Interview

Bremer Protestforscher: Fridays for Future hinterlässt Spuren

Ob Bremen, Bremerhaven oder das Umland: Seit Monaten demonstrieren Schüler regelmäßig für den Klimaschutz. Forscher Sebastian Haunss sieht sogar Parallelen zur 68er-Bewegung.

Einige Jugendliche demonstrieren in der Bremer Innenstadt

Die Fridays for Future-Bewegung ist für Sebastian Haunss von der Universität Bremen ein echtes Geschenk: Er hat es als Protestforscher nicht häufig mit Bewegungen zu tun, die so international und so nachhaltig sind. Er hat an einer Studie mitgearbeitet, die schon früh dem Phänomen auf den Grund gehen wollte. So waren Befragungen auf einer Bremer Freitagsdemo im März 2019 Teil einer europaweiten Forschungsarbeit, die sich insbesondere mit der  Zusammensetzung, den Motiven, Hoffnungen und Ängsten der Demonstranten auseinandersetzt.

Auch die nächste größere Offensive der Protestbewegung am 20. September wird Forscher Haunss genauer im Blick behalten, denn: Was im August 2018 mit dem Protest des schwedischen Schulmädchens Greta Thunberg seinen Anfang nahm, hat seiner Meinung nach das Zeug dazu, die Welt nachhaltig zu verändern. In vielerlei Hinsicht.

Die Auswertung Ihrer Studie ist pünktlich zum Jahrestag der Fridays-for-Future-Bewegung abgeschlossen. Welches Ergebnis hat Sie besonders beeindruckt?
Besonders interessant ist der Vergleich mit anderen Protesten in Europa. Deutsche Fridays for Future-Demonstranten haben viel Vertrauen darin, mit ihrem eigenen Handeln und dem Wandel ihres Lebensstils etwas an der Situation ändern zu können. In der Schweiz ist das noch viel ausgeprägter, in den Niederlanden viel weniger. Interessant ist auch der Vergleich, welchen anderen Akteuren man was zutraut. In Deutschland kommt da die Wirtschaft am schlechtesten weg. In Polen sind es dagegen 40 Prozent der Befragten, die sagen, die Wirtschaft könne relevant zur Lösung der Probleme beitragen. Das mag auch an den vielen Kohlekraftwerken liegen, deren Abschaltung einen echten Effekt hätte. Ansonsten ist die deutsche Bewegung sehr weiblich – die belgische ist beispielsweise eher männlich geprägt. Entsprechend sind die Gallionsfiguren in Deutschland auch eher Frauen.
Institutionenvertrauen, Schüler*innen und Erwachsene 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 Wissenschaft Regierungen Unternehmen / den Markt freiwillige Änderungen des Lebensstils Niederlande UK Belgien Deutschland Schweden Österreich Polen Schweiz Italien
Quelle: ipb working paper 2/2019
Die Protestwelle hat in diesem Frühjahr erst richtig Fahrt aufgenommen und ist mitverantwortlich dafür, dass da Thema Klima auf der politischen Agenda bleibt. Wie lange hält der Atem der Bewegung?
Diese regelmäßigen Freitagsproteste, für die die Bewegung steht, werden sich kaum längerfristig in dieser Häufigkeit weiterführen lassen. Da findet irgendwann eine Ermüdung statt. In den letzten Monaten konnte man aber beobachten, dass Fridays for Future auch schon andere Protestformen gewählt hat. Der Sommer-Kongress war zum Beispiel eine. Ebenso die große Bündnis-Demonstration in Aachen. Es kommt also schon vielfältigeres Aktionsrepertoire dazu. Damit laufen die Demonstranten im Grunde nicht in diese Falle, dass sie sich sozusagen "totstehen" an den Freitagen und irgendwann niemand mehr kommt. Das spricht dafür, dass sie eher noch länger bestehen bleiben werden.
Im Vergleich zu anderen Protesten wie den Antikriegsdemos oder wie denen gegen das Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21": Wie ordnen sie die Fridays-for-Future-Bewegung da ein?
Das besondere ist schon, dass so ungewöhnlich viele sehr junge Menschen auf die Straße gehen und so lange Zeit dabei sind. Die Intensität der Mobilisierung ist besonders, aber vor allem die Dauer. Es gab in den letzten Jahren weit größere einzelne Demonstrationen als bei Fridays for Future, zum Beispiel die gegen das Handelsabkommen TTIP. Hier wurde jedoch nicht an 200 Orten gleichzeitig demonstriert. Es gab auch eigentlich keine Vorläufer, die im gleichen Umfang gleich so international gewesen sind. Fridays for Future musste die Gesellschaft nicht davon überzeugen, dass Klima ein wichtiges Thema ist, an dem niemand mehr vorbeikommt. Der Erfolg liegt also auch am wichtigste Motiv des Protests: die Sicherung unserer Zukunft.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Datawrapper anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Werden wir in 20 Jahren Fridays for Future in einem Atemzug nennen mit der 68er-Bewegung?
Möglicherweise. Es gab ja dazwischen noch die Friedens-, die Globalisierungs- und die Anti-Atomkraftbewegung. Die waren auch international vernetzt. Aber wenn Fridays for Future weiterhin bestehen bleiben, dann ist ziemlich wahrscheinlich, dass man die in diese großen sozialen Bewegungen einreihen wird, die einem auch in Erinnerung bleiben. Die bleiben ja auch deswegen in Erinnerung, weil sie in der Gesellschaft etwas verändert haben und das wird am Ende ein relevanter Punkt sein. Fridays for Future hinterlässt auch Spuren jenseits der eigentlichen Proteste.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 23. August 2019, 8:40 Uhr