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Bremer Schiffbau in der Krise: Ist Technologie der Werften-Retter?

Eine Schlüsselbranche im Land Bremen ist im Krisenmodus – beim Schiffbau läuft es nicht rund. Dabei hat die Schifffahrt durchaus Zukunft. Woher kommt die Krise – und wohin geht der Weg?

Ein weiß-rotes Schiff liegt in einem Trocken-Dock.
Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck
Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck

Welthandel, Logistik, Mobilität: Die Schifffahrt hat Zukunft, ihre Kapazitäten sind gefragt wie nie, und dem Schiffbau steht auch technologisch vieles bevor: "Wir sind der Meinung, dass es nicht das eine Schiff der Zukunft geben wird, sondern es wird eine ganze Vielzahl von Schiffen der Zukunft geben", meint etwa Gregor Schellenberger, Professor für Schiffbau an der Hochschule Bremen. Er und andere Fachleute schwärmen von der Zukunft mit neuen Antrieben, emissionsarmen Schiffen und einer klimafreundlichen Schifffahrt.

Doch an den heimischen Werftstandorten ist von Euphorie nicht viel zu spüren. Werften wie Rickmers, Vulkan oder AG Weser sind seit Beginn des Werftensterbens Ende der 1970er Jahre Geschichte, andere stehen seit Jahren auf der Kippe. Gerade droht der traditionsreichen Bremerhavener Lloyd-Werft das Ende. Dabei hatten es die Bremerhavener bisher immer doch noch rausgeschafft, immer ging es irgendwie weiter. Besonders mit Schiffsverlängerungen und Umbauten machten sich die Bremerhavener weltweit einen Namen.

Endgültig Schluss für die Lloyd-Werft?

Doch nun könnte endgültig Schluss sein, wenn auf den letzten Drücker nicht doch noch Rettung naht, entweder vom Bund oder von einem weißen Investoren-Ritter. Der jetzige Eigentümer, der Genting-Konzern aus Malaysia, hat angekündigt, die Werft mit noch rund 350 Beschäftigten bis Ende des Jahres schließen zu wollen. "Es geht jetzt darum, dass Genting und der Bund insgesamt eine Lösung finden und hier weiter Schiffe gebaut werden können, das bleibt unser erklärtes Ziel", erklärt Lloyd-Geschäftsführer Carsten Haake. Zwar gibt es momentan Verhandlungen mit der Bremerhavener Rönner-Gruppe, doch eine Einigung steht noch aus. Für 350 Mitarbeitende geht es um alles oder nichts.

Ein Dock liegt vor der Lürssen-Werft in Bremen-Vegesack.
Die Lürssen-Werft in Bremen-Nord ist ein milliardenschwerer Werft-Konzern. Bild: DPA | Carmen Jaspersen

20.000 Werftbeschäftigte sind es in ganz Deutschland, 10.000 davon in der Schiffbau-Hochburg Nordwestdeutschland, hat die IG Metall ermittelt. Niedersachsen hat die meisten Beschäftigten, hier prosperieren Großwerften wie die Papenburger Meyer-Werft mit ihren Kreuzlinern oder die kleinere, aber renommierte und stabile Werft Abeking & Rasmussen (A&R) in Lemwerder. Im Land Bremen ist die Lürssen-Werft ganz vorne, die in den letzten Jahren auch durch Übernahmen zu einem schlagkräftigen Milliarden-Konzern wurde.

Viele Werften sind spezialisiert

Dann gibt es noch viele kleine Werften, die sich spezialisiert haben und teils selbstständig, teils als Konzern-Töchter ihre Nischen gefunden haben, etwa die auf Militärschiffe spezialisierte Neue Jade-Werft in Wilhelmshaven oder die Emder Dock-Betriebe, die die norwegische Fischindustrie mit Spezialgerät beliefert.

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Trotz solcher Erfolge ist die Krise überall spürbar: "Da kann man nichts beschönigen. Es ist eine massive Krise, die alle Werften betrifft", sagt Peter Hackmann, der Sprecher der erfolgsverwöhnten Meyer-Werft, die durch Corona-Krise und Tourismus zurückgeworfen wurde. Für ihn droht auch Gefahr aus China: Das Riesenreich will ab 2023 eigene Kreuzfahrtschiffe auf den Markt bringen.

