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So regelten "Clans" die Fischerei im Bremen des 15. Jahrhunderts

Die Stinte werden zurzeit wieder gefischt. Wie schon vor hunderten von Jahren. Alles war streng geregelt. Von Clans, verschwundenen Schriften und dem Fischbestand in der Weser.

Video vom 16. Februar 2020
Ein Fischer mit einem kleinem Boot auf der Weser beim angeln
Bild: Radio Bremen

Das Mittelalter lebt in Bremen. Man muss nur einmal etwas genauer auf den Fluss gucken: Mitglieder der ältesten Zunft der Hansestadt holen täglich fast unbemerkt ihre Fischkörbe ein – wie anno 1489 zur Zeit der frühesten Nennung des "Fischeramtes" in der "Kundigen Rolle", einem der wertvollsten Dokumente der Bremer Stadtgeschichte. 

In den Reusen zappeln sie auch jetzt gerade wieder silbern – die Stinte. Wenn früher Bremens "Brotfisch" beim Laichzug in der Stadt angekommen war, wussten alle, dass die schlimmste Winterzeit vorbei war und es frische Proteine gab. Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchivs, hat die Geschichte der Bremer Fischer erforscht.

Verschollene Büchlein tauchen bei Auktion auf

Seit dem Zweiten Weltkrieg galten die beiden ältesten Pergamenthandschriften des Fischeramtes als verschollen. Nach der Luftschutz-Auslagerung zwischen 1941 bis 1946 in das Bergwerk Grasleben bei Salzgitter waren die 400 und 500 Jahre alten Büchlein auf ungeklärtem Weg verschwunden, wie Bremens erster Archivar, Konrad Elmshäuser, berichtet.

Schon der Weg der Fischeramtsrollen zurück nach Bremen birgt Stoff für einen Krimi: Auf einer Auktion im April 2014 wurden die beiden kleinen schwarzen Büchlein mit Einbänden aus geprägtem Leder mit Messingschließen als Dokumente angeblich holländischer Herkunft angeboten. Ein niederländischer Händler erwarb sie. Der wandte sich mit seinem Schatz an das Staatsarchiv, wo Konrad Elmshäuser und sein Team sie sofort zuordnen konnten. "Und wir wussten ja, dass das Fischeramt auch noch immer existiert und haben uns einfach an dessen Altmeister Peter Koch-Bodes gewandt."

Fische in der Weser Weiter Zurück Der Lachs Im Mittelalter war er der begehrteste Speisefisch. Auch heute wird er wieder vereinzelt in der Weser gefangen. Der Aal Heute wie damals ist er ein begehrter Speisefisch aus der Weser. Das Neunauge Früher gab es für seine Verarbeitung eine eigene Zunft. Heute steht es unter Schutz. Der Stör Der einzige Fisch von früher, der heute nicht mehr in der Weser zu finden ist. Die Quappe Im Mittelalter war sie wegen ihres Fettreichtums sehr begehrt. Heute ist sie nur sehr vereinzelt zu finden. Der Stint Früher galt er als Bremens „Brotfisch“ und war eine wichtige Nahrungsquelle nach harten Wintern. Sein Vorkommen ist wechselhaft. Der Hecht Der Hecht ist ein Raubfisch und ernährt sich unter anderem von anderen Fischen und Fröschen. Heute wie damals heimisch in der Weser. Der Zander Der Zander gehört zur Familie der Barsche und lebt bevorzugt in trüben Gewässern. Heute wie damals heimisch in der Weser. Die Meerforelle Sie ist vor allem im Meer und in Küstengewässern zu finden. Heute wie damals heimisch in der Weser. Die Brasse Sie lebt in Schwärmen in Grundnähe. Die Brasse ist heute wie damals heimisch in der Weser.

Das Entziffern dauerte Jahre

Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchivs.
Konrad Elmshäuser leitet das Bremer Staatsarchiv und hat die Geschichte der Fischerei in Bremen aufgearbeitet. Bild: Radio Bremen | Volker Kölling

Der Senior der Bremer Fischer schmunzelt beim Gedanken an den Coup: "Eigentlich war das nur ein einziges Gespräch mit meinem Jungmeister. Wir waren uns sofort einig, dass wir die Schriften wiederhaben wollten und haben sie sofort gekauft." Für die Entzifferung und Übersetzung der handschriftlich festgehaltenen Zunftordnung brauchte es von 2015 noch bis vor ein paar Monaten.

