Bremer Senioren leiden unter Pflegeheim-Pleite: "Unverschämtheit!"

Bild: Radio Bremen

Ein Pflegeheim in der Bremer Neustadt wird infolge einer Insolvenz geschlossen. Ein schwerer Schlag für die betagten Bewohner: Sie müssen ihre vertraute Umgebung nun verlassen.

Für 86 betagte Bewohnerinnen und Bewohner eines Pflegeheims am Kirchweg in der Bremer Neustadt stehen unruhige Wochen bevor. Der Betreiber ihrer Einrichtung ist pleite, eine Schließung laut Insolvenzverwalter unvermeidlich. Bis Ende Februar müssen die Menschen ihre angestammte Umgebung verlassen haben.

"Wir weinen alle und sind mit den Nerven zu Fuß", sagt Inga Wolters, die seit drei Jahren in einer Wohnung der Einrichtung lebt. Die 77-Jährige ist in der Neustadt aufgewachsen und war froh, als sie die altersgerechte Unterkunft in ihrer vertrauten Nachbarschaft gefunden hatte.

Ich habe hier schon als Kind gespielt und kenne jeden Baum und Strauch, ich treffe hier noch meine alten Kumpels auf der Straße. Der Gedanke, diese Gegend verlassen zu müssen, ist sehr bedrückend. Ich frage mich: Wo kommste jetzt wohl hin – irgendwohin, wo dich keine Menschenseele kennt – ist doch grausam sowas.

Inga Wolters, Bewohnerin des Pflegeheims

Spät gestellter Insolvenzantrag

Das Gebäude eines Pflegeheims mit einem Straßenschild, auf dem "Kirchweg" steht.
In dem Heim in der Neustadt wohnen zur Zeit noch 86 Menschen. Bild: Radio Bremen

Verantwortlich für die Einrichtung war der Diakonieverein Berlin-Zehlendorf. Dessen gemeinnützige Tochterfirma "Leben im Alter GmbH" betrieb das Seniorenheim am Kirchweg in der Neustadt und geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Berliner beantragten daraufhin ein Insolvenzverfahren für ihr Bremer Unternehmen.

"Der Insolvenzantrag ist relativ spät gestellt worden, so dass es wenig Zeit gab nach Alternativen zu suchen", sagt Sozial-Staatsrat Jan Fries (Grüne). Schon zum Jahreswechsel sei kein Geld mehr vorhanden gewesen, um die Gehälter der Pflegekräfte zu bezahlen. Deshalb habe der Insolvenzverwalter keine andere Möglichkeit gehabt, als die Sache abzuwickeln, sagt Fries.

Lösung für Alle?

Staatsrat Jan Fries (Die Grünen)
Staatsrat Jan Fries hat den Bewohnern Hilfe zugesichert. Bild: Radio Bremen

Bremen sichert nun den Weiterbetrieb für weitere zwei Monate finanziell ab, um den Bewohnerinnen und Bewohnern mehr Zeit bei der Suche nach Ersatzunterkünften zu verschaffen. Eine eilig eingerichtete Koordinierungsstelle von Heimaufsicht und Pflegekassen unterstützt die Senioren bei ihrer Suche. "Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir für alle eine Lösung finden", sagt Jan Fries. Die anfallenden Umzugskosten übernimmt das Sozialressort.

Für Bewohnerinnen wie Inga Wolters ist das ein schwacher Trost. Ihre vertraute Umgebung wird sie wohl verlassen müssen. Gerade habe man die Corona-Isolation samt monatelangem Besuchsverbot überstanden, da stehe schon die nächste Grausamkeit an, sagt sie und fügt an: "Nur weil wir alt sind, kann man das mit uns machen? Ich finde das eine Unverschämtheit".

Autor

  • Sebastian Manz Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Januar 2023, 19:30 Uhr