Bremerhaven-Grünhöfe – vor 70 Jahren geplant, heute noch lebenswert?

Luftaufnahme zeigt den Sauerstoffpfad Grünhöfe, ein Naherholungsgebiet in Bremerhaven Geestemünde
Bild: Helmut Gross/CC-Lizenz

Bei der Planung der Siedlung Grünhöfe in Bremerhaven hatte ein prominenter Architekt viel Grün im Sinn. Wo lagen die Schwerpunkte und wie gut sind die Ideen gealtert?

Was macht ein gut geplantes Viertel aus und was brauchen Menschen in der Stadt, um sich wohlzufühlen? Manchmal hilft ein Blick in die Vergangenheit, um Antworten für die Zukunft zu finden – was sich bewährt hat und was nicht. Die Siedlung ist Namensgeber des Ortsteils Grünhöfe, liegt im Stadtteil Geestemünde im Süden der Stadt und wurde Mitte der 1950er Jahre geplant.

Kinder spielen auf einem Spielplatz vor Häuserblocks.
Kinder kommen in Grünhöfe auf ihre Kosten. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Ein Viertel aus einem Guss, quaderförmige Häuserblocks, alle ähnlich, aber nicht gleichförmig – so der erste Eindruck von Grünhöfe. Niedrige Blocks mit Grünflächen, quer zur Straße, auf der einen Seite. Gegenüber: Ein höherer, langgestreckter Block, parallel zur Straße. Seine Fassade zickzackförmig versetzt, jeder Eingang wird für sich wahrgenommen. Vor jedem steht ein anderer Baum. Teile der Fassaden sind farblich abgesetzt – hier ein rotes Treppenhaus, dort eine blaue Gebäudekante. Entworfen hat all das der Architekt Ernst May.

Ein aufgelockerter Städtebau war die Idee der 1950er Jahre – auch Stadtlandschaft. Man wollte keine Baublocks mehr, sondern Zeilenbau, was aber oft zu rein schematischen Siedlungen geführt hat, zu Langeweile. Eine unendliche Addition von gleichen Zeilen. Das hat Ernst May in Grünhöfe wunderbar gebrochen, indem er differenzierte, miteinander leicht versetzte, gebogene Zeilen gemacht hat.

Eberhard Syring im Studio von buten un binnen beim Talk mit Kirsten Rademacher.
Eberhard Syring, Architektur-Historiker

Grünhöfe – prominenter Stadtplaner in Bremerhaven

Hinter einer Hecke stehen bunt gestrichene Häuserblocks.
Farbliche Gestaltung und vor allem viel Grün machen auch den Randbereich der Siedlung Grünhöfe aus. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Ernst May war der bekannteste Stadtplaner der Weimarer Republik, erklärt der Architektur-Historiker Eberhard Syring – einer der Pioniere des sozialen Wohnungsbaus. In der Sowjetunion konzipierte er ganze Städte. Nach dem Exil während der NS-Zeit kehrte er nach Deutschland zurück und plante für den Wohungskonzern Neue Heimat – unter anderem Grünhöfe. Die Flächen zwischen den Gebäuden gestaltete er, indem er nicht nur Rasen ansäen, sondern auch Hügel aufschütten und Bäume und Büsche in Gruppen pflanzen ließ. Der Name "Grünhöfe" war sozusagen Programm – wenn auch am Ende mit Abstrichen in der Umsetzung.

Das sind Höfe, die sich ablösen, ein stärker bewachsener Hof mit einem weniger bewachsenen. Sodass man Vorder- und Rückseite hat, eine klare Eingangsseite betont wird und eine klare Gartenseite. Das ist weggespart worden, diese Höfe sind dann relativ gleichförmig gestaltet worden.

Eberhard Syring im Studio von buten un binnen beim Talk mit Kirsten Rademacher.
Eberhard Syring, Architektur-Historiker

Grünhöfe – das, was Stadtplanung leisten soll?

Einen der ersten Bewohner erfreuten sie dennoch sehr. Er beschrieb in einem Film von 1997, was aus den kleinen Bäumchen von damals geworden war. Riesengroß gewachsen, schön grün sei es, wie ein Wald. Wenn die Bäume im Sommer Laub trügen, seien die Wohnblocks kaum noch zu sehen. "Und die Kinder haben Spielplätze, das ist das Wichtigste." In diese Richtung ging auch Architekt May, als er 1964 beschrieb, was Stadtplanung seiner Auffassung nach leisten soll.

Städtebau ist nicht nur eine ästhetische Angelegenheit, das ist er auch – sondern er ist in erster Linie ein Ding, das die Menschen angeht, das Wohl der Menschen anbetrifft. Und keine Maßnahme städtebaulicher Art, wie immer sie sei, hat einen Sinn, wenn sie nicht dazu führt, Menschen zu befriedigen und glücklich zu machen.

Ein Mann im Sakko blickt in die Kamera.
Ernst May, Architekt

Grünhöfe – wo Anspruch auf Wirklichkeit traf

Auf einer Straße vor Häuserblocks fahren Busse.
In Grünhöfe dominieren nebenden Gebäuden Bäume und Rasen. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Eine Idylle war die Siedlung Grünhöfe trotzdem nicht. Ernst Mays Anspruch, dass Stadtplanung die Menschen glücklich machen solle, stieß auf eine Realität, die bald von Strukturwandel, klammen Kassen und Arbeitslosigkeit geprägt war. Die Fassaden, zwischenzeitlich mit Asbestplatten verkleidet, bröckelten, die Grünflächen verödeten. In den 1980er Jahren investierte die Wohnungsbaugesellschaft Gewoba in die Siedlung, die Häuser wurden saniert, die Grünflächen aufgefrischt.

Und wie lebt es sich heute in Grünhöfe? "Angenehm", sagt ein Passant, "sonst würde ich da ja nicht wohnen, ne?" Und eine andere Passantin fügt hinzu: "Ich bin groß geworden in Grünhöfe und glücklich, wenn ich hier bin." Allerdings: "Ich würde hier aber nicht nochmal wohnen." Eine weitere Meinung von vor Ort: "Recht hübsch, schön grün – kann man nichts gegen sagen."

Grünhöfe – ein zukunftsfähiges Modell?

Die Siedlung Grünhöfe – wäre sie auch ein Modell für heute? Durchaus, findet Architektur-Experte Syring.

Man sieht es an den Siedlungen der Gewoba, dass man tatsächlich auch wieder an solche seriellen Bautypen anschließt. Dass man Häuser in Serie baut, was ja auch ökonomisch ist, ohne dass es einförmig und schematisch werden muss.

Eberhard Syring im Studio von buten un binnen beim Talk mit Kirsten Rademacher.
Eberhard Syring, Architektur-Historiker

Städte mit viel Grün, in Klimawandelzeiten dürfte das eine zukunftsfähige Idee sein.

Haus in Bremerhaven zeigt, wie barrierefreies Wohnen aussehen kann

Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Catharina Spethmann
    Catharina Spethmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 13. September 2023, 15:40 Uhr