Friedehorst: So wurde aus der Bremer Kriegskaserne ein Ort der Pflege

Eine Pflegefachkraft hält die Hand einer Bewohnerin des Seniorenheims.
In Friedehorst leben unter anderem Senioren, Fürsorge bekommen aber auch etwa Menschen mit Behinderungen. Bild: DPA | Sina Schuldt

Vor 75 Jahren wurde die Einrichtung Friedehorst in Bremen-Lesum gegründet. Auf ganz unterschiedliche Weise wird Menschen an dem Ort geholfen, der einst eine Kriegskaserne war.

Hans-Hermann Roth sitzt in der Geschichtswerkstatt vor vielen Fotos aus den ersten Jahren der heutigen Pflegeeinrichtung Friedehorst. Die Bilder zeigen alte Gemäuer und Menschen in Werkstätten. Kinder, die von Lebensmittelspenden aus Amerika versorgt werden. Roth hat auch eigene Fotos dabei, wo er drauf zu sehen ist. 1953, als er als junger Mann von Bremerhaven nach Friedehorst kam und dort wohnte, um eine Ausbildung als Korbmacher zu beginnen – trotz Kinderlähmung biss er sich durch.

Man muss bedenken, es waren ganz andere Zeiten als heute. Es gab ja nicht viel. Man musste sich alles erkämpfen.

Hans-Hermann Roth, ehemaliger Friedehorst-Bewohner

Dass Friedehorst vor 75 Jahren gegründet werden konnte, war Zufall. Die US-Amerikaner hatten die alte Wehrmachtskaserne in Bremen-Lesum übernommen, um sie als Lazarett für die eigenen Soldaten zu nutzen, bis sie wieder aufgepäppelt per Schiff über Bremerhaven in ihre Heimat zurückkehrten. Danach sollte sie gesprengt werden, doch der damals Verantwortliche Eldon Burke entschied sich anders.

Der Grund, so sagt Ute Osterloh aus der Geschichtswerkstatt von Friedehorst, waren Begegnungen mit deutschen Kriegsheimkehrern am Bremer Hauptbahnhof. "Er musste auf den Zug warten und hat einen Soldaten getroffen, der völlig traurig war, weil er gar nicht wusste, wohin er sollte", sagt Osterlohn. "Und da haben sie die Idee gehabt, hier Kriegsveteranen eine Ausbildung zu geben."

Name Friedehorst geht auf die ersten Jahre zurück

Friedehorst kam unter kirchlicher Trägerschaft, Krüppelheime gab es und Siechenstationen. Die Sterberegister der ersten Jahre zeigen, dass der Tod häufig Gast auf den Siechenstationen war, belegt mit Menschen, die in Ruhe sterben sollten. So entstand auch der Name Friedehorst.

Die Krankenhäuser waren voll und da hat man überlegt, was macht man mit diesen Menschen? Und so entstand ein Ort, wo sie einen Horst der Ruhe fanden – Friedehorst.

Ute Osterloh, Geschichtswerkstatt Friedehorst

Aus einer Kaserne wird ein Horst der Ruhe und der entwickelte sich dann im Laufe der Jahre immer mehr zu einer Einrichtung, die Menschen Hilfe anbietet. Heute kümmert sich die Stiftung um die Seniorenpflege, die berufliche Rehabilitation und um die Hilfe für behinderte Menschen. 1.300 Mitarbeiter sind dafür im Einsatz. 1.500 Menschen werden übers Jahr betreut.

Einer von ihnen ist Yannick, zwölf Jahre alt und seit Geburt geistig behindert. Er kam zu früh auf die Welt und ist mit 56 anderen geistig behinderten Kindern und Jugendlichen im Haus Mara untergebracht. Betreut wird er von der pädagogischen Fachkraft Tabea Kreye, die den Jungen ins Herz geschlossen hat.

Janek hat eigentlich immer gute Laune und hilft super gut mit in der Pflege. Das ist immer sehr angenehm mit ihm.

Tabea Kreye, pädagogische Fachkraft

Yannick macht deutliche Fortschritte, er geht zur Paul Goldschmidt-Schule nebenan in Friedehorst. Es ist ein Förderzentrum für die körperliche und motorische Entwicklung und dort stellen die Pädagogen wie auch im Haus Mara fest, dass der Junge Fortschritte macht und eventuell nach der Schule in einer Förderstätte leichte Arbeiten machen könnte. Er bleibt aber sein Leben lang auf Hilfe angewiesen und benötigt intensive Betreuung.

Auch Anne Pollog fühlt sich wohl in Friedehorst. Sie wohnt in der Bremer Neustadt und steckt in der beruflichen Rehabilitation. Früh bekam sie ein Kind und kam mit dem Leben nicht mehr klar. Sie litt unter schweren psychischen Störungen – ein Zustand, den sie lange nicht wahrhaben wollte. "Ich konnte nicht schlafen, konnte nicht essen – war duselig im Kopf. Unzuverlässig. Für mich war das sehr schlimm, weil das auch eine Quälerei war", sagt Pollog.

Nun lernt Pollog, Holz und Metall zu bearbeiten und macht eine Art Ausbildung zur Hausmeistergehilfin. Zwei Jahre dauert das – ohne Druck, ohne Klausuren und mit psychologischer Unterstützung.

Wer das Friedehorst-Gelände durchquert, trifft immer wieder Bewohner, die an Hochbeeten beschäftigt sind oder mehr über die Mülltrennung wissen wollen. Da ist dann Vanessa Giesenberg nicht mehr weit, denn sie ist Friedehorst-Klimascout. Wie Flaschen entsorgen, wohin mit der Pappe, was ist mit Farbresten? Giesenberg hat immer eine Antwort, denn sie will die Umwelt schützen.

Wir setzen uns dafür ein, dass das Klima besser wird. Weniger Autofahren, weniger Strom verbrauchen. Das Klima muss man schützen. Wenn wir jetzt nicht anfangen die Erde zu schützen – wann dann?

Vanessa Giesenberg, Klimascout

Hans-Hermann Roth verließ Friedehorst 1963. Nach zehn Jahren wechselte er die Arbeitsstellle und ging zur Bremer Wollkämmerei. Er blieb Friedehorst jedoch für immer verbunden und ist seit 2004 für Menschen mit Behinderung da. Er selbst kam mit Kinderlähmung zur Welt, benötigte immer einen Stock und sitzt nun im Rollstuhl. Trotzdem ist er fast täglich an dem Ort, an dem er vor fast 70 Jahren seine Ausbildung begann.

Ich kümmere ich mich um behinderte Leute. Das macht einfach Spaß. Und das hält einen ja auch fit.

Hans-Hermann Roth, ehemaliger Friedehorst-Bewohner

Er feiert jetzt seinen 90. Geburtstag – natürlich in Friedehorst.

So ist aus einem ehemaligen Militärgelände ein Ort der Wohlfahrt entstanden

Bild: Radio Bremen

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  • Holger Baars Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. September 2022, 19:30 Uhr