Wie sich ein Bremer Paar 1990 auf der Mauer kennenlernte

Video vom 3. Oktober 2021
Familie Gerritzen steht 2009 mit ihren drei Kindern vor dem Brandenburger Tor.
Familie Gerritzen steht 2009 mit den drei Kindern vor dem Brandenburger Tor. Bild: privat
Bild: privat

Zum Tag der Deutschen Einheit erzählt ein Ost-West-Paar aus dem Bremer Umland, wie sie sich damals kennenlernten – und wie sie das Land des anderen erlebten.

Berlin, 01.01.1990, circa 00:30 Uhr. Die Nacht ist kühl und trocken. In Berlin feiern die Menschen zweimal: einmal das neue Jahr und einmal die neue Freiheit. Die Luft wimmelt vor Stimmen und Gelächtern, in der Ferne erhellen Feuerwerke den Himmel. Ein dünner Nebel schwebt in der Luft. Männer und Frauen, Studenten, Soldaten stehen Schulter an Schulter, Unbekannte umarmen sich. Jemand oben hilft jemand unten, die mit Graffiti besprühten Mauersteine hochzuklettern.

Marco Gerritzen hackt ein Stück der Berliner Mauer raus.
Nach dem Fall der Mauer hatte sich ein regelrechtes Geschäft mit dem Verkauf von Mauerstücken entwickelt. Auch Touristen wollten oft einen Brocken der Mauer mit nach Hause nehmen. Bild: privat

So lernen sich Marco und Anja Gerritzen kennen. Dort, auf der Mauer, die sie und das Land bis vor nicht allzu langer Zeit trennte. Und die jetzt, fast zwei Monate nach dem Fall, kaum etwas mehr als der Zeuge einer anderen Zeit ist. Ein Souvenir für Freunde und Verwandte daheim.

Soldaten, Studenten, Amerikaner mit Aufnahmegeräten

Marco Gerritzen, gebürtiger Bremer nach Köln übergesiedelt, damals 19 Jahre alt, hatte die Öffnung der Grenze am 9. November im Fernsehen verfolgt. "Da ich noch nie drüben war, bin ich zu meinem Freund gegangen und wir hatten die Idee, dass wir mit dem Auto hinfahren." Doch direkt nach dem Mauerfall war viel los, tausende Menschen strömten aus dem DDR-Gebiet in den Westen. Also warten Gerritzen und sein Freund bis nach Weihnachten.

Am Silvesterabend fahren sie nach Ostberlin, auf der Suche nach einem Zimmer für den schmalen Studentengeldbeutel. Ohne Erfolg. Dann zum Brandenburger Tor, das sich inzwischen mit Menschen gefüllt hat. Menschen, die sich auf die Mauer hoch gedrängt haben, um Mitternacht auf der nun offenen Grenze schlagen zu lassen.

Wir haben geguckt, dass wir selber auf die Mauer kommen und haben es geschafft. Dann haben wir uns hingesetzt, mit den Leuten dort gesprochen und das einfach wirken lassen.

Marco Gerritzen

Da gibt es den Amerikaner, der mit Aufnahmegerät unterwegs ist und Deutsche interviewen will. Oder den Grenzsoldaten in Urlaub, der für dieses eine Mal das Menschengedränge von oben statt von unten beobachten will. Und die Jugendlichen, die auf die Quadriga ganz oben auf dem Tor geklettert sind und jetzt jubelnd schreien.

"Wir hatten im Radio gehört, es gäbe freien Sekt"

Und dann gibt es Anja Hildebrandt, 17 Jahre alt, die mit einer Freundin kurz nach Mitternacht vor der Mauer steht. Eigentlich sollte sie nicht da sein, sondern ganz woanders. Doch dann, erinnert sie sich, sei es spät geworden. "Dann hat meine Mutter im Radio gehört, dass am Brandenburger Tor Sekt verteilt wird. Der kostet nichts. Sie hat gesagt: 'Dann fahrt doch mal hin.'" Hildebrandts Familie wohnt in Potsdam, Berlin ist ja nicht weit.

