Niels Stolberg zu Gefängnisstrafe verurteilt

In Bremen wird der juristische Schlussstrich unter die Pleite der Beluga-Reederei gezogen. Das Landgericht hat Stolberg wegen Untreue und Kreditbetrugs verurteilt. Verteidigung und Staatsanwaltschaft schließen eine Revision nicht aus.

Niels Stolberg bei der Urteilsverkündung

Das Urteil, auf das viele so lange gewartet haben, ist da: Drei Jahre und sechs Monate Haft bekommt Niels Stolberg. Die drei anderen Angeklagten bekommen Bewährungsstrafen: ein Jahr und sieben Monate, ein Jahr und zwei Monate sowie acht Monate. Für Stolberg kam nach Auffassung der Vorsitzenden Richterin eine Bewährungsstrafe nicht in Frage: Dafür seien es einfach zu viele und zu schwerwiegende Delikte gewesen.

Das Urteil liegt trotzdem deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft: Sie hatte viereinhalb Jahre Gefängnis für Stolberg gefordert. Seinem Wunsch nach einer Bewährungsstrafe kamen die Richter damit allerdings nicht nach. Das letzte Wort ist damit nicht unbedingt gesprochen: Weder Stolbergs Anwälte noch die Staatsanwaltschaft schließen eine Revision aus.

Das Urteil

Zur Urteilsbegründung sagten die Richter: Stolberg habe mit Hilfe von Scheinverträgen Eigenkapital vorgetäuscht, das er gar nicht hatte. Er habe so mehr als 100 Millionen Euro bekommen, um Schiffe zu bauen. Lediglich knapp zwei Millionen Euro seien aber tatsächlich bei der Werft gelandet. Auch in mehreren Fällen von Kreditbetrug wurde Stolberg schuldig gesprochen.

Niels Stolberg und seine Anwälte stehen im Gericht an der Anklagebank.
Niels Stolberg und seine Anwälte warten auf das Urteil. Die Verkündung hatte sich verzögert, weil so viele Zuschauer Interesse hatten und erst noch durch die Sicherheitsschleuse mussten.

Strafverschärfend kam für das Gericht hinzu, dass Stolberg etliche seiner Mitarbeiter angehalten hatte, die Betrügereien wissentlich oder unwissentlich zu unterstützen. Die vorsitzende Richterin sprach von einem perfekten System von fingierten Verträgen, das die Banken nicht durchschauen konnten.

Sowohl Stolberg als auch seine Mitangeklagten hatten im Laufe des Verfahrens ein weitgehendes Geständnis abgelegt. Der Beluga-Gründer hatte Bilanzen geschönt, um neue Kredite für den Schiffbau zu bekommen – laut Urteilsbegründung ging es insgesamt um 20 Neubauten. Banken und Investoren entstand dadurch ein Millionenschaden.

Die Angeklagten

Auf der Anklagebank saßen vier Männer: der Beluga-Gründer und frühere Star-Reeder Niels Stolberg sowie drei seiner ehemaligen Mitarbeiter. Stolberg ist Hauptangeklagter, die Staatsanwaltschaft wirft ihm Kreditbetrug und Bilanzfälschung in Millionenhöhe vor. Für ihn forderte die Staatsanwaltschaft viereinhalb Jahre Haft. Für die drei anderen wurden schon vor Urteilsverkündung Bewährungsstrafen erwartet.

Im Januar 2016 wurde das Verfahren eröffnet. Selbst das Landgericht spricht von einem "außergewöhnlich umfangreichen Verfahren". Drei Jahre ermittelten die Staatsanwälte, nachdem die Bremer Reederei 2011 in die Insolvenz gegangen war. Am Ende stand eine 875-seitige Anklageschrift. Die dreht sich vor allem um Vorwürfe, Stolberg habe Banken und einen milliardenschweren Finanzinvestor aus den USA – die Kapitalgesellschaft Oaktree – betrogen.

Hoher Aufstieg — tiefer Fall

Das Verfahren ist nicht nur einer der größten Wirtschaftsprozesse in der Schifffahrtsbranche, das mediale Interesse richtet sich auch auf den steilen Aufstieg und tiefen Fall von Niels Stolberg. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war der Vorzeige-Reeder geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Er wurde 2006 zum "Bremer Unternehmer des Jahres" gekürt. Der tiefe Fall begann Anfang März 2011. Der US-Investor Oaktree hatte Unregelmäßigkeiten festgestellt und Stolberg vor die Tür gesetzt.

Für den heute 57-Jährigen war das damals ein Schock. Fünf Minuten habe er Zeit gehabt, seine Sachen zu holen. Dann habe er den Schlüssel abgeben müssen und Hausverbot bekommen.

Schiffsbug mit Aufschrift: Beluga Persuasion
Zeitweise waren rund 70 Schwergutfrachter für das Unternehmen unterwegs.

So abrupt das Ende, so kometenhaft war Stolbergs Aufstieg: Ausgerüstet mit einem Diplom als Wirtschaftsingenieur und dem großen Kapitänspatent gründete er 1995 nach mehrjähriger Erfahrung in einer Bremer Reederei die Beluga Shipping GmbH. Daraus entwickelte sich die Beluga Group, die unter anderem auch in der Offshore-Windkraft tätig war. Kernbereich blieb aber die Projekt- und Schwergut-Schifffahrt.

Stolberg machte aus Beluga binnen weniger Jahre einen Big Player in diesem Nischenbereich – mit Büros weltweit und etwa 1.600 Mitarbeitern. Es lief zunächst sehr gut, aber mit Beginn der Schifffahrtskrise geriet auch Beluga in eine Schieflage. Anstelle satter Gewinne machte das Unternehmen deutliche Verluste. Weil es keine Rücklagen gab, um das aufzufangen, musste ein Investor her: Oaktree.

Stolberg räumt Bilanzfälschung ein

Das amerikanische Unternehmen stellte schnell fest, dass Stolberg offenbar getrickst hatte, um sich weitere Schiffskredite zu besorgen. Zehn Tage, nachdem Stolberg seinen Posten als Geschäftsführer räumen musste, wurde das Insolvenzverfahren für das Chartergeschäft der Beluga-Gruppe eröffnet. Die anderen Tochtergesellschaften folgten. Die Schiffe wurden verkauft und teilweise von Oaktree in die neu gegründete Firma Hansa Heavy Lift übertragen, die in Hamburg ihren Sitz hat.

Nach jahrelangen Ermittlungen wurde gegen Stolberg und drei Beluga-Manager am 20. Januar 2016 der Prozess eröffnet. Speziell das Thema Kreditbetrug verhandelte das Gericht ausführlich. Konkret ging es um den Vorwurf, Stolberg habe Unternehmensbücher aufgehübscht. Tatsächlich hat Stolberg eingeräumt, Rechnungen fingiert und Aufträge aufgebläht zu haben, um so neue Kredite für den Bau neuer Schiffe zu bekommen.

In seinem Schlusswort hat er erklärt, dass er sein Vorgehen zutiefst bereue. Die Staatsanwaltschaft sieht trotzdem eine hohe kriminelle Energie und fordert eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren. Genau in diese Richtung schien auch das Gericht zu deuten, als es vor einigen Monaten eine mögliche Haftstrafe bis zu drei Jahren und 9 Monaten in Aussicht stellte. Stolbergs Anwalt hält das für überzogen und sieht eine Bewährungsstrafe als angemessen an. Eine solche fordert die Staatsanwaltschaft aber nur für die drei anderen Angeklagten.

  • Christian Schwalb
  • Daniel Hoffmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. März 2018, 19:30 Uhr