Ein Jahr Bürgergeld: "Klingt schöner als Hartz IV, das war’s"

Porträt eines älteren Mannes in der Stadt.

Ein Jahr Bürgergeld: "Klingt schöner als Hartz IV, das war’s"

Bild: Radio Bremen | Mario Neumann

Endlich Schluss mit Hartz IV – die Ampel startete vor gut einem Jahr mit dem Bürgergeld. Aus Sicht vieler Betroffener in Bremen war das kein großer Wurf.

Mehr Gerechtigkeit, mehr Teilhabe, weniger Bürokratie: Die rot-grün-gelbe Bundesregierung hatte große Ziele. Doch davon ist bei den Betroffenen nach buten un binnen Recherchen kaum etwas angekommen. Die Bilanz nach einem Jahr Bürgergeld ist ernüchternd. buten un binnen hat mit neun Bremerinnen und Bremern darüber gesprochen, wie es ihnen mit dem Bürgergeld bisher geht. Sie wollen dabei anonym bleiben, auch ihre Vornamen sind teils auf Wunsch geändert.

Man bekommt ein bisschen mehr Geld, seit es Bürgergeld ist. Aber unterm Strich ist die Kaufkraft dennoch gesunken, denke ich, wegen der Inflation. Es heißt anders, Hartz IV ist jetzt nicht so toll, Bürgergeld hört sich schöner an. Mehr hat es nicht gebracht.

Bürgergeldbezieher Tim (Name von der Redaktion geändert) aus Bremen-Walle

Tim (Name von der Redaktion geändert) bekommt seit sieben Jahren staatliche Hilfe. Im Rahmen einer befristeten Fördermaßnahme hat er zwischenzeitlich auch gearbeitet. Wie bei vielen Beziehern sind es gesundheitliche Gründe, die ihn daran hindern, dauerhaft einer regulären Job anzunehmen.

Holpriger Übergang noch in Erinnerung

Mit der Bürgergeld-Einführung verbindet er vor allem ausbleibende Zahlungen eines überlasteten Jobcenter-Systems zum Start vor einem Jahr. Nicht nur bei sich, auch Freunde haben ihm davon berichtet, dass sie wegen der Umstellung von Hartz IV auf Bürgergeld über einen Monat lang warten mussten.

"Man musste, obwohl es klar war, dass man kein Geld hat, dennoch diesen Antrag auf vorzeitige Auszahlung stellen. Ich hätte mir gewünscht, dass so was einfach automatisch läuft. Bitte mehr Logik, weniger Bürokratie. Aber ich bin froh, dass es das gibt." Ehrenamtlich hilft er älteren Menschen bei Einkauf und Haushalt. Eine Art unbürokratisches Grundeinkommen fände er besser als Bürgergeld.

Kein Cent zu viel

Auch wenn es manche Medien reißerisch behaupten: Mit reich werden habe das Bürgergeld absolut nichts zu tun, sagen mehrere Menschen. Sie sprechen wie Gerome (Name von der Redaktion geändert) von einer notwendigen Erhöhung.

Also ich bin auf jeden Fall nicht reich dadurch, dass ich Bürgergeld bekomme. Das ist eine Erhöhung wie jede andere auch, durch die Inflation mit verschuldet. Es ist eine Erhöhung, die nötig war, weil die Lebenshaltungskosten hoch sind. Ich finde immer noch, Bürgergeld ist nichts anderes wie Hartz IV, bloß unter neuem Namen.

Bürgergeldbezieher Gerome (Name von der Redaktion geändert) aus Bremen-Gröpelingen

Abdul erklärt, an Urlaub sei nicht zu denken. Dafür etwas zur Seite zu legen, das gehe nicht. Schwierig, denn auch wenn Urlaub nicht zu seiner Kultur gehöre, müsse der Mann im Rollstuhl alle paar Jahre seine syrische Familie in Schweden besuchen.

"Man muss vorsichtig sein, man muss immer nach Angeboten suchen, Gemüse, Obst und so weiter. Kleidung auch, darf man nicht so viel kaufen. Für mich ist das ok, aber für meine Tochter (21) ist es nicht genug. Frauen brauchen immer mehr Geld für Kleidung, Make Up und so weiter."

Für Susi (Name von der Redaktion geändert) ist das Geld nötig, weil ihr Einkommen aus der Gastronomie für den Unterhalt nicht ausreicht. "Ich arbeite, aber ich bin alleinerziehend. Mein Verdienst ist kleiner als das, was ich brauche. Deswegen bekomme ich auch ein bisschen Bürgergeld. Für mich ist das hilfreich, ja. Es ist einfacher zu beantragen als Hartz IV."

Etwas weniger Druck

Ali ist in Deutschland aufgewachsen und berät ehrenamtlich Hilfesuchende in einer kirchlichen Beratungsstelle. Nach dem, was er so mitbekommt, ist das Bürgergeld eine Entlastung für die Menschen. Denn es nimmt etwas Stress und Druck von den Betroffenen.

Ein junger Mann steht in einem Garten.
Ali berät ehrenamtlich Hilfesuchende in einer kirchlichen Beratungsstelle. Bild: Privat

Er kann mit dem neuen Namen eine andere Wahrnehmung der Antragsstellenden erkennen. Außerdem wurden die Sanktionen reduziert. Segen und Fluch zugleich, meint Ali, der bei neun von 20 Jobcenter-Terminen vergeblich auf die Bezieher gewartet hat: "Schade, dass die Sanktionen schwach sind, weil dadurch nutzen das auch viele Menschen aus. Also, was heißt viele Menschen, es wird dann halt nicht mehr ernst genommen. Das Bürgergeld ist schon richtig, aber es sollte mehr darauf geachtet werden, wer sich an die Spielregeln hält."

Höherer Mindestlohn wäre gut

Thorsten bezieht Bürgergeld und hat schon sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem Jobcenterpersonal gemacht. Von der mit dem Bürgergeld angekündigten neuen "Augenhöhe“ spürt er aktuell ein bisschen was, weil er einer älteren Person zugeteilt ist. Das war auch schon anders, sagt er mit einem Seufzen. Er kritisiert, dass künftig Bonuszahlungen für Weiterbildungsmaßnahmen wegfallen sollen und wünscht sich einen höheren Mindestlohn, damit sich der Weg zurück in den Arbeitsmarkt lohnt.

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Bild: Imago | Rüdiger Wölk

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Autor

  • Zu sehen ist ein Porträtfoto von Mario Neumann. Blaue Augen, relativ kurze, dunkelblonde Haare. Er hat die Arme verschränkt und lächelt.
    Mario Neumann Autor

Quelle: buten un binnen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, der Morgen, 8. Februar 2024, 8:20 Uhr