Pflegefall mit 25: So schwierig ist die Heim-Platzsuche in Bremen

Pflegefall mit 25 in Bremen: So schwierig ist die Heimplatz-Suche

Bild: Radio Bremen

Nicht nur im Alter gibt es Menschen, die Pflege brauchen. Gerade für Jüngere gibt es bei Unfällen oder Krankheiten oft keine passenden Angebote. So ist die Lage in Bremen.

Mutter und Schwester sind zu Besuch bei Jill Geffken. Sie ist 25, sitzt im Rollstuhl und lebt in einem kleinen Zimmer in Friedehorst. Vor ihr ein Album – ihr früheres Leben.

Ein Motorradunfall im März 2020 veränderte ihr Leben. "Als wir dann gehört haben, dass es auch kritisch um sie steht und man gar nicht wusste, ob sie überlebt oder nicht – es war der totale Schock", sagt ihre Schwester Linn Geffken. Aus einer jungen, selbständigen Automobilkauffrau wurde ein Pflegefall.

Jill Geffken mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in ihrem Zimmer im Pflegeheim Via Vita in Bremen Nord
Jill Geffken mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in ihrem Zimmer im Pflegeheim Via Vita in Bremen-Nord. Bild: Radio Bremen

"Das ist schon traurig, aber sie kann wieder sprechen und sie nimmt am Leben teil – das ist mein größtes Glück. Das Kind wäre ja fast gestorben und jetzt kann sie wieder mit uns reden, ist vergnügt und lacht. Das ist echt toll", sagt ihre Mutter Kirsten Geffken. Jills Kurzzeitgedächnis ist stark eingeschränkt. Und noch ist sie in Friedehorst optimal untergebracht.

Aktuell nur Übergangslösung möglich

Doch Jill Geffken macht Fortschritte auf dem Weg zurück ins Leben. "So ganz wie früher wird sie vermutlich nie wieder werden, damit müssen wir uns auch abfinden und mittlerweile kriegen wir das als Familie auch ganz gut hin", sagt Linn Geffken. Nach einer Reha in Hamburg fand die Familie einen Platz in Friedehorst, in der Via Vita, die eine Langzeitpflege für junge Menschen anbietet, die an schweren neurologischen Leiden erkrankt sind. Für die Familie ist das jedoch nur eine Übergangslösung.

"Die Reha konnte sie nicht weiterführen, weil die Fortschritte zu gering waren, da haben wir uns bemüht in Bremen-Nord einen Platz zu finden und waren total glücklich, das wir ihn hier im Via Vita bekommen haben. Das ist toll. Aber langfristig wünsche ich mir schon was anderes für sie, vielleicht mit mehreren Leuten in ihrem Alter. Damit sie auch mal in Gemeinschaft ist, mit Leuten reden kann. Oder auch zur Tagesförderstätte. Das wollen wir jetzt bald mal ausprobieren, dass sie ein bisschen geistig gefördert wird. Das finde ich auch wichtig", sagt Kirsten Geffken.

Fortschritte brauchen Zeit

Eigenständig Essen fällt Jill Gefken schwer, Messer und Gabel – wofür sind sie zu nutzen? Wegen des eingeschränkten Kurzzeitgedächnisses erinnert sie sich nicht an die Lernerfolge vom Vortag. "Natürlich, ich sehe auch Fortschritte. Mir dauert es immer zu lange, aber ich muss Geduld haben. Ist wohl so, bei so einem Krankheitsverlauf", sagt Kirsten. Jill macht Gedächnistraining mit der Ergotherapeutin Pia Jäger. Ein Kreuzworträtsel – eigentlich für Kinder. Es dauert, aber dann findet Jill die Worte.

Jill Geffken (links) löst mit einer Pflegerin ein Kreuzworträtsel
Jill Geffken (links) löst mit einer Ergotherapeutin ein Kreuzworträtsel. Bild: Radio Bremen

"Jill braucht natürlich immer noch so kleine Hilfen, zum Beispiel so Checklisten, wo Jill nach jedem Schritt einmal draufguckt und schaut, habe ich das gemacht und dann kommt ein Stift und dann hakt sie es für sich ab. Diese Hilfen wird Jill auch noch über einen längeren Zeitraum benötigen, aber dadurch könnte ihr Alltag noch einmal viel einfacher werden", sagt Ergotherapeutin Pia Jäger.

