Neue Corona-Regeln an Hochschulen: Das müssen Studierende jetzt wissen

Junge Männer und Frauen sitzen auf Plätzen in einem Hörsaal. (Symbolbild)
Wird es im Wintersemester wieder volle Hörsäle geben an den Bremer Hochschulen? (Symbolbild) Bild: DPA | Ingo Wagner

Nur Menschen, die getestet, geimpft oder genesen sind, dürfen jetzt die Bremer Hochschulgebäude betreten. Studierende sehen das aus mehreren Gründen kritisch.

Getestet, geimpft oder genesen: Das "3G-Prinzip" regelt seit dieser Woche den Zugang zu allen Hochschulgebäuden in Bremen. Im Gegenzug entfällt die Abstandsregel. Seminare, Vorlesungen, selbst Prüfungen können wieder in Präsenz stattfinden – jedoch nur für diejenigen, die den Nachweis einer vollständigen Corona-Impfung, Genesung innerhalb der vergangenen sechs Monate oder eines negativen PCR- oder Schnelltests vorweisen können. Wie die Hochschulen bestätigen, sind Selbsttests nicht zulässig.

Das Bremer Wissenschaftsressort erhofft sich dadurch eine teilweise Rückkehr zur Normalität, oder zumindest einen ersten Schritt in die Richtung.

Die Rektorinnen und Rektoren, aber auch viele Studierende haben sich dringend wieder ein lebendiges Campusleben gewünscht. Mit unserem umfassenden Präsenzangebot, da bin ich ganz optimistisch, können wir wieder ein Stück Normalität für die Bremer Studierenden herstellen.

Claudia Schilling in ihrem Büro (Archivbild)
Claudia Schilling, Bremer Wissenschaftssenatorin

Ob die Hochschulen weiterhin Online-Veranstaltungen anbieten, ist ihnen überlassen. Auch bei der Gültigkeit der Tests hätten sie Spielraum: "Die Senatorin für Wissenschaft und Häfen hält eine nachgewiesene Testung für eine Präsenzveranstaltung an den Hochschulen für ausreichend, wenn sie nicht länger als 72 Stunden zurückliegt. Jede Hochschule kann kürzere Testungsintervalle fordern, jedoch keine längeren", erläutert der Sprecher des Wissenschaftsressorts, Rainer Kahrs.

Und doch stellen sich einige konkrete Fragen, sollten mehrere Tausende Studierende sich täglich testen lassen wollen. In Bremen gab es im Jahr 2020/2021 fast 38.000 Studenten. Wie viele von ihnen bereits geimpft sind, sei auch aus Datenschutzgründen nicht bekannt, sagt das Wissenschaftsressort.

"Die Testkapazitäten sind ausreichend", versichert jedoch Kahrs. Gerade werde zudem geprüft, ob Schnelltests aus Mitteln des Bremenfonds finanziert werden könnten, sollten die kostenlosen Bürgertests durch den Bund in Zukunft abgeschafft werden. Die Entscheidung stehe noch aus. Eine "Impfpflicht durch die Hintertür" für Studierende sieht das Ressort jedenfalls nicht.

Hochschule-Studierendenvertretung: Planungssicherheit fehlt

Für die Studierenden lässt die neue Regelung allerdings viele Fragen offen. Deren Vertretung (Asta) an der Hochschule Bremen begrüßt die Wiedereröffnung und fordert ihre Kommilitonen dazu auf, sich impfen zu lassen. Gleichzeitig kritisiert sie aber eine ihrer Meinung nach fehlende Planung. Die Verwaltung der Hochschule habe es im Gegensatz zu anderen Bremer Hochschulen veräumt, ein konkretes Konzept zur Wiedereröffnung vorzulegen, sagt Jerome Geisinger, 2. Asta-Vorsitzender der Hochschule Bremen.

"Stand jetzt wissen wir nicht, wie die Lehre aussehen könnte und welche Form diese annimmt. Dies wäre insbesondere für Studienanfänger und -anfängerinnen, die abwägen müssen, ob sie nach Bremen ziehen wollen oder nicht, von großer Bedeutung", so Geisinge. Hochschul-Sprecher Ulrich Berlin widerspricht: "Dass wir kein Konzept für das Wintersemester hätten, entspricht nicht der Realität. Unser Konzept sieht vor, dass wir keinen vollständigen Präsenzbetrieb haben werden, sondern ein Nebeneinander von digitalen und Präsenzangeboten."

