Eltern unter Druck: Keine Eltern-Kind-Kuren mehr wegen Corona

Eltern-Kind-Kuren sind für viele Familien Auszeiten, die sie dringend brauchen. Seit Mitte März sind fast alle Kuren abgesagt. Für die Betroffenen ist das hart.

Eine Mutter macht mit ihrer Tochter Schularbeiten
Home Schooling, Home Office und die Spielgefährten ersetzen: Eltern stehen gerade unter enormem Druck. Bild: Imago | Lichtgut

Als Deutschlands erste "First Lady" Elly Heuss-Krupp vor 70 Jahren das Müttergenesungswerk gründete, ging es ihr zunächst darum, belastete Mütter zu unterstützen, insbesondere über Kuren – mit und ohne Kind. Seit 2013 werden entsprechende Kuren auch für Väter und auch für pflegende Angehörige angeboten. Grundgedanke ist nach wie vor, Zeit zu schenken und aktiv Hilfe anzubieten. Fast 50.000 Mütter, 2.000 Väter und über 70.000 Kinder nehmen inzwischen jedes Jahr an solchen Vorsorge- oder Rehakuren teil. Auszeiten, die diese Familien dringend brauchen. Doch dann kam Corona – und seit Mitte März sind fast alle Kuren abgesagt. Wann die Familien sie nachholen können, kann keiner genau sagen. Für die Betroffenen ist das hart.

Zusätzliche Belastung für Eltern, die ohnehin unter Druck stehen

Caroline Behrens ist 31 Jahre alt. Sie hat fünf Kinder und bis vor wenigen Wochen hatte sie auch noch zwei Jobs. Einen hat sie jetzt verloren. Ihr Mann arbeitet im Schichtdienst. Auf ihre Eltern-Kind-Kur hat sie seit letztem Herbst gewartet. Sehnsüchtig – weil sie dauernd erschöpft ist und gleichzeitig rastlos, erzählt sie. Und weil sie schon so lange schlecht schläft.

Als die Kur das erste Mal Mitte März abgesagt wurde, hat mir das ziemlich den Boden unter den Füßen weggerissen.

Caroline Behrens, Mutter

Als Multijobberin und Mutter von fünf Kindern stünde Behrens unter Dauerstrom und kurz vor einem Burnout. "Von daher hoffen wir sehr, dass wir bald einen Ersatztermin bekommen können und die Kliniken wieder öffnen können", erklärt sie. Man merkt ihr an, dass sie schon ein bisschen resigniert hat.

"Aufgrund der Corona-Krise hat sich unser Alltag einfach massiv verändert. Nicht unbedingt schlimmer, aber anders anstrengend. Von der ersten bis zur sechsten Klasse Home Schooling zu betreiben ist einfach schwierig und eine riesengroße Herausforderung. Man wächst da ja so rein. Aber schön ist das nicht", sagt Behrens.

Kuren eigentlich als Vorsorge-Maßnahme

Wie Caroline Behrens geht es im Moment vielen Eltern, weiß Alexandra Maksimovic von der Bremer Beratungsstelle des Deutschen Arbeitskreises für Familienhilfe. Sie seien traurig, manche auch verzweifelt, wenn sie erfahren, dass ihre Kur erstmal nicht stattfinden kann. Die Eltern seien laut Maksimovic "sehr, sehr enttäuscht und erschöpft". Erschöpft seien sie vorher auch schon gewesen. Gesundheitlich und psychisch belastet. Sonst hätten sie die Maßnahme nicht beantragt und auch nicht bewilligt bekommen. "Diese Gesamtsituation verschärft und verschlechtert sich jetzt eher unter diesen Corona-Bedingungen", erzählt Maksimovic.

Ich kriege schon Anrufe von Müttern, die sagen: Ich kann nicht mehr.

Alexandra Maksimovic, Bremer Beratungsstelle des Deutschen Arbeitskreises für Familienhilfe

Denn die Belastung ist groß im Moment: Kitas sind seit zwei Monaten geschlossen, die Notbetreuung können nicht alle in Anspruch nehmen. Und die Schulen laufen gerade erst ganz langsam und stundenweise wieder an. Eltern müssen Kinderbetreuung, Hausaufgabenhilfe, Freizeitgestaltung und nicht zuletzt ihre Jobs parallel meistern. Bei vielen kommen auch noch finanzielle Sorgen dazu. Die Folge: Viel mehr Familien als sonst werden in Zukunft Anträge auf Eltern-Kind-Kuren stellen, sagt Alexandra Maksimovic.

Wir erwarten einen ganz erheblichen Anstieg und erhebliche Konsequenzen – also Wartezeiten für die Familien, die schwer belastet sind.

Alexandra Maksimovic, Bremer Beratungsstelle des Deutschen Arbeitskreises für Familienhilfe

Denn die meisten der über 70 Kurkliniken waren auch schon vor Corona voll, sagt sie. Das heißt, sie könnten so schnell gar nicht genug Plätze anbieten für all diejenigen, die ihre verschobene Kur nachholen wollen. Und die vielen anderen, die jetzt noch eine Kur beantragen. Doch das könne gefährlich werden, denn diese Kuren seien Vorsorge-Maßnahmen. Sie sollen verhindern, dass sich die Gesundheitsprobleme verfestigen.

Diese Angst hat auch Caroline Behrens, die jetzt eigentlich mit ihren fünf Kindern an der Nordsee gewesen wäre. Um zur Ruhe zu kommen und Kraft zu tanken. „Die Situation macht einem definitiv Angst, denn der Burnout steht quasi vor der Tür. Der Stress ist nicht weniger geworden, ganz im Gegenteil. Er hat sich verlagert und erfordert nun noch viel, viel mehr Kraft für das Home Schooling und die Nachmittagsbeschäftigung. Schön ist das nicht."

Autorin

  • Claudia Scholz

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 6. Mai 2020, 9:30 Uhr