Kolumne

Wir machen uns gerade dümmer, als wir sein könnten

Jochen Grabler stellt mit Erschrecken fest: "Kontrolle" ist out, "Lockerung" ist in. Dass sich die Stimmung in der Corona-Krise dreht, hält er für ein unkalkulierbares Risiko.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Radio Bremen-Redakteur Jochen Grabler kritisiert die Forderungen nach Lockerungen der Corona-Maßnahmen.

Beginnen wir mal mit einem kleinen Experiment. Zwei Aussagen zur aktuellen Lage. Die erste: "Wir müssen alle Hygieneregeln einhalten, um Leben zu schützen. Wenn das passiert, dann können Restaurants wieder geöffnet werden." Die zweite: "Wir können die Gastronomie nicht vor die Hunde gehen lassen. Restaurants können wieder öffnen, wenn sich alle an die Hygieneregeln halten."

So, und jetzt kommt die Frage aus der Sesamstraße: Finde den Unterschied! Der ist nicht schwer zu erkennen, oder? Was steht im Zentrum? Was ist das Ziel? Na klar, im einen Fall die Einhaltung der Hygieneregeln, im anderen die Öffnung der Restaurants.

So schnell werden wir unvorsichtig

Der Wind hat sich gedreht im Land – und an solchen kleinen Beispielen kann man es erkennen. Der größte Teil des politischen Personal redet anders als noch vor Ostern. In Talkshows werden andere Themen verhandelt. Und meine Welt, der Medienzirkus, ist natürlich mittendrin. Wir sehen, hören, lesen massenhaft Geschichten von überforderten Eltern, weggesperrten Risikopatienten, klagenden Einzelhändlern. Wir sehen, hören, lesen nicht mehr Geschichten vom zusammenbrechenden Personal im Gesundheitswesen und schon gar nicht von Massengräbern. "Kontrolle" ist megaout. In ist allein "Lockerung". Wie schnell das doch gegangen ist. Atemberaubend.

Mein kluger Kollege Jens Schellhass hat ein schönes Beispiel gefunden. In den "neutralen" Nachrichten. Es geht um Lockerungen in Schulen, Kitas und auf Spielplätzen, und die Formulierung geht so: "... die von Eltern lang ersehnten Lockerungen..." Aha! Sind Eltern neben ihrer verständlichen Sehnsucht nicht auch in gut begründeter Sorge (Ja, das sind nicht wenige)? Wie steht es um das Risiko, dass Kinder zwar selten selbst erkranken, aber das Virus fröhlich in ihre Familien verbreiten? Das kann niemand sagen, weil schlicht die Studien dazu fehlen, Schulöffnungen sind also ein unkalkulierbares Risiko.

Es gibt also jede Menge Möglichkeiten, die Nachricht von der Öffnung von Schulen einzuordnen. Gerade gibt es aber nur eine. Es reicht eine kleinen sprachlichen Garnierung – schon wird eine ganze Geschichte erzählt, in der andere Blickwinkel keinen Platz haben. Die aktuelle Geschichte heißt: "Wir alle wollen Lockerungen, überall!"

Wunsch nach Erleichterung – und nach einfachen Lösungen

Seit Ostern geht das so. Seit Ostern hat sich der Wind gedreht. Und nüchtern betrachtet ist das ganz normal. Wir alle brauchen dringend Entlastung. Wer kann schon auf Dauer unter einer solchen Anspannung leben? Wer will sich wirklich permanent den Fragen von Leben oder Tod stellen? Wer wünscht sich nicht, dass die Lage einfacher wird? Wer wünscht sich nicht, dass sich die Dilemmata in Luft auflösen? Wer teilt nicht die Sehnsucht nach einer Normalität, bei der man sich rundum gut fühlen kann? Wenn die Welt doch bloß einfacher wäre! Ist sie aber nicht. Leider!

Kinder räumen gerne mal ihr Zimmer auf, indem sie das komplette Chaos kreuz und quer in einen Schrank stopfen und die Tür zudrücken. Mit dieser Haltung werden gerade ganze Talkshows bestritten: Ich blende den Teil der Wirklichkeit aus, der mir nicht passt und mach mir dabei die Welt ganz einfach. Blöd nur, wenn man was aus dem Stopfschrank dringend braucht. Und die dreckige Wäsche anfängt zu stinken. Mit anderen Worten: Wir machen uns gerade dümmer, als wir sein könnten. Kommen wir damit gut durch die Krise? Wohl kaum.

Fehlende Vorsicht gefährdet immer noch Menschen

Nächstes Experiment: Tun wir doch mal so, als wären wir erwachsen. Nehmen wir mal kurz an, wir wären vernünftig und würden uns allen Fragen mutig stellen. Dann würden wir doch anders sprechen, oder? Dann würden wir Geschichten aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen. Dann würde es weder die Angst vor Lockerungsdiskussionsorgien geben noch die Lockerungsdiskussionsorgien selbst, sondern vernünftige Abwägungen. Dann hätten nicht diejenigen die Oberhand, die gerade am lautesten krähen, um ihre höchstpersönlichen Interessen durchzusetzen, sondern diejenigen mit den besseren Argumenten und mit dem Blick aufs große Ganze.