Pflege-Problematik auch dank guter Intensivmedizin

Aber wo wird dieser Alltag sein, jetzt wo sie sich zurückkämpft ins Leben? Zweieinhalb Jahre nach ihrem Unfall, den sie knapp überlebt hat – dank guter Intensivmedizin. Und deshalb steigt auch der Bedarf an Plätzen, sagt die Hausleitung von Via Vita.

"Viele Menschen, die eine schwerwiegende Erkrankung oder auch einen Unfall haben werden heutzutage in den Klinken auch intensivmedizinisch sehr gut betreut, und dementsprechend sind sie dann eben auch so weit, dass sie einen Pflegeplatz brauchen. Da scheint der Bereich der außerklinischen Pflege noch nicht ausreichend drauf reagiert zu haben", sagt Carsten Wenke. Er leitet das Via Vita.

Keine Plätze für betreutes Wohnen

Ortswechsel: Die AWO-Pflegeeinrichtung Haus Reuterstraße in Walle ist ein Altenheim mit sieben Plätzen für jüngere Menschen. Sandy Wolters ist hier seit drei Jahren untergebracht. Bernd Markwart seit 25. Beide leiden an den Folgen eines Schlaganfalls. Sie könnten selbständig, aber betreut wohnen, doch es gibt keine Plätze. Und das heißt für sie: Sie müssen zusammen leben mit alten Menschen.

Bernd Markwart lebt seit 25 Jahren im AWO-Pflegeheim Haus Reuterstraße in Walle
Bernd Markwart lebt seit 25 Jahren im AWO-Pflegeheim Haus Reuterstraße in Walle. Bild: Radio Bremen

Als Bernd Markwart hier ankam, war er 35 Jahre alt. "Am Anfang war es schwierig. Aber ich habe mich im Laufe der Jahre abgefunden und mich daran gewöhnt," sagt Markwart. Lange hatte seine Mutter nach einem Platz gesucht. "Meine Mutter hat rumtelefoniert und dann hieß es, in der Reuterstraße sollte ich mal anrufen. Und da war ein Platz frei."

Heime sind oft nicht auf junge Menschen zugeschnitten

Das Zimmer von Sandy Wolters wirkt so, als sei sie auf der Durchreise: Wenig Persönliches von ihr ist zu entdecken. Sie malt ein wenig, ansonsten schlägt sie ihre Zeit tot. "Hier tue ich nichts. Ganz schön nervig und langweilig", findet sie es. Betreutes Wohnen wäre ihr Wunsch, "dann würde man nicht so vor sich hin vegetieren."

Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) ist Trägerin der Einrichtung. Laut der Heimleiterin ist die Warteliste lang. Für ältere Menschen generell, aber besonders für junge Pflegebedürftige.

Sandy Wolters in ihrem Zimmer. Für sie ist das Leben im Pflegeheim sehr eintönig.
Sandy Wolters in ihrem Zimmer. Für sie ist das Leben im Pflegeheim sehr eintönig. Bild: Radio Bremen

Die Not und Verzweiflung der Angehörigen sei groß, sagt Heimleiterin Gabriele Becker: "Ich hatte zum Beispiel eine Anfrage eines sehr verzweifelten Vaters, der in Krankenhaus musste und keinen Pflegeplatz gefunden hat. Ich konnte ihm leider überhaupt nicht helfen, weil ich gar keine Möglichkeit habe. Selbst andere Awo-Häuser waren auch belegt."

Und die Heime müssten auf junge Leute zugeschnitten sein, was ein spezielles Anforderungsprofil und geschultes Personal nach sich ziehe, sagt die Awo-Geschäftsführerin Petra Sklorz.

Jüngere Menschen treffen mit einer ganz anderen Perspektive auf das System Pflege. Die haben ganz andere Vorstellungen, was Lebensgestaltung und Mitbestimmung angeht.

Petra Sklorz, Awo-Geschäftsführerin

500.000 Pflegeplätze fehlen für junge Menschen

Heinz Rothgang von der Uni Bremen hat zur Frage geforscht, wie junge Menschen in der Pflege versorgt werden.
Heinz Rothgang von der Uni Bremen hat zur Frage geforscht, wie junge Menschen in der Pflege versorgt werden. Bild: Radio Bremen

Heinz Rothgang von der Universität Bremen hat eine Studie zur Versorgung junger Pflegebedürftiger gemacht. Das Ergebnis: Bundesweit fehlen mittlerweile 500.000 Plätze. Wer aktuell ein Pflegeheim öffne, bekomme das immer voll.

