Fragen & Antworten

Schleichender Abschied? Bargeld ist in Bremen auf dem Rückzug

Eine Frau bezahlt mit Bargeld an einer Kasse (Symbolbild)
Bild: DPA | Benjamin Nolte

Bargeld liegt Bremern am Herzen. Zumindest werden sie nervös, wenn Geldboten streiken, Automaten leer zu bleiben drohen. Doch haben die Scheine und Münzen noch eine Zukunft?

Geht es um bares Geld, verstehen die Deutschen keinen Spaß. Das weiß auch die Gewerkschaft Verdi. Um es sich nicht ohne Not mit den Menschen in Bremen und Niedersachsen zu verderben, hatten die Gewerkschafter die Bevölkerung vor ihren Warnstreiks vom Montag und Dienstag in der Geld- und Wertbranche gewarnt: Man möge rechtzeitig Bargeld abheben, denn die Scheine könnten infolge der Geldboten-Streiks knapp werden in den Geldautomaten.

Seitdem berichten Medien bundesweit immer wieder über den Stand der Dinge sowohl bei den Tarifverhandlungen als auch an den Geldautomaten und an den Kassen der Supermärkte. Der drohende Bargeldmangel ist ein Thema, das die Menschen offensichtlich sehr beschäftigt. Dabei hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") noch im Mai geschrieben: "Das Bargeld stirbt auch in Deutschland aus".

Konkret übertitelte die Zeitung mit dieser Schlagzeile einen Artikel über eine Studie des Kölner Forschungsinstituts EHI zu Zahlvorgängen im Einzelhandel. Hiernach hat die EC-Karte Bargeld als wichtigstes Zahlungsmittel in Deutschland deutlich überholt. Nur rund 39 Prozent der Bezahlvorgänge im Deutschen Einzelhandel wurden 2021 in bar abgewickelt.

Anteil der Zahlungsmittel an Bezahlvorgängen im Handel

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Datawrapper anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Doch sterben die Münzen und die Scheine tatsächlich aus? buten un binnen hat mit Bremer Händlerinnen, dem Handelsverband, der Verbraucherzentrale Bremen und mit einem Bremer Wirtschaftswissenschaftler über die Zukunft des Bargelds gesprochen – und ist dabei zu einem anderen Ergebnis gekommen als die "FAZ":

Stirbt Bargeld in Deutschland aus?
Wohl kaum, zumindest nicht in absehbarer Zeit. So sagt Lars Hornuf, Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Finanzdienstleistungen und Finanztechnologie an der Uni Bremen: "Bargeld wird in den nächsten Jahren, vielleicht Jahrzehnten in Gebrauch bleiben."

Auch Mark Alexander Krack, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Niedersachsen-Bremen, glaubt nicht daran, dass die Deutschen in absehbarer Zeit auf Bargeld werden verzichten müssen: "Es spricht nichts dagegen, am Bargeld festzuhalten", sagt Krack. Nicht umsonst würden im Einzelhandel – trotz Corona – über ein Drittel der Zahlvorgänge in bar abgewickelt.

Thomas Mai von der Verbraucherzentrale Bremen schließlich fordert: "Bargeld muss immer als Zahlungsmittel akzeptiert werden." Denn es werde immer Verbraucher geben, die nicht auf die Scheine und Münzen verzichten wollen. Schon allein, weil man mit Bargeld in der Tasche unabhängig von der Technik bleibe. "Wenn ich Bargeld dabei habe, habe ich immer eine Notlösung dabei", sagt Mai. Auch deshalb forderten die Verbraucherzentralen, dass die Bargeld-Versorgung in Deutschland flächendeckend gewährleistet sein müsse. Mai ist überzeugt davon, dass es noch lange Bargeld in Deutschland geben wird.
Junge Frau mit Dutt und älterer Herr (Tochter und Vater) stehen an einem Bio-Gemüsestand und lachen in Kamera
Marie Pigors (hier mit ihrem Vater), Marktsprecherin des Findorffmarkts, hält Bargeld für nahezu unersetzlich auf den Märkten. Bild: Kerstin Rolfes | Kerstin Rolfes
Aber Statistiken zu Zahlungsweisen in Deutschland belegen eindeutig, dass immer seltener mit Bargeld gezahlt wird. Es verliert offenbar an Bedeutung. Für wen ist es weiterhin besonders wichtig?
Zum Beispiel für die Händlerinnen und Händler auf den Märkten. "Für uns ist Bargeld unverzichtbar", sagt gar Inga True. Gemeinsam mit ihrem Bruder Björn steht sie mit ihrem Obst- und Gemüsestand regelmäßig auf den Wochenmärkten in Findorff, Schwachhausen und Hastedt. Zwar werde wahrscheinlich auch sie demnächst ein EC-Karten-Terminal für die Kasse auf dem Markt anschaffen. Auch äußerten immer mehr Kunden den Wunsch, mit EC-Karte zu bezahlen. Im Großen und Ganzen aber schreie das spezielle Flair auf dem Markt geradezu nach Barem. Einen Wochenmarkt ohne Bargeld könne sie sich gar nicht vorstellen, so True.

