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Einwanderung von Fachkräften: Was sagt die Bremer Wirtschaft?

Bild: DPA | Frank Hoermann/Sven Simon

Laut Plänen der Ampelkoalition soll es für Fachkräfte aus dem Ausland bald einfacher sein, einen Job in Deutschland zu finden. Das sagen Bremer Verbände dazu.

Die Bundesregierung will die Einwanderung ausländischer Fachkräfte erleichtern. Das soll den Mangel an spezialisierten Arbeitskräften auf dem deutschen Arbeitsmarkt lindern. Es geht um Erleichterungen bei der Anerkennung von Qualifikationen, um mehr Flexibilität bei der Berufswahl, aber auch um verkürzte Einbürgerungszeiten und neue Rekrutierungsstrategien.

In der Politik wird der Vorstoß der Ampelkoalition gerade heiß diskutiert. Doch wie blickt die Wirtschaft auf die geplanten Gesetzesänderungen? Und wie ist die Lage momentan in Bremen? buten un binnen hat Kammern und Verbände gefragt.

Welche neuen Regelungen sind geplant?
Laut einem Eckpunktepapier, das die Bundesregierung kürzlich verabschiedet hat, sollen die Einreise und Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland einfacher werden. Konkret heißt das: Wer aus einem Land außerhalb der Europäischen Union kommt, soll nach Deutschland einreisen können, um Arbeit zu suchen, wenn er gewisse Kriterien wie etwa Sprachkenntnisse oder Qualifikationen erfüllt. Auch wird es für Fachkräfte aus Drittländern möglich sein, ihren Abschluss erst in Deutschland anerkennen zu lassen, wenn sie über praktische Berufserfahrung verfügen. Ebenso werden sie in einem anderen Beruf als dem erlernten arbeiten dürfen.

Außerdem sind Änderungen am Einbürgerungsgesetz geplant, die die notwendige Aufenthaltsdauer in Deutschland von acht auf fünf Jahre verringern. Gleichzeitig soll es leichter werden, eine zweite Staatsangehörigkeit zu besitzen.
Was sagt die Bremer Handwerkskammer?
Der Präsident der Bremer Handwerkskammer, Thomas Kurzke, findet eine erleichterte Einwanderung von Fachkräften sinnvoll. Der Fachkräftemangel sei bereits zum Arbeitskräftemangel geworden, sagt er. Bundesweit waren im Juli 150.000 Stellen im Handwerk ausgeschrieben, Verbände gehen von höheren Zahlen aus.

Wie viele Jahre reden wir schon von Fachkräftemangel? Uns fehlen Menschen an allen Ecken und Kanten.

Thomas Kurzke, Präses der Handwerkskammer Bremen, im Interview.
Thomas Kurzke, Präsident der Bremer Handwerkskammer

Zumal Deutschland nicht das einzige Land sei, das qualifizierte Arbeitskräfte im Ausland anwerben will. Die Bundesrepublik müsse als Standort für diese Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen attraktiv sein. "Wir müssen versuchen, den Menschen auch eine Zukunft hier zu geben, weil sie viel aufgeben."

Auch dass Menschen in Deutschland umsatteln und in einem anderen Beruf arbeiten, als dem, den sie in der Heimat erlernt haben, sei für Kurzke vorstellbar. Wie die Anerkennung von Ausbildungen und ausländischen Qualifikationen aussehen soll, müsse aber noch ausgefeilt werden. Für die Betriebe vor Ort bedeutet die Integration von ausländischen Fachkräften ebenfalls Aufwand. Der Fokus müsse dann auf der Sprache liegen. "Das ist tatsächlich der Schlüssel, wenn man miteinander kommunizieren kann, ist natürlich alles einfacher". Gleichzeitig sei Geduld notwendig, da die Bewerber Zeit brauchen, um die Sprache zu beherrschen.

Man muss den Menschen auch Zeit geben.

Thomas Kurzke, Präses der Handwerkskammer Bremen, im Interview.
Thomas Kurzke, Präsident der Bremer Handwerkskammer
Was sagen die Bremer Handelskammer und die Unternehmensverbände dazu?
Der Geschäftsführer der Unternehmensverbände im Land Bremen, Cornelius Neumann-Redlin, findet ebenfalls positive Worte für das Eckpunktepapier. Teilweise hätte es für den Unternehmer sogar etwas weiter gehen können.

Ich glaube, dass es ein Schritt in die richtige Richtung ist, aber an einigen Stellen hätte man auch mutiger sein können.

Der Chef der Unternehmensverbände in Bremen, Cornelius Neumann-Redlin, zu Gast im Studio von buten un binnnen.
Cornelius Neumann-Redlin, Geschäftsführer der Bremer Unternehmensverbände

Etwa bei der "Entbürokratisierung": Die Erteilung eines Visums dauere beispielsweise viel zu lang, so der Geschäftsführer. "Wenn die Bewerber sehen, dass die Prozesse zu lange dauern, werden sie sich für ein anderes Land entscheiden." Außerdem wünschen sich die Verbände, dass die Arbeitgeber mehr Flexibilität bei der Kandidatenauswahl bekommen.

Dass man nicht auf Sprachkenntnisse und Abschlüsse pocht, sondern flexibel ist und die Arbeitgeber fragt, wer auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird.

