Wie eine Fotografin Bremerhaven-Lehe plötzlich mit anderen Augen sah

Diese Fotoausstellung fängt den Wandel in Bremerhaven-Lehe ein

Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Lehe ist Bremerhavens größter Stadtteil – und sicher einer mit vielen Problemen. Doch viele sehen hier das schönste und lebendigste Quartier. Eine Fotografin hat Lehe in Bildern festgehalten.

Offenes Karohemd, T-Shirt, Jeans, freundlich lächelnd, Zigarette in der Hand – so steht Miriam Klingl im Eingang der alten Halle bei den Stadthäusern in Bremerhaven-Lehe. Gerade macht sie eine kurze Pause, aber wirklich nur kurz. Dann geht es weiter mit dem Aufbau der Ausstellung weiter, zurück in die alte Halle, deren industrieller Charme im Gegensatz zu den hübschen Möbeln vom Trödel steht.

"Das mit Bremerhaven", erzählt Klingl, "ist durch einen glücklichen Zufall entstanden." Damals, Im Herbst 2018, kam die Fotografin zum ersten Mal nach in die Stadt. Eigentlich wohnt die gebürtige Regensburgerin seit ihrer Ausbildung in Berlin. Dort hatte Andrea Schridde, die frühere Leiterin der "Kulturkirche Bremerhaven", Arbeiten der Fotografin gesehen und sie gefragt, ob sie nicht mal für ein Fotoprojekt nach Bremerhaven kommen will.

Mit "Ghetto"-Erwartung angekommen

Erst mal machte Klingl sich schlau über die Stadt – und stieß beim googeln natürlich zunächst auf die üblichen Negativ-Schlagzeilen und manches Klischee: "Ich habe mir viele Berichte durchgelesen. Und die meisten waren halt sehr negativ: "Das Ghetto von Deutschland", "ärmster Stadtteil Deutschlands". Und mit so einer Erwartung bin ich dann auch hierher gekommen."

Und dann war das ein schöner Spätsommertag und ich dachte mir: Hm, wo ist jetzt hier das Ghetto? Denn im ersten Moment hab ich das nicht gesehen.

Miriam Klingl

Die Schmuddelecken des Stadtteils sah sie erst auf den zweiten Blick, erzählt Miriam Klingl – sagt aber gleich, dass schäbige Ecken für ihr Fotografinnenauge eigentlich viel interessanter sind als saubere und gepflegte. Sie zeigt auf ein Bild an der Hallenwand: Verschachtelte graue Giebel vor einem ebenfalls grauen Himmel, darunter hebt sich eine löchrige Wand ab, von der schmutziggelbe Farbe abblättert, malerischer Verfall, ein bisschen melancholisch.

Eines ihrer Lieblingsfotos gleich gegenüber zeigt ein drogensüchtiges Paar, das sie bei ihren vielen Besuchen in Bremerhaven kennengelernt hat: eine junge Frau liegt mit geschlossenen Augen quer über den Knien eines Mannes. "Deswegen ist diese Art von Fotos auch erst nach einem Jahr entstanden, wo ich Vertrauen aufgebaut hatte und auch einen intimeren Moment aufbauen konnte."

Besitzt Lehe Schönheit? "Auf jeden Fall"

Ein anderes Foto zeigt die "Oase", ein Etablissement im Rotlichtbezirk – dessen Name ganz andere Erwartungen weckt als die, die der schäbige kleine Anbau mit der schmuddeligen Leuchtreklame einlösen kann. Miriam Klingl hat aber auch die Halle und den Fabrikturm auf dem alten Kistnergelände in Lehe fotografiert – und eine einsame gelbe Orchidee hinter einem Fenster in einer gelb geklinkerten Wand. Besitzt Lehe Schönheit? Für sie auf jeden Fall, sagt Miriam Klingl:

"Man hat die schönen alten Gründerzeithäuser, aber auch improvisierte Gebilde, Bauwerke,  wunderschön sanierte Gebäude zwischen alten und verfallenen. Man merkt richtig, wie darin wirklich Brüche und Irritationen sind, die es aber ja spannend machen für jemanden, der den Stadtteil nicht kennt und zum ersten Mal durchgeht und diesen Stadtteil erleben kann."

Die Fotografin will zurückkehren

Ist Lehe also cool oder verkommen, hoffnungslos oder mit Perpektive? Alles zusammen, alles dazwischen und alles auf einmal, findet Miriam Klingl. Jedenfalls sehe man den Wandel – junge Leute, die im Stadtteil etwas bewegen wollen, liebevoll renovierte Häuser. Das habe sie einfangen wollen. Silke Mohrhoff, seit Januar Leiterin der Kulturkirche, sieht es ähnlich: "Das Buch beschönigt nichts, die Ausstellung beschönigt nichts, es ist so von Auge zu Auge und von Herz zu Herz."

Mehr als zwei Jahre hat Miriam Klingl an den Fotos für "Lehe im Wandel" gearbeitet. Zeit, auf Wiedersehen zu sagen? Ja – und nein: "Ja, es ist also schon ein spannender Ansatz, den ich mir auch offenhalten will." Gerne würde sie in fünf Jahren noch einmal schauen: Was ist daraus geworden, wie hat sich der Wandel wirklich entwickelt?

Also ich hoffe sehr für mich, dass mir Lehe erhalten bleibt und ich auch zu einem späteren Zeitpunkt zurückkehren und gucken kann, was entsteht.

Miriam Klingl

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Autorin

  • Catharina Spethmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. Mai 2022, 19.30 Uhr