Markt ist Bargeld.

Inga True, Obst- und Gemüsehändlerin
Ganz ähnlich äußert sich Marie Pigors, Marktsprecherin des Findorffmarkts und Betreiberin eines Bio-Standes: "Bargeld ist sehr wichtig für viele Kundinnen und Kunden, die genau wissen wollen, wie viel sie ausgeben, die den Überblick behalten wollen." Einige Kunden kämen daher gar mit bereits abgezähltem Geld an den Stand. Pigor hält Bargeld auch aus pädagogischer Hinsicht für wichtig.

Mit Münzen und Scheinen lernt man den Bezug zum Geld, nicht mit Plastik.

Marie Pigors, Marktsprecherin des Findorffmarkts
Kinder, die Kaufmann oder Kauffrau spielten, verlangten nicht umsonst für ihr Spiel nach Münzen und Scheinen, die sie anfassen und austauschen könnten, nicht aber nach einer EC-Karte zum Bezahlen.

Doch nicht nur für spielende Kinder und für die Kunden auf dem Markt ist Bargeld wichtig. "Ich kann, wenn ich Bares dabei habe, auch einfach mal jemandem an der Straßenecke einen Euro in die Hand drücken", beschreibt Verbraucherschützer Thomas Mai einen weiteren wichtigen Verwendungszweck von Bargeld.
Ein Junge spielt mit einem Kaufmannsladen (Symbolbild)
Ein Kaufmannsladen ohne Bargeld? "Nicht mit mir", denkt sich offenbar der Junge auf unserem Foto. Bild: DPA | Imagebroker/Stella
Wenn Bargeld so wichtig sein soll: Worin liegen weitere Vorzüge?
"Für Bargeld spricht die Haptik. Es ist fühlbar. Daher eignet es sich zum Beispiel zum Verschenken besser als eine Überweisung", nennt der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Lars Hornuf einen wesentlichen Vorzug des Bargelds. Analog dazu sagt Verbraucherberater Thomas Mai: "Die Ausgaben mit Bargeld sind spürbar. Ich sehe, was ich ausgebe. Eine EC-Karte sieht dagegen immer gleich aus."

Zudem heben sowohl Hornuf als auch Mai hervor, dass man mit Bargeld anonymer bezahlen könne als etwa per EC-Karte. "Ich kann damit auch in Geschäften zahlen, in denen ich nicht gesehen werden möchte, und es erscheint auch nicht auf dem Kontoauszug", so Mai.

Markthändlerin Inga True glaubt zudem: "Das Zahlen mit Bargeld geht viel schneller als mit Karte." Das gelte insbesondere gerade dann, wenn erst ein Terminal hergeholt werden müsse, dass dann womöglich nicht auf Anhieb funktioniere. "Die fluchenden Kunden weiter hinten in der Schlange lassen uns das spüren, wenn sie warten müssen", sagt True.
Wenn Bargeld so viele Vorzüge hat: Weshalb wird es dann immer weniger genutzt? Worin liegen die Nachteile?
Die Warnstreiks Verdis in Bremens und Niedersachsens Geld- und Wertbranche hätten eine wesentliche Schwäche von Bargeld sichtbar gemacht, sagt Thomas Mai von der Verbraucherzentrale Bremen: "Man muss Reserven vorhalten." Das betreffe vor allem den Einzelhandel, der Geld in der Kasse haben müsse sowie die Banken, deren Geldautomaten mit Geld versorgt sein müssten. Dazu brauche man Geldboten, die wiederum Geld kosteten.

Doch auch aus Verbrauchersicht hat Bargeld Nachteile. So sagt der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Lars Hornuf: "Ich zahle auch häufig kontaktlos, weil es praktischer ist."

Auch Verbraucherschützer Thomas Mai räumt ein: "Bargeld liegt schwer in der Tasche." Zudem könne man damit nicht im Internet bezahlen. Gleichwohl, so Mai, bringe Bargeld für Bremens Verbraucherinnen und Verbraucher unter dem Strich mehr Vorteile als Nachteile mit sich. Das Beste an der derzeitigen Situation aber sei, dass sich die Verbraucher gar nicht für das eine oder gegen das andere Zahlungsmittel entscheiden müssten: "Verbraucher haben die Freiheit, zu wählen", sagt Mai. Das sei aus Sicht des Verbraucherschutzes eine sehr gute Ausgangslage.

Bremer Banken setzen auf Digitalisierung – und reduzieren Filialen

Bild: Radio Bremen

Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 4. Juli 2022, 6 Uhr