Die Branche steht also vor der berüchtigten Quo-vadis-Frage. Wohin soll die Reise gehen, worin sind die Werften stark – oder wo könnten sie stark werden? Für die Fachleute sind neue Technologien und der Spezialschiff-Bau die Schlüsselbegriffe. Und natürlich die Ökologie: Das Schiff der Zukunft, da sind sich die meisten einig, ist grün. Batterien als Antrieb sind dabei allerdings höchstens für kleinere Schiffe oder Fähren eine Lösung.

Großschifffahrt als Herausforderung

Ein Foschungsfeld sind moderne Schiffsbrennstoffe. "Brennstoffe werden anders aussehen", glaubt Andreas Kraus, Professor an der Hochschule Bremen: "Das werden entweder Brennstoffe sein, die synthetisch erzeugt sind, oder es kann Richtung Wasserstoff gehen." Und es sei schon ein Ziel in der Schifffahrt, dass man am Ende null CO2-Emissionen hat, vom Schiffbau bis zur Schifffahrt. Auf dieses Ziel setzten auch die Internationale Seeschifffahrts-Organisation IMO und die EU, sagt Professor Gregor Schellenberger. Trotzdem bleibe das Thema eine Herausforderung, vor allem in der Großschifffahrt – zumal es nicht nur an der Technologie hänge, auch die Infrastruktur müsse stimmen.

Gregor Schellenberger
Gregor Schellenberg sieht viele Herausforderungen für die Branche. Bild: privat

Als "sehr herausfordernd für die Branche" bezeichnet Gregor Schellenberger das Thema CO2-Neutralität. Und er betont: Es gebe schon Lösungen wie Brennstoffzellen auf U-Booten, batteriebetriebene Fähren oder Methanol-Tankerschiffe. Aber es dürfe nicht der Eindruck entstehen, das Problem sei schon so gut wie gelöst: "Die Herausforderung wird sein, diese Techniken auf die Großschifffahrt zu adaptieren, in ausreichender Menge nachhaltig erzeugte Brennstoffe vorzuhalten und diese insbesondere auch wirtschaftlich herzustellen."

Reine Schiffsfertigung: "Keine Chance"

Wer technologisch hier nicht dabei ist, hat wohl keine Chance. Denn der reine Schiffbau habe kein Innovationspotential, sagt Broder Hinrichsen, ebenfalls Schiffbau-Professor in Bremen: "Es wird weiterhin ein Schiff aus Stahl sein, da gibt es keinen alternativen Werkstoff." Wenn es um eine reine Fertigung gehe, habe Deutschland als Hochlohnland darum keine Chance, sagt er.

Beim reinen Schiffbau werden wir nicht konkurrieren können. Nur unsere Ingenieure werden einen Vorsprung halten können.

Broder Hinrichsen, Schiffbau-Professor

Der Vorsprung gelingt also nur über Technologieführerschaft. Da sind nordwestdeutsche Werften auch schon erfolgreich im Geschäft. Bei Meyer in Papenburg wird mit der "Aida Nova" ein Kreuzfahrtriese auf LNG, also Flüssiggas, umgestellt. Die Bremer Lürssen-Werft forscht schon seit 2009 am Thema Wasserstoff und arbeitet nach Branchenberichten derzeit an einem Teststand mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle für Schiffe.

Doch ein einfaches Geschäft wird das für die Deutschen Werften wohl nicht. Der Wettlauf ist in vollem Gange, auch andere Nationen haben den Zukunftsmarkt im Fokus. Gerade hat die norwegische Spezialreederei Höegh Vorverträge für einen großen umweltfreundlichen Autofrachter unterzeichnet – mit der chinesischen Xiamen-Werft.

Rückblick: Hat die Lloyd-Werft in Bremerhaven eine Zukunft?

Video vom 20. Februar 2021
Eine Flagge mit der Aufschrift "Lloyd Werft" weht im Wind.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Boris Hellmers
  • Catharina Spethmann
  • Dirk Bliedtner

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 3. Mai 2021. 14.38 Uhr