Fahren Sie niemals ohne Navi in dieses Dorf!

Wer in Hilgermissen nahe Bremen ohne Navi nach einem Haus sucht, sucht lange. Denn es gibt keine Straßennamen, nur Hausnummern – und das auch noch in unlogischer Reihenfolge.

An einer Hauswand sind zwei Schilder mit der Hausnummern (Montage
Keine Straßennamen, und auch kein System bei den Hausnummern: Ohne technische Unterstützung wäre man bei der Adressenfindung in HIlgermissen wohl aufgeschmissen. Bild: Imago | Waldmüller/Chromorange

Nicht weit von Bremen liegt das beschauliche Dorf Hilgermissen bei Hoya. Und Hilgermissen hat eigentlich alles, was ein beschauliches Dorf eben so braucht: Eine kleine Kirche, insgesamt acht noch kleinere Ortsteile, ein Naturschutzgebiet und immerhin rund 2.186 Einwohner. Nur eines hat Hilgermissen nicht: Straßennamen.

Jedes einzelne der rund 750 Häuser hat nämlich lediglich eine Nummer, den Vorsatz eines Straßennamens sucht man vergeblich. Das Problem: Die Nummerierung der Häuser folgt keinem logischen System. Stattdessen wurden die Zahlen in der Reihenfolge vergeben, in der die Häuser gebaut worden sind. Da kann die Hausnummer 36a schon mal einen knappen Kilometer von der 36b entfernt sein, mit mehr als einem Dutzend anderer Häuser dazwischen.

Auf der Karte von Hilgermissen ist das durcheinander der Hausnummern zu erkennen
Übersichtlich ist anders: Bei einem Blick auf die Karte von Hilgermissen wirken die Hausnummern bunt zusammengewürfelt. Bild: DPA | Carmen Jaspersen

Das sei nicht nur für Außenstehende verwirrend, so der ehrenamtliche Gemeindedirektor Wilfried Irmgarten, sondern ebenso für selten dort aktive Paketdienste, Spediteure oder Touristen. Immerhin relativiere sich das in Zeiten moderner Navigation ein Stück weit, meint Irmgarten: "Google findet eigentlich jede Hoflage in Hilgermissen, und natürlich sagen auch die Rettungsdienste und die Polizei: Wir finden jeden Ort, den wir suchen, in der Gemeinde." Trotzdem befürworte der Rettungsdienst die Einführung von Straßennamen, weil es eine doppelte Sicherheit gäbe. Immerhin: In jedem Ortsteil steht eine Infotafel, wo die Häuser mit ihrer jeweiligen Nummer eingezeichnet sind. Bis zur Gemeindereform Anfang der 70er waren die acht Ortsteile nämlich historisch gewachsene, eigenständige Dörfer.     

Bürgerbegehren stemmt sich gegen Einführung von Straßennamen

Weg von den Zahlen und hin zu Straßennamen, oder alles so lassen: Diese Frage beschäftigt das Dorf nun schon seit Jahren. Nachdem ein Arbeitskreis zur Dorferneuerung gefordert hatte, die Auffindbarkeit zu verbessern, wurde ein Institut der Universität Osnabrück damit beauftragt, geeignete Maßnahmen zu entwickeln – unter anderem schlug es vor, Straßennamen einzuführen. Im Sommer 2018 entschied sich der Gemeinderat knapp dafür.

Dabei gab es 2013 schon mal eine Bürgerbefragung zu dem Thema – mit eindeutigem Ergebnis: 60 Prozent der Bürger stimmten gegen Straßennamen für Hilgermissen. Die Befragung war aber rechtlich nicht bindend, daher konnte der Gemeinderat so einfach einen neuen Beschluss fassen. Diese Rechnung hatte er jedoch ohne die Hilgermisser gemacht, denn die starteten prompt eine Unterschriftenliste für ein Bürgerbegehren – mehr als 500 Leute setzten ihre Unterschrift.

Ihre Begründung: Sie wüssten nicht, was sich durch amtliche Straßennamen mit neuen Hausnummern verbessern soll. Im Gegenteil, sie befürchten, dass ein erhebliches Stück der dörflichen Idylle und Identität verloren ginge, denn bei einer Neubenennung würde der Ortsteil aus der Adresse verschwinden. Im Moment heißt es beispielsweise einfach „Wechold 123, 27318 Hilgermissen“ – das heißt, es ist das Haus Nummer 123 im Ortsteil Wechold.

Diese ganze Aufregung um dieses Thema stört mich gewaltig, und ich bin der Meinung: Es gibt keine Ruhe. In zwei Jahren wird das Thema wieder aufgerollt. Und die Kosten werden immer höher. Letztendlich zahlen wir Bürger die. So sehe ich das.

Eine Bürgerin von Hilgermissen

5.000 Euro kostet die Durchführung des Bürgerbegehrens. Sollte es erfolgreich sein, wäre es für zwei Jahre bindend. Es lässt sich bezweifeln, ob der Streit um Straßennamen damit beendet wird. Am Sonntag haben die rund 1.900 Wahlberechtigten in Hilgermissen die Gelegenheit, zu entscheiden, wie es erstmal weitergeht – zwischen 8 und 18 Uhr dürfen sie dann ihr Kreuz für oder gegen Straßennamen setzen.

Autoren

  • Mario Neumann
  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Vier beginnt, 30. Januar 2019, 8:40 Uhr