Warum der Weg zur Brustverkleinerung für diese Worpswederin schwer ist

Bild: Radio Bremen

BH-Größe 70 J, Rückenschmerzen und psychische Belastung: Julia Hein möchte sich die Brüste verkleinern lassen. Doch ihre Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht – woran liegt das?

Wenn Julia Hein nach einem passenden BH sucht, dann muss sie in einen Spezialladen und selbst dort kann sie nicht davon ausgehen, dass ihre Größe vorrätig ist oder überhaupt bestellt werden kann. Die Abiturientin braucht die Größe 70 J – eine seltene Größe für zierliche Frauen mit sehr großen Brüsten.

Mit ihrer übergroßen Brust fühlt sich Julia Hein nicht wohl und damit ist sie nicht allein. Jede neunte Frau in Deutschland leidet an übergroßen Brüsten. Die kleine Auswahl beim BH-Kauf ist nur eins von vielen Problemen, die die Betroffenen haben. Julia Hein leidet seit Jahren an starken Rückenschmerzen und fühlt sich in ihrem Alltag enorm eingeschränkt. 

Wenn ich viel stehe und viel gehe, fängt es nach etwa 20 Minuten an wehzutun und wird immer schlimmer. Es wird nur besser, wenn ich mich hinsetze oder – noch besser – hinlege. 

Julia Hein, Abiturientin aus Worpswede

Früher ging die 18-Jährige regelmäßig joggen, mehrmals in der Woche saß sie auf dem Pferd. Doch seit ihre Brust so groß ist, sind diese Dinge für Julia mit Schmerzen verbunden. Auch ihre Psyche leidet.

Chefarzt hält Eingriff für sinnvoll

So trifft sie vor zwei Jahren eine Entscheidung: Sie möchte ihre Brust operativ verkleinern lassen und stellt einen Antrag bei ihrer Krankenkasse – der in Bremen ansässigen HKK. Ein psychologisches Gutachten legt sie bei sowie ein Gutachten vom Chefarzt des Brustzentrums Bremen-Mitte, Dr. Mustafa Aydogdu.

Er hält eine Brustverkleinerung für sinnvoll und würde Julia trotz ihres jungen Alters – damals ist sie 16 – operieren. In seinem Gutachten schreibt er: "Bei der Inspektion fällt sofort die Fehlhaltung mit beginnendem Rundrücken auf. Hier wäre sicherlich eine Reduktion von rechts geschätzt 800 Gramm, links 900 Gramm möglich und würde zu einer deutlichen Erleichterung der Beschwerden der Patientin führen und zukünftigen Fehlhaltungen vorbeugen."

Krankenkasse lehnt Antrag ab

Frau sucht nach einem BH
Wenn Julia Hein in einem Geschäft versucht, einen BH zu kaufen, ist oft nicht die richtige Größe dabei. Bild: Radio Bremen

Doch die HKK will die 5.500 Euro für die Brustverkleinerung nicht zahlen und lehnt Julias Antrag ab. Die Begründung: "Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Rücken- und/oder Nackenbeschwerden und der Brustgröße konnte bisher im Rahmen von wissenschaftlichen Studien nicht belegt werden. Beschwerden im Wirbelsäulenbereich sind außerordentlich häufig und können durch viele, ganz unterschiedliche Faktoren ausgelöst werden." 

Auch das psychologische Gutachten hält die Krankenkasse nicht für relevant. Statt einer Operation empfiehlt ihr die HKK Physiotherapie. Damit hat Julia nicht gerechnet.

Was mich total wütend macht ist die Aussage der Krankenkasse, dass meine übergroße Oberweite nicht mit meinen Rückenschmerzen zusammenhängt.

Julia Hein, Abiturientin aus Worpswede
Eine Frau sitzt an einem Fitnessgerät
Beim Physiotherapeuten macht Julia Gerätetraining – doch Schmerzen hat sie nach wie vor trotz ihrer Fortschritte. Bild: Radio Bremen

Seit einem Jahr macht Julia nun Physiotherapie – zwei Mal die Woche. Dazu noch zwei Mal in der Woche Gerätetraining, um ihre Rückenmuskulatur zu stärken. Doch ihre Schmerzen kommen immer wieder. Ihr Physiotherapeut Valentin Alexeew sieht Fortschritte, doch ist auch er davon überzeugt, dass Julia Hein durch Training allein wahrscheinlich nicht schmerzfrei wird:

Sie macht ihr Training seit einem Jahr und sie macht wirklich viel, doch bisher hat nichts zu dauerhaftem Erfolg geführt.

Valentin Alexeew

Julia legt Widerspruch ein, doch auch den lehnt die HKK ab. Uns erklärt die Krankenkasse: "Kostenübernahmen bei Operationen an vergrößerten Brüsten sind in nur wenigen Konstellationen möglich. Als Voraussetzung muss ein krankheitswertiger und die Funktion der Brust beeinträchtigender Befund vorhanden sein."

Heißt im Klartext: Wenn in der Brust ein Tumor wächst, dann werden die Kosten für eine Brust-Op von der Krankenkasse übernommen. Wenn der Rücken schmerzt, nicht unbedingt.

127 Anträge gingen 2022 bei der HKK ein

Die HKK schreibt weiter: "Wir können nachvollziehen, dass sich die Betroffenen von vergrößerten Brüsten im Alltag eingeschränkt fühlen und dass die Ablehnung eines solchen Antrags als enttäuschend empfunden werden kann. Im medizinischen Sinne handelt es sich bei vergrößerten, gesunden Brüsten aber zunächst nicht um eine Krankheit. Daher können gesetzliche Krankenkassen die Kosten in solchen Fällen nicht übernehmen."

Im Jahr 2022 hat die HKK 127 Anträge auf Brustverkleinerung geprüft. Davon wurden 42 bewilligt, etwa 33 Prozent. Auch Julias Mutter Claudia Hein hat die HKK eine Brustverkleinerung bezahlt. Im Jahr 2007. Wie ihre Tochter litt sie unter starken Rückenschmerzen. Nach der Operation von Körbchengröße E zu Körbchengröße C hörten diese auf.

Die Schmerzen waren sofort verschwunden. Von daher hat sich das sowas von gelohnt. Ich kann nicht verstehen, dass jemand sagt: Das bringt nichts, das hängt nicht miteinander zusammen.

Claudia Hein

Begutachtet hat sie damals der Medizinische Dienst, den die HKK auch für das Gegengutachten von Julia Hein beauftragt hat. Ihre Mutter hat der Medizinische Dienst persönlich gesehen. Julia dagegen nicht. Ihr Gegengutachten entstand rein nach Papierlage.

Auf Nachfrage von buten un binnen, ob das so üblich sei, schreibt der Medizinische Dienst: "Der Begutachtung lagen aussagekräftige medizinische Befunde zugrunde, die Versicherte hatte auch eine Fotodokumentation zur Verfügung gestellt. Eine Untersuchung der Versicherten durch die Gutachterin des Medizinischen Dienstes war somit nicht notwendig."

Julia Hein findet das ungerecht und hat eine Klage gegen die Entscheidung der HKK eingereicht. Da sie die Therapiemöglichkeiten mittlerweile ausgeschöpft hat, ist ihr Anwalt optimistisch. 

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Autorin

  • Anastasia Hill
    Anastasia Hill Redakteurin

Quelle: buten un binnen.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. Januar 2024, 19:30 Uhr