So helfen Bremer bei der Entsorgung von Sondermüll aus Beirut

Am Sonntag kehrte das Containerschiff "Amoenitas" aus Beirut zurück und lief in Wilhemshaven ein. Die Fracht an Bord des Bremer Schiffs: 700 Tonnen Sondermüll.

Video vom 16. Mai 2021
Ein Giftstoff-Frachter im Hafen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Bremer haben Beiruts Hafen fertig aufgeräumt: Nach der verheerenden Explosion Anfang August konnten die Bergungsspezialisten der Reederei Combilift aus Oberneuland 700 Tonnen gefährliche Chemikalien unschädlich machen. Das Schiff "Amoenitas" der Bremer Combilift/Harren & Partner-Firmengruppe ist mit 35 Containern Sondermüll an Bord am Sonntagmorgen in Wilhelmhaven eingelaufen. Die Bremer Firma Nehlsen kümmert sich jetzt um eine fachgerechte Entsorgung der Chemikalien.

Der Beiruter Hafen und die umliegenden Gebäude sind vollkommen zerstört

Heiko Felderhoff ist beim Anblick seiner Fotos vom zerstörten Beiruter Hafen immer noch aufgewühlt: "So einem Ausmaß an Zerstörung bin ich in meinem Leben noch niemals begegnet," sagt der Geschäftsführer der Bremer Reederei Combilift. Felderhoff zeigt auf ein Bild aufgetürmter Container, die seitlich durch die Detonation am 4. August 2020 zerborsten sind. Aus zerplatzten Kanistern läuft eine anfangs noch undefinierbare Brühe in die Regengullis des Hafens und weiter ins Meer.

Ich war nach den Fernsehbildern bestürzt und bin sofort nach Beirut gefahren. Wir wollten helfen. Schließlich ist unser Fachgebiet die Bergung havarierter Schiffe. Und die unglaubliche Wucht der Explosion hatte im Hafen ja auch zwei Schiffe versenkt

Heiko Felderhoff, Geschäftsführer der Reederei Combilift
Eine breiige, gelbe Flüssigkeit auf dem Boden des zerstörten Beiruter Hafens fließt aus einem gelben Container und bedeckt den Boden.
Die Beiruter Bürgerinnen und Bürger gingen in Folge der Detonationen auf die Straße. Sie hatten Sorge vor weiteren Detonationen und den im Hafen freiliegenden Chemikalien. Bild: privat, Heiko Felderhoff

Unvorstellbare Ausmaße an Zerstörung nach den Explosionen im Hafen

Nicht nur im Hafen trifft Heiko Felderhoff auf ein unbeschreibliches Chaos: Fast 200 Menschen sind bei der Explosion von 2.750 Tonnen der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat gestorben. Die Krankenhäuser sind überfüllt. 6.000 Menschen sind verletzt. Eine Viertelmillion Wohnungen in der libanesischen Hauptstadt gelten als unbewohnbar. Der Hafen liegt praktisch mitten in der Stadt. Ein riesiges Getreidesilo aus Stahlbeton hat es zerfetzt, als wären seine Wände aus Pappe. Die Menschen haben Angst vor Folgeexplosionen. Die Tagesschau zeigt tagelang Demonstrationen wütender und ängstlicher Beiruter.

Die Menschen hatten schlicht auch Angst davor, durch all die freigesetzten Chemikalien im Hafen vergiftet zu werden.

Heiko Felderhoff, Geschäftsführer der Reederei Combilift

Aus Giftmüll wird Sondermüll

Der Leiter der Port Authority ist dankbar für die Zusage schneller internationaler Hilfe und den Besuch des hochgewachsenen Mannes aus Deutschland. Er bittet Heiko Felderhoff aber sofort, die beiden versenkten Schiffe erst einmal zu vergessen: Combilift bekommt den Auftrag, den Hafen chemiefrei zu machen. "Dafür gab es vor Ort praktisch gar keine Infrastruktur. Wir haben alles hingebracht – inklusive aller Umverpackungen und einem Chemielabor, um überhaupt erst einmal zu bestimmen, mit welchen Stoffen wir es dort zu tun hatten, " sagt Felderhoff. Spezialanzüge, Atemschutzmasken, chemiefeste Handschuhe: Dreißig Helfer ackern ganze vier Monate lang, um Grund in das Chaos zu bekommen. Papiere, was hier überhaupt wo gelagert war, gibt es nicht mehr. Combilift hat sich das Ingenieurbüro Höppner aus Winsen/Luhe als Partner an die Seite geholt. Immer wieder treffen die Experten auf neue Chemiecocktails, die sie irgendwie identifizieren, trennen und neu verpacken müssen.

700 Tonnen Sonerdmüll sind es am Ende. Anfang Mai sind sie in 35 Seecontainer verstaut an Bord des Combilift-Spezialschiffs "Amoenitas". Aus dem Kranen des letzten Containers wird eine Zeremonie, ein Staatsakt mit Nationalhymne und internationaler Presse. Der Hafen ist wieder sauber. Reeder Heiko Felderhoff steht neben dem deutschen Botschafter im Libanon, Andreas Kindl und Elias Assouad, dem Präsidenten der Libanesisch-Deutschen Handelskammer in Beirut.