Der Chef der Unternehmensverbände in Bremen, Cornelius Neumann-Redlin, zu Gast im Studio von buten un binnnen.
Cornelius Neumann-Redlin, Geschäftsführer der Bremer Unternehmensverbände

Ähnlich wie die Kollegen aus der Unternehmens- und Handwerksbranche begrüßt die Bremer Handelskammer das geplante Gesetz.

Die Novelle des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes schlägt den richtigen Weg ein. (…) Etwas genauer betrachtet, sehen wir aber auch noch Raum für weitere Reformierungsschritte.

Torsten Grünewald, Handelskammer Bremen

Die Kammer beklagt jedoch beispielsweise die "recht hohe Gehaltsgrenze" und wünscht sich weitere Erleichterungen bei der Zuwanderung von Auszubildenden. Schließlich gab es nach ihren Angaben dieses Jahr im Land Bremen 5.700 Berufsausbildungsstellen. Dies sei die höchste Anzahl an gemeldeten Ausbildungsplätzen der vergangenen zehn Jahre. Gleichzeitig sei die Zahl der Bewerber und Bewerberinnen konstant geblieben, und zwar bei 4.700. Insgesamt seien die Anfragen der Bremer Unternehmen nach Arbeitskräften in den vergangenen Monaten stark angestiegen.

Wenn bürokratische Barrieren abgebaut werden und der Zugang für ausländische Arbeits- und Fachkräfte grundsätzlich erleichtert wird, dann wird auch die bremische Wirtschaft gleichermaßen von diesen Erleichterungen profitieren.

Torsten Grünewald, Handelskammer Bremen

Gleichzeitig ist wichtig, dass sich die Unternehmen nicht nur auf die Rekrutierung fokussieren, sondern auch auf die "sprachliche und interkulturelle Vorbereitung", sowie auf eine "Willkommenskultur am Standort und im Unternehmen". Dies beinhaltet passende Kita- und Schulinfrastrukturen sowie Kulturangebote und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Familienmitglieder der Zugewanderten.

"Damit sich die angeworbenen Fachkräfte aus dem Ausland am Standort wohl und zu Hause fühlen", sagt Torsten Grünewald, Vize-Leiter des internationalen Bereichs bei der Bremer Handelskammer. Was Bremen angeht, seien zudem das Migrationsamt und die Meldestelle gerade etwas überlastet. "Das liegt teilweise natürlich auch an der Einwanderung aus der Ukraine, aber auch an der strukturellen Unterbesetzung. Hier müsste seitens der Behörden dringend nachgesteuert werden", so Grünewald.

Wie viele ausländische Fachkräfte arbeiten bereits in Bremen?
Mit Stand April 2022 haben 44.680 sozialversicherte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Land Bremen einen ausländischen Pass, wie die Bremer Arbeitnehmerkammer vermeldet. Davon stammen fast 27.000 aus sogenannten Drittstaaten, also außerhalb der Europäischen Union. Viele davon – etwa 7.000 – besitzen keinen Berufsabschluss, danach folgt ein betrieblicher oder schulischer Berufsabschluss. Etwa 5.000 haben eine akademische Qualifikation. Fast 2.000 befinden sich hingegen in einer Ausbildung in Bremen.

Da als Fachkräfte Menschen gelten, die eine berufliche oder akademische Ausbildung genossen haben, wird aus den Zahlen deutlich, dass mindestens 12.000 qualifizierte Arbeitskräfte aus Drittländern derzeit in Bremen arbeiten. Bei weiteren 5.000 fehlen entsprechende Angaben.

Ausländische Beschäftigte im Land Bremen

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Die zeitliche Entwicklung zeigt außerdem, dass die Zahl der ausländischen Beschäftigten in den vergangenen zehn Jahren stets gestiegen ist. Sie hat sich nämlich mehr als verdoppelt, und zwar von 20.300 auf etwa 44.700. Auch die Zahl der Beschäftigten aus Drittländern hat in den vergangenen Jahren zugenommen.

Ausländische Beschäftigte im Land Bremen seit 2012

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Gibt es in Bremen schon Initiativen, um ausländische Fachkräfte anzuwerben?
In Bereichen wie Krankenpflege oder etwa Kinderbetreuung gibt es in Bremen bereits seit Jahren Initiativen, um Fachkräfte im Ausland anzuwerben. So rekrutieren beispielsweise deutsche Agenturen Pflegekräfte in Asien oder dem Nahen Osten. Sie arbeiten dann auch in Bremer Krankenhäusern. In den Kitas des kleinsten Bundeslandes laufen ebenfalls Modellprojekte mit Erzieherinnen aus Spanien. Genauso gebe es in und außerhalb Bremens Aktionen, um Auszubildende in verschiedenen Ländern anzuwerben, bestätigt die Handelskammer.

Seit 2011 existiert zudem der "Unternehmensservice Bremen", der eine kostenfreie Beratung anbietet für ausländische Arbeitskräfte, die im Land Bremen arbeiten möchten, sowie für Unternehmen, die sie einstellen wollen. Die Bremer Handelskammer betreibt ebenfalls Projekte zur Berufsbildungsförderung in verschiedenen Ländern, unter anderem Südafrika, Ägypten, Oman und Marokko.

Arbeitsmarkt-Experte: Aktueller Fachkräftemangel nur ein Vorgeschmack

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. Dezember 2022, 19:30 Uhr