Kommentar

Der Zukunftstag ist von gestern

Zukunftstag 2023: Luftfahrt zum Anfassen bei Airbus in Bremen

Bild: dpa | Ralf Hirschberger

Kinder schnuppern in Jobs rein – diese Idee findet Online-Redaktionsleiter Thorsten Reinhold eigentlich gut. In der jetzigen Form gehöre der Zukunftstag aber in die Vergangenheit.

Die meisten Schülerinnen und Schüler finden den Zukunftstag super. Verständlich. Denn sie haben einen Tag mehr schulfrei. Ob Girl’s Day, Boy’s Day oder Zukunftstag? An der eigentlichen Idee geht die "klischeefreie Berufsorientierung" (so nennt es das Bundesfamilienministerium) tausendfach vorbei. Auch die Vorstellung, dass Unternehmen frühzeitig Nachwuchskräfte für sich gewinnen könnten (schreibt die Agentur für Arbeit), kann bei Fünft- und Sechtsklässlern nicht ernst gemeint sein.

Ein Blick in eine fünfte Klasse in Bremen: Unsere Tochter ist am Zukunftstag mit einer Freundin in einer Kita. Warum? Weil dort die Mutter der Freundin arbeitet und dieser Platz damit sicher war. Bei uns bei Radio Bremen gab es keine Chance. Zu überlaufen. Eine andere Freundin aus ihrer Klasse ist an einer Grundschule. Dort ist ihre Mutter Lehrerin. Und Luana verbringt den Tag mit ihrem Vater bei der Arbeit. Immerhin: Der ist Elektriker und hier klappt das also mit dem Reinschnuppern in eine vermeintliche Männerbranche.

Zu wenig Unterstützung bei der Suche nach Plätzen

Lernen die Kinder und Jugendlichen an diesem Tag wirklich geschlechter-untypische Jobs kennen? Nein, natürlich nicht oder nur teilweise. Denn die meisten werden bei der Suche nach einem Platz für den Zukunftstag alleine gelassen. Ein paar Info-Merkblätter und Links sind da zu wenig. Wenn das ernst gemeint ist, muss mehr dafür getan werden.

Und was ist mit der Berufsorientierung? Die kommt zumindest bei den Jüngsten doch viel zu früh. Oder glaubt wirklich jemand, dass unsere Kinder in dem Alter schon wissen, was sie später mal werden wollen? Die meisten wollen laut Studien Polizist, Tierärztin, Pilot oder Astronautin werden – einige Profifußballer oder Prinzessin. Und das ist auch gut so, denn es sind ihre Traumberufe und sie sollen bitte weiter träumen dürfen. Influencerinnen und Influencer kommen in der Liste übrigens nicht vor.

Mehr Berufsorientierung im Unterricht

Deswegen: Schnuppertag ja, aber erst ab der 7. Klasse an, denn die meisten beginnen eine Ausbildung frühestens mit 15 oder 16 Jahren. "Girls" in "Männderdomänen" und "Boys" in "Frauenberufe" als Zwang ist unnötig und findet in der Praxis eh nicht statt (siehe oben). Ist auch nicht nötig, denn gesellschaftlich haben wir uns bei der Gleichberechtigung längst auf den Weg gemacht und das Thema "Beruf" gehört grundsätzlich stärker in den Unterricht.

Wenn das alles nicht geht, dann lasst uns aus dem Zukunftstag einen Elterntag machen. Das wäre zumindest sehr ehrlich.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. April 2023, 19:30 Uhr