So steht die junge Frau mit den rötlichen, lockigen Haaren und der zierlichen Figur in der Menschenmenge, die immer enger aneinanderrückt. Eine Freundin neben ihr, Sekt und Gläser im Rucksack. Vor ihr, die Mauer. Das Jahr hat bereits neu angefangen, Fremde drücken sich, feiern gemeinsam.

Das war einmalig. Das war echt, wirklich toll.

Anja Gerritzen

Ein Treffen auf der Grenze

"Man brauchte nur die Arme hochzustrecken, und da haben die von oben schon danach gegriffen und einen hochgezogen", erinnert sich Hildebrandt. So auch der Grenzsoldat neben Gerritzen. Er streckt die Hände, packt Hildebrandt an den Armen und zieht sie hoch. Und so treffen sie sich, Ost und West, auf einer Grenze, die es jetzt schon quasi nicht mehr gibt.

"Und so bin ich dann mit meiner Frau ins Gespräch gekommen. Also: Sie hat mich angesprochen, weil… ich war ein bisschen schüchtern", erzählt Gerritzen und lächelt. Der Sekt und die feierliche Stimmung als Komplizen, fragt Hildebrandt nach der Herkunft des jungen Mannes neben ihr. Als er "Köln" antwortet, schreit sie: "Oh, ein Wessi! Ein Wessi!".

Da sitzt ein Wessi neben mir, ist das aufregend!

Anja Gerritzen

Das Eis ist gebrochen, doch die Mauer wird immer voller. Irgendwann entscheiden die vier, herunterzuspringen. Gerritzen landet in den Glasscherben auf dem Boden, verletzt sich an der Hand. Also kehren sie zum Auto zurück. "Oben auf der Mauer hatte ich Anja gefragt, ob sie wusste, wo man hier schlafen kann, denn in Ostberlin hatten wir nichts gefunden. Dann sagte sie: 'Kommt doch zu uns.'"

Grenzsoldaten haben mitgefeiert

Problemlos kommen sie über die Grenze auf der Glienicker Brücke – der Brücke, auf der Agenten zwischen Ost- und Westdeutschland ausgetauscht wurden. "Auch die Grenzsoldaten haben mitgefeiert und haben uns dann durchgewunken", sagt Gerritzen. Bis nach Potsdam ist es dann nicht mehr weit.

Gegen vier Uhr kommen sie in der Plattenbausiedlung am Waldrand an. Sie setzen sich auf die Eckbank vor der fensterlosen Küche und plaudern – bis der Vater im Schlafanzug plötzlich im Türrahmen steht. "Was ist hier los?", fragt er.

Vater: "Bringt doch ein paar Wessis mit!" – "Hier sind sie"

Das Witzige daran: "Als wir noch in Potsdam waren, bevor wir losgefahren sind, hat mein Vater noch gesagt: 'Bringt mal ein paar Wessis mit!'. Das hatte er wirklich gesagt", erinnert sich Hildebrandt. "Ich glaube aber, das hat er als Spaß gemeint." Doch jetzt steht der Vater im Schlafanzug vor den zwei jungen Männern aus Köln, die in seinem Wohnzimmer sitzen. "Dann ist meine Mutter aufgestanden, dann haben wir ein bisschen länger da gesessen. Das war ein ganz netter Morgen."

Aus der einmaligen Übernachtung wird dann ein einwöchiger Aufenthalt. Hildebrandt, die damals in Neubrandenburg studierte, muss zurück ins Studentenheim. Gerritzen und sein Kumpel bleiben aber noch länger bei Familie Hildebrandt. "Wir haben einen Vertrauensvorschuss gekriegt", sagt Gerritzen.