HB-Asta: Teilhabe an Lehre allen ermöglichen

Dem Asta bleibt das Konzept immer noch zu vage. Die Studierendenvertretung befürchtet zudem, dass die neue Corona-Regelung zu einer "de facto-Impfpflicht" führen könnte, da man Nicht-Geimpften zeitlich "kaum zumuten kann, sich mehrere Male pro Woche einem Test zu unterziehen". Nachteile für Ungeimpfte seien vorprogrammiert. "Das bringt mindestens einen logistischen Mehraufwand mit sich, der Studierende belasten würde", sagt Geisinger.

Es muss allen Studierenden ermöglicht werden, in irgendeiner Form an der Lehre teilhaben zu können, sei es durch ein Raumkonzept oder eine Form der Hybridlehre, also gleichzeitig teils online und teils in Präsenz.

Jerome Geisinger, 2. Asta-Vorsitzender Hochschule Bremen

Laut der Hochschule dürften Studenten und Studentinnen, die an Lehrveranstaltungen nicht teilnehmen können, trotzdem ihre Prüfungen ablegen. "Das ist geplant." Ausnahmen von der 3G-Regelung für Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, werde es jedoch nicht geben. "Diese Personengruppe kann die Online-Angebote wahrnehmen oder mit einem Test die Räumlichkeiten betreten", so Berlin weiter.

Asta an der HfK: Entscheidung zu kurzfristig

Die Studentenvertretung (Asta) der Hochschule für Künste Bremen (HfK) freut sich über die nun wieder mögliche Präsenz bei Lehrveranstaltungen. "Auf die Entscheidung, die Hochschulen zu öffnen und die Möglichkeiten zu sicherem Präsenzbetrieb zu nutzen, haben wir lange gewartet", sagt die Vorsitzende, Hannah Lowitz. Einige Studierende hätten seit eineinhalb Jahren keine einzige Unterrichtsstunde erhalten, bestätigt Jelko Arnds, Asta-Referent für Hochschulpolitik. Gleichzeitig kritisiert er die jetzige Entscheidung als zu kurzfristig.

Aktuell müssen wir davon ausgehen, dass allerhöchstens zwei Drittel der Studierenden bereits zweimal geimpft sind. Insofern ergibt sich vorerst ein Nachteil für Ungeimpfte, auch weil öffentliche Testangebote zurückgefahren werden und eine Kostenpflicht im Gespräch ist. Um diese Nachteile auszugleichen, bräuchte es Testmöglichkeiten an jeder Hochschule, was aktuell leider nicht der Fall ist.

Jelko Arnds, HfK-Asta-Referent für Hochschulpolitik

Die HfK teilt mit, dass die Tests von Studenten und Personal bei ihnen bis zu 72 Stunden lang ihre Gültigkeit bewahren. "Das entspricht bei durchgehender Anwesenheit zwei Tests pro Woche", sagt eine Sprecherin. Besucher und Besucherinnen müssten hingegen Tests nicht älter als 24 Stunden vorlegen.

Für die Kunstlehre seien Präsenzveranstaltungen essenziell, daher strebe die Hochschule für den Wintersemester "maximale Präsenzlehre" an. Eine Teilnahme an Prüfungen, ohne die entsprechenden Lehrveranstaltungen besucht zu haben, dürfte also schwierig werden. Individuelle Lösungen könnten jedoch gefunden werden, so die Hochschule. Ähnliches gilt für Menschen, bei denen aus medizinischen Gründen von einer Impfung abgeraten wird. Prinzipiell müssten sie sich aber wie die anderen Ungeimpften regelmäßig testen lassen, so die Sprecherin.

Asta an der Universität Bremen: guter Schritt, aber zu früh

Ähnlich wie der Asta an der HfK klingt die Studierendenvertretung an der Universität Bremen. "Grundsätzlich finden wir es total gut, weil so die Universität ab Oktober hoffentlich in Präsenz wieder starten kann", sagt Vorstandsmitglied Dominik Lange. Viele Studierende seien nach drei Semestern Fernlehre erschöpft.

Das Problem: Die Entscheidung sei zu kurzfristig. "Es ist für uns unverständlich, wieso das jetzt sein muss", führt er aus. Selbst die Asta-Mitglieder hätten zu wenig Zeit gehabt, um die Änderungen zu besprechen und darauf zu reagieren. Auch müsse man eine Regelung finden für Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen könnten, damit sie nicht benachteiligt würden.