"Wer eine Spezialeinrichtung für junge Pflegebedürftige öffnen will, muss sich den Markt schon genau anschauen, ob es die entsprechende Nachfrage gibt. Dann brauchen Sie Personal, das damit gut umgehen kann. Dann gibt es schwierige Situationen, wenn Pflegekräfte Standards haben, wie sie meinen, wie Menschen gepflegt werden sollen und junge Menschen sagen: Ich will das nicht", sagt Rothgang.

Schlaganfall im Schlaf verändert das Leben

Bernd Markwart war Verwaltungsangestellter beim Arbeitsamt. Mit 35 erlitt er einen Schlaganfall, im Schlaf in seiner Wohnung in Hamburg. Seine Mutter kümmerte sich um ihn und holte ihn nach Bremen, seitdem lebt er in seinem kleinen Zimmer.

Als er vor Jahren raus wollte ins betreute Wohnen, fand er keine Unterstützung: "Mein Vater war zurückhaltend. Meine Mutter hat gesagt: 'Mach, was du willst', aber erwarte keine Hilfe von uns", weil sie davon nicht sehr begeistert war"

Dass er raus wollte, andere Bedürfnisse hatte – für Markwart blieb es eine Wunschvorstellung. Wie so oft, sagt Wissenschaftler Rothgang: "Da braucht man eine gesellschaftliche Anstrengung, um sich dieses Spezialthema anzuschauen. Wir haben das Problem: Die Langzeitpflege generell ist in der Krise. Wir haben Personalmangel ohne Ende, wir haben Finanzierungsprobleme und jetzt kommt man mit einem Spezialthema. Das findet dann auf Anhieb nicht so viel Resonanz."

Was, wenn die Eltern ihr Kind nicht mehr Pflegen können?

Er sagt, Politik und Gesellschaft müsste jüngere Pflegebedürftige mehr in den Fokus nehmen, zumal, wenn sie nicht so ein starkes Umfeld haben, wie Jill Geffken. Eine Meinung, die die Leitung von Via Vita teilt: "Bei den jungen Menschen ist es noch nicht so weit oben auf der Agenda, direkt und aktiv zu handeln. Es gibt zwar erste Untersuchungen, die zeigen, dass die Bedarfe da sind, aber es ist wahrscheinlich noch nicht ganz oben auf der politischen Liste."

Mutter Kirsten und Schwester Linn Geffken hoffen, dass Linn bald wieder stärker am Leben teilhaben kann.
Mutter Kirsten und Schwester Linn Geffken hoffen, dass Jill bald wieder stärker am Leben teilhaben kann. Bild: Radio Bremen

Und so ist jetzt die Frage für die Familie von Jill, wohin. Längst hat die Suche – zum Beispiel nach betreutem Wohnen – begonnen, doch noch gibt es keine Perspektive: "Wir suchen etwas, wo Jill wohnen kann. Wir gucken uns das alles mal an und suchen uns das Beste raus", sagt Mutter Kirsten Geffken.

Für uns wäre es schon wichtig, dass Jill wieder am Leben teilnimmt. Es gibt ja schon Einrichtungen, die zum Beispiel leichte Arbeiten anbieten. Das wäre langfristig gesehen vielleicht eine gute Möglichkeit.

Schwester Linn Geffken

Und wenn sich nichts ergibt, überlegen die Eltern auch, sie nach Hause zurückzuholen: "Dann würde sie vielleicht tagsüber in eine Tagesförderstätte gehen und dann abends und am Wochenende zu Hause sein. Mein Mann wird dieses Jahr Rentner, dann würden wir es vielleicht zu zweit wuppen. Oder selbst was gründen. Ich bin für Ideen offen."

Zurück zu den Eltern wäre eine Alternative für Jill Geffken, aus der Not heraus – aber was ist, wenn die beiden irgendwann nicht mehr können?

Mehr Mängel in privaten Pflegeheimen in Bremen als in gemeinnützigen

Bild: DPA | Angelika Warmuth

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  • Holger Baars Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. August 2022, 19:30 Uhr