"Das war wie eine Zeitreise"

Und aus dem Aufenthalt wird dann eine feste Beziehung. Gerritzen fährt kurze Zeit später wieder in den Osten, Hildebrandt besucht ihn im Westen. Für den "Wessi" ist die Fahrt in den Osten wie eine Zeitreise. Autos, Technik, Geschäfte, alles sei "völlig anders" gewesen. "Das war wie eine andere Kultur, ein anderes Land. Irgendwie fühlte ich mich total versetzt", sagt er.

Für mich war es wie ein Zeitsprung, von den 80er in die 50er Jahre.

Marco Gerritzen

Trabis auf den Straßen, leere Regale oder mit nur einem Produkt von links bis rechts gefüllt. "Wir waren auch anders gekleidet. Cowboystiefel und Jeans waren bei uns angesagt", sagt Gerritzen. Auf Bildern aus jener Zeit ist ein junger Mann in Jeans und elektroblauem Pullover zu sehen, mit Schnurrbart und in die Stirn fallenden Haaren. Hildebrandt trägt eine breite Hose und Jacke, die wilden, roten Locken mit einem Haargummi gebunden.

Pompöse bürgerliche Häuser

Doch auch Hildebrandt musste sich erstmal an den Westen gewöhnen. Zwar hatte sie schon Kontakt mit der damaligen BRD, da Verwandte in Kassel und Nürnberg wohnten. Doch meistens kamen sie in den Osten zu Besuch. "Das erste Mal richtig in einer Wohnung gewesen, das war bei Marcos Eltern. Das werde ich nie vergessen", sagt sie heute.

Als er die Tür aufmachte, gab es links und rechts zwei Steinlöwen, erinnert sie sich. Pompös, ein Prunk "wie im Schloss", so kam ihr die Einrichtung vor. Das Messing sah wie Gold aus. Heute würde sie sagen: altbacken. Doch damals war die Erfahrung überwältigend. Dabei war die Wohnung für westliche Verhältnisse ganz normal.

Messing kannte ich nicht. Für mich war das Gold.

Anja Gerritzen

Tag des Mauerfalls wichtiger als Tag der Einheit

Eine Zeit lang überquerte das junge Paar regelmäßig die 600 Kilometer, die es trennten. Dann kam die Einheit, doch der Tag war für sie nicht mehr so wichtig. "Man hat sich gefreut, aber ich finde den Tag des Mauerfalls viel wichtiger", sagt Anja Hildebrandt, heute Gerritzen. "Wenn ich diese Bilder sehe… Sie sind viel emotionaler."

Familie Gerritzen steht 2009 da, wo die Berliner Mauer einst stand.
Familie Gerritzen steht im Jahr 2009 dort, wo die Berliner Mauer einst stand. Bild: privat

Sie sei gerade von einer Theateraufführung mit Kommilitonen zurückgekehrt, als die Nachricht der Öffnung im Radio lief. "Da habe ich gesagt: 'Das gibt’s ja nicht!' Das kann man einfach nicht beschreiben." Gerritzen sagt, er habe sich ebenfalls gefreut: für die Menschen, die zahlreich in den Jahren aus der DDR geflohen waren, aber auch für die Chance, endlich das andere Land zu besichtigen.

Ich hatte eigentlich immer schon gedacht: Was soll dieser Quatsch mit zwei Staaten?

Marco Gerritzen

Heute wohnt das Paar im Bremer Umland. Geheiratet haben sie 1997. Anja Gerritzen hat das Studium als Heimerzieherin schon früh abgebrochen und eine Ausbildung als Friseurin in Bremen absolviert. Marco Gerritzen leitet eine Fotofachhändler-Filiale in Bremen. Mit ihren drei Kindern reisen sie immer gern nach Potsdam und Berlin – zur inzwischen verschwundenen Mauer, die sie am Ende doch zusammengebracht hat.

Autorin

  • Serena Bilanceri Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. Oktober 2021, 19:30 Uhr