Konrad Elmshäuser hat den günstigen Zeitpunkt genutzt und sich in einem Rundumschlag gleich komplett mit der Geschichte der Bremer Fischerei für einen großen Aufsatz im Bremischen Jahrbuch beschäftigt. Dafür hat er sich unter anderem auch jedes existierende Bremer Stadtporträt noch einmal ganz genau angesehen.

Man kennt als Historiker diese Werke genau. Und doch ist es erstaunlich, welche Dinge zutage treten, wenn man mit einer konkreten Recherche noch einmal an die Bilder herantritt. Es werden plötzlich Dinge sichtbar, die man die ganze Zeit direkt vor Augen hatte, aber nie bemerkt hat.

Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchivs

"Erster Tom": der begehrteste Flussabschnitt der Fischer

Historisches Gemälde von Bremen aus dem Jahre 1602, auf dem auch Fischer auf der Weser zu sehen sind.
Das Bremer Stadtpanorama von 1602 zeigt im Vordergrund ganz deutlich Fischer bei der Arbeit. Bild: Staatsarchiv Bremen | Jürgen Landwehr

Das beste Beispiel: Bremens ältestes Stadtpanorama aus dem Jahr 1602, detailversessen liebevoll ausgeschmückt von Maler Jürgen Landwehr. Es ist zweieinhalb Meter lang und hat einen Ehrenplatz in der Ausstellung des Bremer Focke-Museums. Zoomt man praktisch in dieses monumentale Kunstwerk auf Höhe von St. Stephani auf die Weser, entdeckt man dort ein kleines Bötchen voller Menschen, die ein Netz einziehen – eine sogenannte "Lachszeese". Konrad Elmshäuser: "Das sind Mitglieder des Fischeramtes. Nur sie durften laut den Privilegien ihrer Zunft auf diesem sogenannten ersten Tom mit großen Treib- oder Zugnetzen fischen."

Der Abschnitt zwischen der Weserbrücke und ungefähr der heutigen Stephanibrücke ist laut Elmshäuser keinesfalls grundlos vom Maler ausgesucht worden: Der sogenannte "erste Tom" war der unter den Fischerleuten begehrteste Flussabschnitt und lag direkt vor ihrem Wohnviertel. Elmshäuser zeigt auf die zur restlichen Stadt vergleichsweise niedrigere Bebauung, die auf ein Arme-Leute-Viertel schließen lässt, die Fischerschlachte.

Große Streitigkeiten zwischen "Clans"

Ob arm oder nicht: Bremens Fischerleute wussten früh ihre Rechte zu zementieren: 1489 ist die privilegierte Fischerzunft in Bremens "Kundiger Rolle" erwähnt. Genauso wie das bis heute geltende Küchenfischereirecht geregelt wird: Jedem Bremer ist erlaubt, für den eigenen Bedarf mit zwei Angeln Fisch aus dem Fluss zu holen – verkaufen darf den Fisch aber nur, wer Mitglied des Fischeramtes ist. Andernfalls drohen Bestrafungen und hohe Geldbußen.

Es gab zur Ernährung der etwa 15.000 Einwohner der Stadt natürlich immer auch den Import von Hering oder Stockfisch. Aber auf ihr Edelfischmonopol auf den Bremer Märkten hat das Fischeramt immer eifersüchtigst geachtet.

Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchivs

Dabei räumt der Historiker gleich auch mal mit der Idee auf, der Mensch habe im Mittelalter vielleicht freier als heute gelebt: "Das war mitnichten so: Alles war bis ins Detail geregelt. Für die Fischer die Fangzeiten, die Abfolge der Fischzüge, die Aufnahme in die Zunft und sogar die Strafen für den Fall, dass man einen Zunftbruder beleidigte." Das kostete den Täter, sobald zwei Zeugen beigebracht werden konnten, einen halben Gulden – eine schmerzhafte Bestrafung.