Auch die Universität Bremen plant "in erster Linie ein Präsenzsemester". Studierende von stark international ausgerichteten Studiengängen, die nicht nach Bremen einreisen könnten, sollen aber weiterhin digitale Angebote erhalten, sagt Kommunikationsleiterin Kristina Logemann. Ausnahmen vom 3G-Prinzip soll es nicht geben, die Corona-Tests dürfen nicht älter als 24 Stunden sein. Ob Studenten, die nicht an Lehrveranstaltungen teilnehmen, trotzdem die Prüfungen ablegen können, ist noch nicht klar. "Wir werden uns in den kommenden Wochen mit den verschiedenen Szenarien beschäftigen und Antworten für diese Fragen erarbeiten", so Logemann.

Vor allem der direkte Kontakt und Austausch untereinander fehlt den Studierenden. Vielen setzt die Isolation zu, das sehen wir auch an dem gestiegenen Bedarf nach psychosozialer Beratung.

Kristina Logemann, Kommunikationsleitung Universität Bremen

Jacobs University plant eigenes Testzentrum

Die Jacobs University setzt auf verstärkte Präsenzveranstaltungen vor allem in den Bachelorstudiengängen mit "flexiblen Hybrid-Angeboten für die ersten Wochen für Erstjahres-Studierende und für ausgewählte Masterprogramme während des gesamten Semesters". Gleichzeitig möchte die Privatuniversität ein eigenes Testzentrum auf ihrem Gelände errichten, das kostenlose Schnelltests für Studierende und Mitarbeitende anbietet. Weitere Details würden "derzeit noch erarbeitet".

AStA der Hochschule Bremerhaven: Keine Präsenz um jeden Preis

"Präsenz um jeden Preis" ist schädlich, findet Luca Heise vom AStA der Hochschule Bremerhaven. "Bei Beachtung der aktuellen Entwicklungen gehe ich nicht davon aus, dass es bei diesen laschen Regelungen bis zum Beginn des nächsten Semesters bleiben wird." Planungssicherheit sei aber für die Studierenden wichtig. Er würde es für sinnvoller halten, wenn sich nur Kleingruppen in der Hochschule treffen und größere Veranstaltungen online stattfinden.

Studierende aus der Stadt sollten sich in die Vorlesungsräume setzen können, andere schauen vom Schreibtisch zu.

Luca Heise, AStA der Hochschule Bremerhaven

Grundsätzlich hält er es für begrüßenswert, wenn geimpfte Personen Vorteile haben. "Letztendlich kann die Pandemie nur durch eine ausreichende Impfquote beendet werden." Allerdings hält er es für falsch, die kostenfreien Tests abzuschaffen. Auch Geimpfte und Genesene sollten regelmäßig kostenlose Tests machen können. Er halte es für fragwürdig, sie als "sicher" einzustufen.

Die Hochschule Bremerhaven befürwortet die neue Verordnung. "Für uns ist die soziale Komponente eines Hochschulstudiums in Präsenz elementar", teilt Pressesprecherin Nadine Metzler im Namen des Rektorats mit. Es soll im kommenden Wintersemester deutlich mehr Präsenzveranstaltungen geben. Jedoch soll ein Teil der Vorlesungen weiterhin über Videokonferenzen und Streaming angeboten werden. Sollten Studierende die Präsenzveranstaltungen nicht besuchen, dürfen sie dennoch an den Prüfungen teilnehmen. Es bestehe keine Anwesenheitspflicht.

Die Tests müssen in einem Testzentrum gemacht werden und dürfen nicht älter als 72 Stunden sein. Hinsichtlich der Kosten verweist die Hochschule auf Entscheidungen auf Bundesebene. Ausnahmen für Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, werde es nicht geben. Auch sie müssen sich laut Hochschule testen lassen.

Professorenverband: Digitale Formate werden bleiben

Der Hochschullehrerbund in Bremen begrüßt die Öffnungsperspektive. Das sei vor allem für neue Studenten wichtig, die ihre Hochschule bisher noch nicht von innen kennengelernt hätten. "Für manche ist das mehr als die Hälfte ihrer gesamten Studienzeit", sagt Wolfgang Lukas, Vorsitzender des Landesverbandes.

Gleichzeitig gehe man im Verband davon aus, dass digitale Lehrformate aus dem Universitätsleben nicht verschwinden werden. "Wir gehen davon aus, dass wir nicht einfach zum Status Quo des Jahres 2019 zurückkehren, sondern die Lehrenden die positiven Erfahrungen, die mit digitalen Lernformaten gemacht wurden, in Lehr- und Lernformate einbringen." Inwieweit, solle jeder Dozent und Dozentin selbst entscheiden können.

Rückblick: Grüne wollen Impfkampagne an Hochschulen

Video vom 30. Juni 2021
Der Campus der Universität Bremen als Luftbildaufnahme.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Serena Bilanceri
  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 02. August 2021, 19:30 Uhr