Kolonialismus – und was dieses Pfahlhaus in Bremen darüber erzählt

Der Forscher Ludwig Cohn brachte vor gut 100 Jahren aus Neuguinea ein Haus mit. Es wurde aufgebaut, abgebaut – und völlig neu in Szene gesetzt. Im Überseemuseum weiß man, warum.

Video vom 26. Januar 2021
Ein kleines Haus aus Bambusrohren auf Pfählen
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Quer über den halben Globus ist das Haus verschifft worden. Von der deutschen Kolonie Bougainville im Südpazifik nach Bremen — und das vor mehr als 100 Jahren. Verantwortlich für diesen Transport war Ludwig Cohn, zu der Zeit noch Museumsmitarbeiter am heutigen Überseemuseum und Naturwissenschaftler. Gleich zweimal reiste er für seinen Arbeitgeber mithilfe der Norddeutschen Lloyd nach Neuguinea.

Eine Landkarte mit einer eingezeichneten Route von Bremen nach Bougainville
Für seine Forschungs- und Sammelreisen fuhr Ludwig Cohn um die halbe Welt. Bild: Radio Bremen

Wie so viele Museen wollte auch das Überseemuseum, damals noch "Städtisches Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde", möglichst schnell möglichst viele Objekte von den "Naturvölkern" in den Kolonien sammeln.  Es entstand ein richtiger Wettbewerb zwischen den Museen — und gegen die Zeit: "Man wollte möglichst viel dokumentieren, bevor man dem Untergang der sogenannten Naturvölker entgegensah", erklärt die Kuratorin Stephanie Walda-Mandel. Nicht selten wurde aus dieser Sammelwut der Europäer in den Kolonien ein Raubzug.

Ludwig Cohn ließ sich das Haus extra anfertigen

Bei dem Pfahlhaus aus dem Ort Toboroi auf der Insel Bougainville geht die Kuratorin allerdings davon aus, dass hier eine faire Verhandlung stattgefunden hat.

Natürlich gab es auch in Ozeanien ungleiche Tauschbeziehungen, aber sehr viel häufiger sind die Menschen in Ozeanien den Europäern auf Augenhöhe begegnet. Bei diesem Haus ist es so, dass die Einheimischen ganz aktiv als Verhandlungspartner aufgetreten sind.

Eine Frau schaut in die Kamera
Dr. Stephanie Walda-Mandel, Kuratorin

Ein Pfahlhaus diente den Bewohnern als Schutz vor wilden Tieren und Überschwemmungen, da es auf Bambuspfählen gebaut ist — ohne einen einzigen Nagel. So etwas kannte man in Europa nicht. Aus Cohns eigentlichem Ziel ein fertiges Wohnhaus abzukaufen, wurde nichts, schließlich brauchten die Menschen aus Toboroi es selbst. Stattdessen bekam er ein nachgebautes Modell in einem etwas verkleinerten Maßstab.

Links ist ein Portrait Ludwig Cohns zu sehen. Auf der rechten Seite ist eine Grafik eines Globus zu sehen, auf der Cohns Südseereise eingezeichnet ist.
Ludwig Cohn sammelte Objekte aus dem heutigen Neuguinea für das Bremer Museum. Bild: Radio Bremen | Kerstin Farwick

Was er dafür bezahlt hat, sei aus den Dokumenten heute leider nicht mehr erkennbar, oft erhielten die Menschen in Ozeanien Metalle, Nägel, Tabak oder Baumwollstoffe, erklärt die Kuratorin.

Heute zeigt das Pfahlhaus ein Stück Museumsgeschichte

Ab 1911 wurde das Haus dann in Bremen ausgestellt und war schnell ein Publikumsmagnet. Die Inszenierung ist aus heutiger Sicht allerdings problematisch: Sogenannte Schaugruppen, also Gipsfiguren, sollten Alltagsszenen zeigen und unterlagen stark klischeebehafteten Stereotypen. Dabei waren sie von den Völkerschauen inspiriert, also Veranstaltungen, in denen Menschen aus Kolonien wie in einem Zoo zur Schau gestellt wurden. Auch über den verkleinerten Maßstab des Hauses wurden die Besucher nicht aufgeklärt.

Links ist ein schwarz-weiß Foto des Pfahlhauses aus dem Jahre 1945 zu sehen. Rechts eins in Farbe aus dem Jahre 1970.
Seit über 100 Jahren gehört das Pfahlhaus zu den Herzstücken des Museums. Bild: Radio Bremen | Kerstin Farwick

Deshalb baute das Museum das Ausstellungsstück 2003 ab und zeigte es seitdem nicht mehr. Heute ist es wieder aufgebaut — allerdings ohne die Schaugruppen und mit einem anderen Ziel: Es dient jetzt der Aufarbeitung der Geschichte des Museums.

Gerade das Pfahlhaus zeigt, wie in unterschiedlichen Zeiten ein Exponat unterschiedlich gesehen und inszeniert worden ist. Man kann sich anhand des Objekts kritisch fragen: Wie haben wir früher über andere Kulturen gedacht? Und wie heute?

Eine Frau schaut in die Kamera
Dr. Stephanie Walda-Mandel, Kuratorin

Unkommentiert würde so ein Haus nicht mehr ausgestellt werden. Der Umgang habe sich geändert: "Heute bemühen sich Museen, die Herkunft der Objekte rauszufinden, um sie dann möglicherweise zurückzuschicken. Das dauert allerdings oft sehr lange." Außerdem würden jetzt häufiger die Herkunftsgesellschaften durch Kooperationsprojekte oder auch zur Mitarbeit an Ausstellungen einbezogen werden, um eine rein westliche Sicht zu vermeiden.

Und so verrät das Pfahlhaus nicht nur etwas über das Leben in Ozeanien — sondern auch über unseren Blick darauf. Und ist damit Teil der Museumsgeschichte. 

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Autorinnen

  • Kerstin Farwick Redakteurin und Autorin
  • Susanne Hausmann Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Januar 2020, 19:30