"Überheblich": Bremer Kulturschaffende kritisieren #allesdichtmachen

  • Schauspieler und Schauspielerinnen haben die Corona-Maßnahmen kritisiert
  • Unter dem Hashtag #allesdichtmachen veröffentlichten sie Videos
  • Bremer Kulturschaffende halten nicht viel von der Aktion
Video vom 23. April 2021
Ein Tweet über die Aktion "Allesdichtmachen" von Schauspielern und Kreativen gegen die aktuellen Corona-Bestimmungen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Jan Josef Liefers, Heike Makatsch, Meret Becker – mehr als 50 große Namen der deutschen Film- und Fernsehlandschaft haben die aktuellen Corona-Maßnahmen im Rahmen einer abgestimmten Aktion kritisiert. Unter dem Hashtag #allesdichtmachen veröffentlichten die Schauspieler und Schauspielerinnen am Donnerstag in den sozialen Netzwerken ironisch gemeinte Videos, in denen sie persönliche Statements zur Corona-Politik abgeben.

"Die Realität ist komplexer"

Von Pandemieleugnern und "Querdenkern" gab es Applaus. Von Schauspielkollegen wie Nora Tschirner und Elyas M’Barek hagelte es allerdings Kritik. Oft wurde den Teilnehmern Zynismus vorgeworfen. Auch Bremer Kulturschaffende sprechen sich gegen die Aktion aus. Für Peter Lüchinger, Intendant der Bremer Shakespeare Company, sind die Statements eine "nicht nachzuvollziehende Überheblichkeit". Die Realität sei komplexer und das Virus zu real, als dass man es mit solchen Statements verschwinden lassen könne.

Ich kenne zu viele Menschen, die sich im medizinischen und wissenschaftlichen Bereich, oft über ihre Kräfte, in diesem zehrenden Kampf einsetzen, deshalb zeugen die Beiträge von einer nicht nachzuvollziehenden Überheblichkeit.

Der Schauspieler Peter Lüchinger im Interview im buten un binnen Studio.
Peter Lüchinger, Intendant der Bremer Shakespeare Company

Böhmermann äußert sich auf Twitter

Der aus Bremen-Vegesack stammende Satiriker Jan Böhmermann äußerte sich auf Twitter gleich mehrfach zu der Aktion. Wer an den Corona-Maßnahmen zweifle, solle sich eine ARD-Dokumentation ansehen, die den Alltag auf der Intensivstation der Berliner Charité zeigt. Er änderte den Hashtag #allesdichtmachen kurzerhand in #allenichtganzdicht.

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Dem stimmt auch der Intendant des Theater Bremen, Michael Börgerding, zu. Böhmermann habe schon das einzig Richtige zu dem Thema gesagt, so Börgerding auf Anfrage von buten un binnen.

Politikwissenschaftler mahnt zu Sensibilität

Der Bremer Politikwissenschaftler Andreas Klee kritisiert vor allem die Einseitigkeit der Videos, die ihm zufolge eine sehr eindimensionale Sichtweise auf die neuen Corona-Maßnahmen der Bundesregierung darstellen. "Es überbetont aus meiner Sicht, dass die Einschränkung der Freiheitsrechte unverhältnismäßig ist. Und das ist eine Perspektive, die mindestens kritisch zu betrachten ist", so Klee im Interview mit buten un binnen.

Der Vorwurf, dass die Beteiligten mit ihren Aussagen rechten Gruppen in die Hände spielten, ist für Klee nachvollziehbar. "Das hätten sie absehen müssen", so der Wissenschaftler. Den Erklärungsversuch, dass der ein oder andere durch die aktuelle Stresssituation die emotionale Kontrolle verliert und sich der Frust so entlädt, hält er für möglich. Doch gerade bei Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, sei das nicht akzeptabel.

Es ist nach wie vor erlaubt, seine Meinung zu äußern und sich zu positionieren. Aber gerade, wenn man solch eine herausragende Rolle hat, ist es notwendig, dass man das mit einer besonderen Sensibilität tut.

Andreas Klee, Professor, Politikwissenschaftler und Direktor des Zentrum für Arbeit und Politik an der Universität Bremen, steht in seinem Büro.
Andreas Klee, Politikwissenschaftler

Einige Schauspieler und Schauspielerinnen rudern zurück

Einige der beteiligten Schauspieler und Schauspielerinnen haben ihre Aussagen inzwischen teilweise zu relativieren versucht. In einem Statement auf Instagram schreibt etwa Heike Makatsch, sie distanziere sich von rechtem Gedankengut und habe nicht das Leid der Opfer und Angehörigen schmälern wollen.

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Ähnlich äußert sich Jan-Josef Liefers auf Twitter: Er weise "eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern" zurück. Das Video sei ein ironischer Kommentar zur Berichterstattung der Medien über die Pandemie gewesen.

"Satire gilt nicht als Entschuldigung"

Für Politikwissenschaftler Klee gelten solche Entschuldigungen nicht. Häufig werde nach missglückten Aktionen gesagt: "Satire ist nicht so ernst gemeint." In den Videos könne man aber sehen, dass sie nur eine Perspektive darstellten. Es gebe aber noch andere Sichtweisen, die man als Satire auch hätte darstellen müssen. Außerdem seien die Aussagen überhaupt nicht konstruktiv – sondern würden stattdessen die sowieso schon angespannte emotionale Lage weiter anheizen.

"Das ist überheblich und eine falsch verstandene Klugheit"

Video vom 23. April 2021
Schauspieler Peter Lüchinger im Interview
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Weitere Informationen:

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. April 2021, 19:30 Uhr