Wie sinnvoll die Reproduktionszahl "R" für Bremen wirklich ist

Die Qual mit der R-Zahl: Ganz Deutschland sorgt sich in der Corona-Krise um die Reproduktionszahl. Liegt sie über oder unter 1? In Bremen ist das etwas schwierig.

Ein Arzt mit Schutzbekleidung.
Die Reproduktionszahl sagt, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Bild: Reuters | Thilo Schmuelgen

The trend is your friend – na gut, dieser Spruch ist eigentlich eher auf dem Börsenparkett in aller Munde. Doch auch in anderen Bereichen findet er mal Beachtung. Aktuell beschäftigt er Epidemiologen, Virologen und Politiker, denen sich die Frage stellt, wie sie mit den Herausforderungen durch die Corona-Pandemie umgehen und wie diese sich vermutlich weiter entwickeln wird. Zahlen, Statistiken, mathematische Modelle haben da große Bedeutung. Unter anderem die mittlerweile legendäre R-Zahl, die Reproduktionszahl. Sie besagt, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Gibt es diese Zahlen auch auf regionaler Ebene?

Sinnvoll ist das in Bremen eher nicht

Ja. Und Nein. Gleichzeitig. Ja, sie lässt sich auch für das Land Bremen herleiten. Doch wirklich sinnvoll ist es eher nicht, sind sich Fachleute einig.

Die Zahl ist für Bremen unglaublich anfällig für starke Ausschläge.

Lukas Fuhrmann, Gesundheitsressort Bremen

Zu klein ist das Land, zu sehr hauen einzelne Ereignisse in die Statistik rein und verzerren das Bild damit. Als wirklich langfristiger Trend mag es noch funktionieren. In der kurzfristigen, womöglich täglichen Betrachtung taugt die R-Zahl nicht.

Zu große Ausreißer in kleinen Regionen

Dieses Bild macht das unmittelbar deutlich: Zu den Instituten, die die R-Zahl auf Ebene der Bundesländer modellieren – exakt berechnen lässt sie sich sowieso nicht – gehört die TU Ilmenau. Wer sich die Kurve für das Land Bremen ansieht, erkennt sofort, dass da etwas nicht stimmen kann: Am 15. April etwa weist sie eine R-Zahl von Angst einflößenden 4,5 aus. Das hieße: Ein Infizierter überträgt Covid-19 auf viereinhalb weitere Personen. Wäre das realistisch und anhaltend, wäre es wohl nur eine Frage von Wochen, bis das Gesundheitssystem zusammenbräche. Doch keine Sorge – nur fünf Tage später, am 20. April, liegt der Wert bei lässigen 0,3 – bei einem solchen Umschlag liefe die Epidemie schnell aus. Um zum nächsten Tag schon wieder auf 1,6 hochzuschnellen.

Kurzum – ein vernünftiges Arbeiten ist damit nicht möglich. Die Kurven für Niedersachsen und Deutschland dagegen zeigen einen zwar sehr kurvigen und regelmäßig im Wochenverlauf schwankenden Graphen, der aber jeweils eine innere Stimmigkeit hat. Die lange Latte von Anmerkungen zu Daten und Systematik unterhalb der Grafik ist dabei nur noch für Spezialisten spannend – zum Grundverständnis des Problems reicht der erste Augenschein. Professor Thomas Hotz von der TU Ilmenau räumt auch selbst ein, dass die Methodik für so kleine Einheiten keine verwertbaren Ergebnisse liefert. Er und sein Team arbeiten aber an einem neuen Modell, dass an dieser Stelle etwas brauchbarer sein soll.

Die Grundfrage aber bleibt: Wie erkennt man für ein vergleichsweise kleines Gemeinwesen wie das Land Bremen, ob und wie die hier geltenden Regeln wirken? Denn seit die Details von Bundesland zu Bundesland immer mehr voneinander abweichen, können theoretisch hier auch andere Effekte eintreten, als in andern Ländern.

Tempo und Beschleunigung: Mehrere Werte gemeinsam betrachten

Hermann Pohlabeln, Leiter der Fachgruppe "Statistische Modellierung von Primärdaten" am Leibniz-Institut BIPS (Bremer Institut für Präventionsforschung), sagt dazu: "Die Reproduktionszahl sollte nicht isoliert betrachtet, sondern dazu auch die absolute Zahl der Neuerkrankungen herangezogen werden." Das sieht auch Hotz von der TU Ilmenau so: Die Zahl der täglichen Neuinfektionen sei für eine kleine Einheit wie Bremen der relevante Wert – er nennt es "das Tempo".

Die R-Zahl entspräche eher der Beschleunigung – aber die schwankt bei niedrigem Tempo eben gleich erheblich. "Beide sind wichtig", betont er, nur müsse man die Werte eben auch vernünftig zu interpretieren in der Lage sein. Und Pohlabeln ergänzt: "Wichtig ist zudem, dass es für eine Stadt wie Bremen auch wichtig ist, die Reproduktionszahlen des benachbarten Umlands zu kennen, da Infektionen importiert werden können." Der Tunnelblick auf Bremen bringt also eher wenig.

Das sind die geplanten Corona-Lockerungen für Bremen

Video vom 7. Mai 2020
Mehrere unterschiedliche Menschen am Weserdeich.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 12. Mai 2020, 23:30 Uhr