Skelette an Bremer Kirche: spannendes Knochenpuzzle für Archäologen

Bei Umbauarbeiten der St.-Stephani-Kirche sind menschliche Knochen aus dem Mittelalter gefunden worden, die viel über die früheren Bewohner des Viertels verraten.

Video vom 16. November 2020
Ein ausgegrabenes Skelett in der Erde an der Bremer Stephanie Kirche.
Bild: Radio Bremen

Rund um die Bauarbeiten an der evangelischen St.-Stephani-Kirche herrscht momentan viel Aufregung: Erst wird eine mittlerweile entschärfte Fliegerbombe gefunden. Und dann der im Zweiten Weltkrieg verloren gegangene Minutenzeiger der Kirchturmuhr. Doch weitaus spektakulärer ist, dass bei den Erdarbeiten ungewöhnlich viele Knochen und sogar ganze Skelette zu Tage treten. Eine wahre Fundgrube für Archäologen. Und dem Umstand zu verdanken, dass hier eine Terrasse Richtung Weser gebaut werden soll.

Claudia Melisch leitet die Ausgrabungen auf dem Stephanikirchhof. Mit Knochen hatte sie hier gerechnet, diente das Gelände doch lange als Friedhof. Aber gleich so viele? Es war bekannt, dass im 12. Jahrhundert auf der damaligen "Steffensdüne" westlich der Bremer Altstadt erstmals eine Kirche errichtet wurde und vom 13. Jahrhundert bis zum Jahr 1811 hier Gemeindemitglieder begraben wurden. Nun gräbt sich Melisch Schicht für Schicht in Bremens Vergangenheit: "Durch die Überschneidung der einzelnen Gräber sehen wir schon, dass ältere Gräber dabei sind – also wohl auch mittelalterliche."

Das bedeutet, dass hier über die Jahrhunderte neue Gräber über alte gebaut wurden.

Claudia Melisch, Archäologin

Der Großteil der Funde besteht aus einzelne Knochen: Durch die Bombenangriffe im Krieg sind die sogenannten Streuknochen durcheinander geraten und zum Teil auch beschädigt worden. Mittlerweile lassen sich über hundert Kisten mit den einzelnen Funden füllen, erzählt Dieter Bischop, der für die wissenschaftliche Auswertung bei der Bremer Landesarchäologie zuständig ist. Die einzelnen Knochen später wieder einander zuzuordnen wird schwierig werden.

Skelette verraten viel über unsere Vorfahren

Zwei Menschen graben einen Totenkopf aus der Erde aus.
Die Archäologin Claudia Melisch leitet die Ausgrabungen an der St.-Stephani-Kirche. Bild: Radio Bremen | Carolin Helm

Die Skelettfunde sollen nun wissenschaftlich untersucht werden. Hierbei wird nicht nur rekonstruiert, wie alt und wie groß die Menschen bei ihrem Tod waren. Mit etwas Glück lässt sich die Todesursache ermitteln und Einblicke in ihre Leben gewinnen. Die Knochen werden auf Krankheiten und Verletzungen hin untersucht: So lassen sich beispielsweise Knochenbrüche, eine spezielle Form der Arthrose oder auch Syphilis noch heute nachweisen. Auch Karies und besondere Abschleifungen der Zähne lassen Rückschlüsse auf die Lebensumstände zu: Wie und von was haben sich die Menschen ernährt, welchen Umwelteinflüssen und Belastungen waren sie ausgesetzt?

So passten laut Bischop die nun gefundenen Gebisse gut zu den Fischern, die hier lange im Viertel gelebt haben. Das führt er auf Spuren zwischen den Zähnen zurück, die vermuten lassen, dass sie beim Netzeknüpfen "die Seile durchgezogen haben".

Sind die Funde entsprechend dokumentiert und untersucht, sollen sie erneut bestattet werden. Wo? Das ist noch nicht abschließend geklärt.

Autoren

  • Rena Lossau
  • Maren Schubart

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16.11.2020, 19:30