Konrad Elmshäuser: "Wir reden bei diesen Bremer Ämtern eigentlich immer über Zusammenschlüsse mehrerer Sippen. Heute würde man Clans sagen. Es galt bei kleinen Verwerfungen sofort energisch einzuschreiten, damit aus Beleidigungen nicht handfeste Fehden zum Schaden der ganzen Stadt wurden. Die Leute waren schon sehr ehrpuzzelig damals." Die Ratsschriften seien entsprechend voller kleiner, im Rückblick oft nichtiger Auseinandersetzungen.

Nachhaltige Fischerei auch schon im Mittelalter

"Wir haben uns früher gern gestritten," lacht Fischeramts-Altmeister Peter Koch-Bodes in Erinnerungen an die Vorfahren. Aber eins fand er bei der Lektüre der Fischeramtsrollen noch viel eindrucksvoller.

Nachhaltige Fischerei, so wie wir sie heute betreiben, haben die damals auch schon gekannt. Schon- und Fangzeiten für den Fisch waren genau festgelegt, Netz- und Maschengrößen vorgeschrieben und die Zahl der Netze begrenzt.

Peter Koch-Bodes, Altmeister vom Fischeramt Bremen
Gefangene Stinte.
Schon im Mittelalter wurden in der Weser Stinte gefangen – eine Tradition, die sich bis heute fortsetzt. Bild: Radio Bremen | Volker Kölling

Und die Fischer zeigten als Bestandsschützer rigoros die an, die der Fischpopulation gefährlich werden konnten: Im Jahr 1577 schützt der Bremer Rat auf Beschwerde des Fischeramtes die von Borgfeldern überfischte Wümme – damals wie heute ein wichtiges Laichgewässer. "Dort in Borgfeld gab es nachweislich 500 Jahre lang ein großes Fischwehr, sagt Konrad Elmshäuser. 1583 sind dann aber sogar 20 solcher Anlagen grundbuchlich erwähnt. Da kam natürlich kein noch so kleines Fischchen mehr jemals in der Weser an." Als Gewässerschützer setzen Bremens Fischer damals die Öffnung der Anlagen durch – nicht gerade zur Freude mancher Anwohner, die unter den Überschwemmungen durch den Rückstau der Wehre litten.

Frauen als Fischerinnen – nicht wegen der Gleichberechtigung

Wie viele Fischer gab es in Bremen im Mittelalter? Konrad Elmshäuser weiß im Mittel von neun Familien im Fischeramt. Dazu seien Gesellen und Gehilfen gekommen. Zusammen also vielleicht 150 Menschen.

Auch Frauen konnten als vollwertige Fischer aufgenommen werden. Das hatte aber eher etwas mit der Versorgung der Frau nach dem Tod eines Fischers als mit Gedanken der Gleichberechtigung zu tun.

Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchivs

Eine Stadtansicht von 1738 zeigt, wie zehn Menschen am damals gerade noch unbebauten Neustadtsufer eine große Lachszeese an Land ziehen. Elmshäuser: "Solche zusammengeknüpften Treibnetze mit Korkbojen oben an der Wasseroberfläche und Grundgewichten aus Ziegeln unten konnten rund hundert Meter lang werden. Das war eine körperlich sehr anstrengende Arbeit, die man nur in der Gruppe bewältigen konnte."

Was noch schön auf diesem Bild zu sehen ist: Hinter den elf Mühlen der Weserbrücke hängt jeweils ein Kahn mit einem Angler drauf. Ein Wassermüller mit eigenem kleinen Fischereirecht. Ein Seeschiff passiert die Szenerie. Und auch da muss Konrad Elmshäuser wieder schmunzeln: "Da hat wieder ein Künstler ein gesellschaftliches Spannungsfeld festgehalten: Die Müller beschwerten sich nämlich regelmäßig beim Rat, dass ihnen die Fischer mit ihren Netzen zu nah an ihre stehenden Anlagen kommen würden. Und Ärger gab es natürlich immer wieder auch mit der Schifffahrt. Da war damals doch einiges los auf dem Fluss."

Autor

  • Volker Kölling

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. Februar 2020, 19:30 Uhr