Ich war jetzt zehn Mal da und durch all die Besuche haben sich echte Freundschaften zu einigen Menschen dort gebildet. Gerade Elias Assouad hat uns sehr geholfen.

Heiko Felderhoff, Geschäftsführer der Reederei Combilift
Mitarbeiter der Reederei Combilift vor dem improvisierten Chemielabor im Beiruter Hafen, wo Chemikalien identifiziert und getrennt werden.
Vier Monate lang identifizieren, trennen und verpacken die Mitarbeiter der Firmen Combilift und Höppner den Giftmüll. Aus dem Giftmüll wird durch die Trennung Sondermüll. Bild: privat, Heiko Felderhoff

Familie Felderhoff aber auch Positives aus Beirut mit

Es tut sich auch etwas zwischen Mensch und Tier: Felderhoffs Tochter steht mit "Samir" bei den Reden hinter den Offiziellen. Der Hund ist der einzige Welpe aus einem Wurf von Dreien, der seine Geburt in einem der zerplatzten Hafencontainer überlebt hat. Jetzt gehört er zur Familie Felderhoff.

Die Papiere für Samirs Reise nach Deutschland zu beantragen ist kompliziert, aber dann doch um einiges einfacher als die Dokumente für die Reise der "Amoenitas" zusammen zu bekommen, lacht Heiko Felderhoff im Blick zurück: Nach zwei Monaten liegen alle Ausfuhrgenehmigungen aus dem Libanon, aber eben auch die Einfuhrgenehmigungen durch das Niedersächsische Umweltministerium vor. Ab der Kaje des Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven übernimmt das Bremer Entsorgungsunternehmen Nehlsen den Job von Combilift.

"Der Libanon hat keine Infrastruktur, um diese Stoffe fachgerecht zu entsorgen"

Sonntag um halb Neun nähert sich die über 130 Meter lange "Amoenitas" ganz langsam der Kaje. Nehlsen-Prokurist Marcel Steding weiß schon bis auf den letzten Tropfen, was wo in welchem Container verpackt ist: "Diese Chemikalien sind ja grundsätzlich durch die Explosion unbrauchbar geworden. Der Libanon hat keine Infrastruktur, um diese Stoffe fachgerecht zu entsorgen. Es war schnell klar, dass das in einem anderen Land passieren muss." Steding zählt auf, um was es geht: Lack- und Farbschlämme, Salz-, Schwefel- und Peressigsäure, Gasdruckbehälter, Spaydosen, verunreinigter Sperrmüll, Holz und verunreinigter Boden: "Für uns ist die Entsorgung dieser Stoffe alltägliche Arbeit. Nur der Herkunftsort ist in diesem Fall ungewöhnlich."

Drei Männer in grünen, roten und weißen Schutzanzügen sortieren Material im Hafen von Beirut. Sie ordnen Pappkartons in einen Container ein.
700 Tonnen Sondermüll aus den Trümmern des Beiruter Hafens verfrachtete Combilift nach Wilhemshaven. Bild: privat, Heiko Felderhoff

Der Sondermüll aus Beirut wird in Friesland zwischengelagert

Von Wilhelmshaven aus hat Nehlsen die 35 Container jetzt erst einmal in das Sonderabfallzwischenlager in Wiefels im Landkreis Friesland gebracht. Hier wird der Sondermüll getrennt und zur schlussendlichen Entsorgung weiter transportiert – etwa 25 Prozent davon gehen in Sonderabfallverbrennungsanlagen. Dass Deutsche im Fall so einer einmaligen internationalen Hilfsaktion auch einmal Mülltransporte in ihr Land zulassen, begrüßt der Nehlsen-Mann.

Ich finde es einfach richtig und konsequent, dass man sich hier nicht nur mit Geld beteiligt, sondern eben auch mit Know How und in diesem Fall eben der Abfallentsorgung

Marcel Steding, Prokurist der Firma Nehlsen
Das Containerschiff Amoenitas von hinten gesehen, wie es in den Jade-Weser-Port einfährt.
Das Containerschiff Amoenitas fuhr am vergangenen Sonntag im Jade-Weser-Port ein. Bild: Volker Kölling

Auf drei Millionen Dollar haben sich die Bremer für ihre internationale Hilfe bei der Auftragsvergabe in Beirut herunterhandeln lassen – und alle Kosten seit August 2020 komplett vorgestreckt. Umso erleichterter ist Combilift-Geschäftsführer Heiko Felderhoff, dass mit dem Schiff auch eine erste Überweisung angekommen ist: "Eine Million Dollar vom Hafen Beirut. Die erste Tranche. Auf das Wort unserer Freunde dort im Libanon kann man sich eben verlassen." Um den Teil des Geldes aus der versprochenen Katastrophenhilfe des Bundesentwicklungsministeriums verhandelt der Bremer Reeder noch. Es könnte ihm zum Verhängnis werden, dass er zu schnell geholfen hat, sagt er: Ohne vorher die deutsche Bürokratie ausreichend zu ihrem Recht kommen zu lassen.

Autor

  • Volker Kölling Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. Mai 2021, 19:30 Uhr