Wenn Christian Lindner oder Armin Laschet die wirtschaftlichen und sozialen Schäden beklagen und für eine breite Lockerung plädieren, dann müssen sie auch die Frage beantworten, wie sie italienische Verhältnisse und den Tod besonders gefährdeter Menschen verhindern wollen. Laschets Gerede, dass es zu Anfang der Pandemie um Leben und Tod gegangen sei und sich jetzt herausgestellt habe, dass die Sache gar nicht so schlimm sei und Lindners schlanker Satz: "Das Land ist weiter" reichen nicht aus. Die Fragen sind nämlich objektiv kompliziert. Und es geht um Leben und Tod. Immer noch, immer wieder. Man muss nur mal in ein paar Nachbarländer gucken.

Wenn die Schriftstellerin Juli Zeh wie viele andere Intellektuelle die Beschneidung elementarer Freiheiten beklagt, dann sollte sie sich doch wenigstens ansatzweise der Frage nähern, wie denn sonst eine Pandemie bekämpft werden könnte. Kniffelige Frage. Gehört zur intellektuellen Redlichkeit, sich der zu stellen.

Wenn jetzt ausnahmslos alle Journalistenkollegen den Chaos Computer Club zum Super-Hyper-Expertengremium für die Corona-App erklären und so tun, als sei beim CCC die alleinige Wahrheit geparkt – dann wäre es doch mal ganz hübsch, dem CCC und sich selbst die Frage zu stellen, ob diese elende Debatte um Datenschutz in diesem Fall vielleicht hintenan gestellt werden könnte. Weil doch die sonstigen Freiheiten massiv davon abhängen, dass sich die Infektion nicht unkontrolliert ausbreitet. Andauernd wird doch davon geredet, dass "schwierige Abwägungen" nötig seien. Diese Abwägung hätte ich interessant gefunden. Und nötig.

Wenn Sozialverbände über die Isolation der Alten in Pflegeheimen klagen, dann will ich endlich mal konkrete Vorschläge hören, wie die Menschen in den Einrichtungen denn anders wirksam geschützt werden sollen.

Wenn Annalena Baerbock beklagt, dass alle nur über Wirtschaft reden und die prekäre Lage in Familien hinten runterfällt – dann muss sie doch mal sagen, wie eine wirksame Hilfe aussehen könnte. Und zwar konkret! Alle Schulen und Kitas öffnen? Wollen wir dieses Risiko eingehen? Wenn wir dieses Risiko eingehen, mit welchen Maßnahmen behalten wir den Überblick über das Infektionsgeschehen? Und was tun wir, wenn wir in eine unkontrollierbare Situation gelangen?

Wenn der Virologe Kekulé noch vergangene Woche verkündet, man könne doch ruhig an einen Sommerurlaub in Italien, Spanien oder in Nordafrika denken – dann reicht es eben nicht, von nur halb besetzten Hotels und Abstandsregeln zu fantasieren. Dann hätte ich doch gerne zwei, drei Fragen beantwortet. Im Flugzeug? Dicht an dicht? Und die medizinische Versorgung?

Ach ja, und wenn Wirtschaftsverbände und Unternehmer sehr gerne Staatshilfen entgegennehmen, dann wäre doch mal ein Gedanke daran fällig, wie sie sich selbst an der Rückzahlung der milliardenschweren Rettungshilfen beteiligen wollen. Das würde die Akzeptanz für solche Maßnahmen deutlich steigern.

Deutschland sollte weiterhin einen kühlen Kopf bewahren

Wo man auch hindenkt, tun sich schwer lösbare Fragen auf. Zuweilen kommt man aus dem Dilemma gar nicht raus. Verantworten wir lieber, dass die häusliche Gewalt gegen Kinder zunimmt oder riskieren wir das Leben von besonders gefährdeten Menschen? Da muss man verdammt klug sein. Und verdammt klug begründen können.

Wenn wir in diesen angespannten Zeiten was gelernt haben, dann doch, wie wichtig eine stringente und nachvollziehbare und redliche Argumentation ist. Es muss klar sein: Was ist das Ziel? Wie kommen wir da hin? Nach welchen Kriterien entscheiden wir? Wenn das klar ist und nachvollziehbar und gerecht, dann gehen die Leute mit. Die übergroße Mehrheit der Deutschen hat sich sehr diszipliniert an die Maßnahmen zur Kontaktreduzierung gehalten, weil sie gut begründet waren. Und weil alle gesehen haben, was passieren kann, wenn alle so tun dürfen, als wäre nix.

Oder bestreitet jemand, dass es nach wie vor um Leben und Tod geht? Nur mal als Erinnerung an die reinen Lockerer: Stockholm: 1.281 Tote. Köln: 72 Tote. (Stand 28.4.) Es gibt halt entweder gute oder einfache Antworten. Entweder sie sind gut oder einfach. Beides gleichzeitig ist nicht zu haben. Wir können auch so weiterreden und das Chaos kreuz und quer in den Schrank stopfen. Der fängt nur irgendwann an zu stinken. So viel ist sicher.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler