Trotz Corona und Rezession: Bremer Handwerk sucht händeringend Azubis

Die Arbeitslosenzahlen sind hoch, Ausbildungsplätze rar. Aber nicht im Handwerk. So weist die Lehrstellenbörse der Kreishandwerkerschaft Bremen über 200 offene Stellen aus.

Eine junge Frau bei der Malerarbeit (Symbolbild)
Wer sich für eine Ausbildung bei einem Malereibetrieb entschließt, kann sich auf einen relativ krisensicheren Beruf freuen, glaubt die Handwerkskammer. Bild: Imago | Panthermedia

Thomas Kurzke, Malermeister und Präses der Handwerkskammer Bremen, spricht von einem "glücklichen Zufall". Dieses Mal habe er bereits im Dezember einen Azubi gewinnen können. Jedes Jahr stellt Kurzke eine Auszubildende oder einen Auszubildenden in seinem kleinen Malereibetrieb ein. Doch die Suche nach jungen Menschen, die ein Handwerk erlernen möchte, wird immer schwieriger, sagt er. Ausgerechnet in diesem Sommer, in dem die Arbeitslosenzahlen so hoch sind wie lange nicht, sind im Bremer Handwerk noch unzählige Lehrstellen offen.

Allein die offizielle Lehrstellenbörse "www.es-ist-deine-staerke.de" des Bremer Handwerks verzeichnet aktuell noch mehr als 200 freie Ausbildungs- und 110 Praktikumsangebote, solche von Friseurbetrieben ebenso wie solche bei Dachdeckern, bei Bäckereien, bei Tischlereien, bei Anlagemechanikern und vielen weiteren Handwerksbetrieben. Tatsächlich geht die Handwerkskammer davon aus, dass die wahre Zahl der offenen Lehrstellen noch viel höher ist als auf der Lehrstellenbörse ersichtlich, da nicht alle Betriebe ihre Jobangebote dort ausschreiben.

Kaum Praktika, kaum Ausbildungsverträge

Mann, Ende 50, in Anzug und mit blauer Brille strahlt vor der Weser in die Kamera
Findet, dass das Handwerk auch jungen Menschen mit schwächeren Schulabschlüssen tolle Perspektiven bietet: Thomas Kurzke, Malermeister und Präses der Handwerkskammer Bremen. Bild: Handwerkskammer Bremen

Konnte die Handwerkskammer Bremen voriges Jahr bis Ende Juli etwa 800 Ausbildungsverträge in die Lehrlingsrolle eingetragen, so sind es für das neue Lehrjahr bislang nur etwa 600. Dabei wollen viele Betriebe ausbilden und werben intensiv um Nachwuchs. "Das größte Problem ist dieses Jahr, dass viel zu wenig Austausch zwischen den Schulabgängern und dem Handwerk stattgefunden hat", sagt Kammer-Präses Thomas Kurzke.

Nicht nur, dass die Schulen im Frühjahr geschlossen gewesen seien. Auch etliche Praktika hätten aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden können. Dabei gingen im Handwerk sehr viele Praktika in Ausbildungsverhältnisse über. Sowohl die Betriebe als auch die Praktikanten nutzten die Zeit gern, um festzustellen, ob sie zueinander passen.

Die Corona-Pandemie ist jedoch nicht der einzige Grund dafür, dass es dem Bremer Handwerk dieses Jahr besonders schwer fällt, Auszubildende zu gewinnen. So kommen üblicherweise etwa 40 Prozent der Azubis, die im Bremer Handwerk ausgebildet werden, aus Niedersachsen. Da dort aber wegen der Umstellung des Abiturs in diesem Jahr nur wenige Abiturienten die Schulen verlassen, werden im Bremer Umland derzeit ungewöhnlich viele Ausbildungsplätze mit Nicht-Abiturienten besetzt. Ihre Bewerbungen fehlten dem Bremer Handwerk nun schmerzlich, sagt Kurzke. "Dabei sind die Perspektiven bei uns hervorragend, ganz gleich, welchen Schulabschluss man hat und woher man kommt", fügt er hinzu.

"Die Arbeit ist hart und bleibt auch hart"

Dachdeckerarbeiten an einem Haus in Bremen (Archivbild)
Das Baugewerbe ist von der Coronakrise nicht so schwer betroffen wie andere Branchen. Bild: Imago | Eckhard Stengel

Dass das Handwerk – zumindest viele Gewerke – jungen Menschen gute Perspektiven bietet, glaubt auch Axel Uhrlaub, Geschäftsführer der William Koch Baugesellschaft und Lehrlingswart der Innung des Bauhandwerks Bremen. "Trotz Corona hatten wir in unserer Branche kaum einen Einbruch", sagt er. Auch weiterhin sei die Auftragslage gut.

Gute Auszubildende zu finden sei dennoch schwierig, stellt Uhrlaub fest. "Die Arbeit ist hart und bleibt auch hart", sagt er. Davor schreckten offenbar viele junge Menschen zurück. Hinzu komme: "Wer einen vernünftigen Satz schreiben kann, will doch oft schon Schriftsteller werden."

Mit Herrn Uhrlaub auf der Arbeit

Video vom 9. Dezember 2019
Der Bauunternehmer Herr Uhrlaub sitzt auf einem Gerüst bei einer Baustelle.
Bild: Radio Bremen

So recht verstehen kann Uhrlaub das nicht. Zwar hat er seinerseits erfolgreich Ingenieurwissenschaften studiert – allerdings neben seiner Arbeit auf der Baustelle, fügt er beinahe entschuldigend hinzu. Ein Leben ohne Maurerkelle könne er sich kaum vorstellen: "Das ist ein richtig cooler Beruf", schwärmt er: "Man ist viel unterwegs, hat immer wechselnde Baustellen, lernt mit den Kunden viele interessante Menschen kennen und bleibt körperlich und geistig fit."

Uhrlaub, der derzeit drei Azubis ausbildet, rät allen Schulabgängern dazu, zunächst eine Lehre zu machen. Dadurch schärfe sich der Blick für das Wesentliche im Leben, auch lerne man, den Tag zu strukturieren. Studieren könne man hinterher immer noch – wenn man denn wolle, sagt er.

"Wir erleben jeden Tag etwas anderes"

Gebäudereiniger bei der Arbeit (Symbolbild)
Das Gebäudereiniger-Handwerk hat im Laufe der Corona-Pandemie an Ansehen gewonnen. Bild: Imago | Panthermedia

Ist es Thomas Kurzke und Axel Uhrlaub geglückt, für dieses Jahr genügend Auszubildende zu finden, so sucht Florian Kruse seit Monaten vergebens nach Verstärkung. Der Geschäftsführer der W. Kruse GmbH sitzt im Vorstand der Landesinnung Bremen und Nord-West-Niedersachsen des Gebäudereiniger-Handwerks. "Wir haben immer Schwierigkeiten, Auszubildende zu finden", sagt er über sein Gewerk. Offenbar träumten mehr junge Menschen davon, in der Industrie als Mechantroniker unterzukommen als in der Gebäudereinigung.

Dabei sei das Gebäudereiniger-Handwerk nicht nur sehr abwechslungsreich, sondern in den letzten Jahren auch anspruchsvoller geworden. "Wir erleben jeden Tag etwas anderes, arbeiten in vielen Neubauten und mit vielen unterschiedlichen Materialien, die gereinigt werden müssen", sagt Kruse.

Zu den Kunden zählten Einzelhändler ebenso wie Pflegeeinrichtungen, hinzu kämen industrielle und handwerkliche Betriebe. Durch Corona habe sich zudem das Ansehen der Branche spürbar verbessert, sagt Kruse: "Wir hatten viele Anfragen zur Reinigung und Desinfektion. Die Leute haben in der Krise gemerkt, wie wichtig unsere Arbeit ist."

Kruse zeigt sich daher optimistisch, dass es ihm und seinen Kollegen in den kommenden Wochen doch noch gelingen wird, Auszubildende zu gewinnen. Auch Handwerkskammer-Präses Thomas Kurzke gibt sich zuversichtlich: "Das Bremer Handwerk wird das Bild noch zurecht ruckeln. Wir kriegen noch Azubis!"

Mehr Arbeitslose in Bremen: Experten hoffen trotzdem auf Trendwende

Video vom 30. Juli 2020
Ein Stahlarbeiter in silberner Ausrüstung schaufelt Schlacke. Rechts ein Feuer.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. August 2020, 19:30 Uhr