine Website zeigt.
Auf Plattformen wie tosamen.org werden Restaurants gelistet, die auch während des Lockdowns Essen anbieten. Bild: privat | Simon Zeimke

Und genau das will Verena Plug ändern. Zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr hat die Online-Marketing-Managerin deshalb die Internetseite "Plattform Bremen" ins Leben gerufen. Dort gibt es eine Übersicht über alle Bremer Geschäfte und Gastronomie-Betriebe, die während des Locksdown Lieferung oder Selbstabholung angeboten haben – nach Stadtteilen sortiert.

Zu Hochzeiten hätten bis zu 1.000 Menschen pro Tag die Seite besucht, so Plug. Gerade ist die Bremerin dabei, die Seite auf den aktuellen Stand zu bringen. "Ich schreibe jetzt E-Mails an die Restaurants oder rufe an, um zu erfahren, wer auch jetzt wieder einen Abhol- oder Lieferservice anbietet", erklärt Plug. Dabei freue sie sich über die Unterstützung der Bremerinnen und Bremer: "Wer zum Beispiel Infos zu einem Restaurant hat, kann sich gerne bei mir melden." Auch wenn die Geschäfte diesmal nicht schließen müssen, sollen sie trotzdem auf Plugs Plattform aufgelistet bleiben. "Ich bin bei der Recherche im Frühjahr Geschäften begegnet, von denen ich noch nie gehört hatte. Es wäre schade, das jetzt wieder von der Seite zu nehmen", sagt Plug.

Eine ähnliche Plattform hat auch Simon Zeimke zu Beginn der Corona-Pandemie aufgesetzt. Auf tosamen.org, angelehnt ans plattdeutsche Wort für "zusammen", können seither Gastronomen, Einzelhändler und Organisationen ihre Angebote veröffentlichen. Auch Zeimke will die Seite jetzt, mit Beginn des Lockdowns light, auf den aktuellen Stand bringen: "Wir werden uns diesmal allerdings auf die Gastronomie beschränken, weil der Einzelhandel ja geöffnet bleibt", erklärt Zeimke. Weder er noch Plug verdienen an ihren Portalen Geld. Es gehe darum, die Unternehmen vor Ort zu unterstützen.

Viele kleine Einzelhändler oder Gastronome hatten zu Beginn der Corona-Krise keine eigene Webseite. Da wollten wir eine Lücke schließen.

Simon Zeimke
Simon Zeimke, Macher von tosamen.org

Für Plug geht es auch darum, die Menschen zu sensibilisieren: "Ich möchte auch zeigen, wie wichtig es ist, die Gastronomie in dieser Zeit zu unterstützen."

Support your local dealer

Jetzt auf Abhol- und Lieferservice umzustellen, das rät auch Christian Holz den Betrieben. Er ist Berater für die Gastronomie und Lebensmittelindustrie. Allerdings müsse man genau schauen, ob sich dieses Konzept auch rechne, so Holz. "Normalerweise verdient die Gastronomie das meiste Geld über Getränke. Deshalb kommt es jetzt darauf an, dass man auch viel Essen zubereiten kann."

Eigentlich hätte Holz in dieser Woche einen Workshop für Bremer Gastronome gegeben zu der Frage, wie kreative Ideen in der Krise zum Erfolg führen können. Die Veranstaltung wurde ausgerechnet durch den erneuten Lockdown vereitelt. Digital habe sich das nicht umsetzen lassen, sagt Holz. Und er wollte den Workshop noch aus einem anderen Grund verschieben: "Gerade ist einfach nicht die Zeit, um neue kreative Ideen umsetzen. Gerade geht es für die Gastronomen darum, durch diese schwierige Phase zu kommen", sagt der Berater.

Viele der Ideen, die er auf dem Workshop vorstellen wollte, würden sich schlichtweg nicht realisieren lassen, wenn das Restaurant geschlossen sei. Zum Beispiel seine Produkte im Einzelhandel anzubieten. Die Hochschule Weihenstephan habe in diesem Jahr eine Gastro-Initiative gestartet und Gastronomie-Betreiber beraten, wie sie ihr Essen in den Einzelhandel bringen könnten, so Holz. "Da werden dann zum Beispiel die Rouladen im Supermarkt verkauft." Und in Wien gebe es bereits Pläne, die Martinsgänse in diesem Jahr im Restaurant zu verkaufen. "So wird das Restaurant zum Einzelhandel." Ein ähnliches Beispiel gebe es auch in Bremen: "Das Restaurant Mucho Más hat während des Lockdowns spanische Lebensmittel verkauft", sagt Holz.

Langfristig, glaubt der Berater, könnte die Corona-Krise zu völlig neuen Konzepten in der Gastronomie führen: "In Russland gibt es zum Beispiel ein Restaurant, da setzt man sich alleine in einen Gastraum und holt sein Essen aus einer Klappe, hinter der sich die Küche befindet." Das Essen habe man vorab online bestellt, so Holz. Ob es das irgendwann auch in Bremen geben wird: Ungewiss. Aber Holz freut sich schon jetzt darauf, seine Ideen mit den Gastronomen hier zu diskutieren. "Wenn die Restaurants wieder öffnen dürfen, wollen wir den Workshop nachholen", sagt er.

Wie Bremer den letzten Tag vor den strengeren Corona-Regeln nutzen

Video vom 1. November 2020
Auf einem Tisch steht eine Klingel, Desinfektionsmittel und ein Schild mit einem Hinweis auf Außerhaus-Verkauf.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 2. November 2020, 10:20 Uhr