Fragen & Antworten

Ist der 7-Tage-Inzidenzwert noch der richtige Maßstab?

Bei den Corona-Maßnahmen spielt der Inzidenzwert nach wie vor eine entscheidende Rolle. Doch wie sinnvoll ist das? Bremer Forscher und Politiker antworten.

Rainer Bensch, Prof. Uwe Engel und Hajo Zeeb (Montage)
Rainer Bensch (links), Uwe Engel und Hajo Zeeb (rechts) haben sich gegenüber buten un binnen zur Bedeutung des Inzidenzwertes geäußert. Bild: Radio Bremen/Universität Bremen
Herr Zeeb, ist der Inzidenzwert noch der richtige Maßstab, um über Lockerungen und Einschränkungen zu entscheiden?
Man ist mittlerweile vom alleinigen Orientieren an der Sieben-Tage-Inzidenz weg. Wir beschäftigen uns gerade damit, auch andere Maße bei der Bewertung heranzuziehen. Zum Beispiel wie belastet die Intensivstationen sind. Und im Augenblick kommen auch andere Überlegungen dazu, nämlich die Frage der wirtschaftlichen Situation, der Schulen und der Folgen der Schließung.
Welche Alternativen zum Inzidenzwert könnten Ihrer Meinung nach sinnvoll sein?
Es macht Sinn, Inzidenzwerte mit der Frage der Belastung der Krankenhäuser, zum Beispiel der Intensivbetten, zu verbinden und sich die zeitlichen Verläufe anzuschauen. Diese sind aber Ergänzungen, und keine Alternativen. Denn wir brauchen schon ein Maß, das uns sagt, was in der Bevölkerung passiert in Bezug auf die Infektionen. Es gilt, weitere Aspekte mit aufzunehmen: Belegung der Intensivbetten, Häufigkeit und Ausmaß von Clustern, Betrachtung des Trends über eine etwas längere Zeit und Inzidenz in unterschiedlichen Altersgruppen.
Hat der Inzidenzwert überhaupt noch eine Bedeutung, um die Lage und das Infektionsgeschehen zu evaluieren?
Ja, das hat er auf jeden Fall noch. Er bleibt wichtig, allerdings in Verbindung mit der Frage: Erkranken die Menschen weiterhin schwer?

Herr Engel, ist der Inzidenzwert noch der richtige Maßstab, um über Lockerungen und Einschränkungen zu entscheiden?
Der Sieben-Tage-Inzidenzwert sollte nicht für daraus zwingend abzuleitende Entscheidungen über Öffnungen und Schließungen benutzt werden. Denn es ist zu vermuten, dass seine Akzeptanz in der Bevölkerung durch die zwischenzeitliche Festlegung unterschiedlicher Schwellenwerte – 50, 35, 100 – gelitten haben dürfte. Ich halte es für durchaus wahrscheinlich, dass der Eindruck, dass der Indexwert zur Legitimation einer vorgefassten politischen Entscheidungslinie instrumentalisiert wird, in Teilen der Bevölkerung entstanden ist.
Welche Alternativen zum Inzidenzwert könnten Ihrer Meinung nach sinnvoll sein?
Ich würde die Entscheidung über Lockdown oder Lockerungen vom Vorliegen situationsangepasster Schutzkonzepte in Verbindung mit der Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger abhängig machen. Klare und klar kommunizierte Regeln für das Verhalten in verschiedenen Kontexten: beim Einkaufen, im Büro, in der Schule. Mehr Eigenverantwortung wäre jetzt zum Beispiel mit der Verfügbarkeit von Selbsttests möglich. Ein kritischer Punkt ist dabei natürlich die Verfügbarkeit von Selbsttests und Impfdosen.
Hat der Inzidenzwert überhaupt noch eine Bedeutung, um die Lage und das Infektionsgeschehen zu evaluieren?
Ja, aber wie ich schon sagte: nur als Orientierungsrahmen, nicht für daraus zwingend abzuleitende Entscheidungen über Öffnungen und Schließungen.

Herr Bensch, ist der Inzidenzwert noch der richtige Maßstab, um über Lockerungen und Einschränkungen zu entscheiden?
Aktuell sind Inzidenzwerte nach wie vor eines von mehreren probaten Mitteln, um den Menschen Orientierung zu geben – über das Infektionsgeschehen, über eine gute oder auch eine schlechte Entwicklung. Von daher ist es richtig und wichtig, dass die zwischen der Bundeskanzlerin und den Bundesländerchefs vereinbarten Regelungen eingehalten werden. Zum Beispiel der Inzidenzwert von 100: Wenn vereinbart ist, dass ab 100 eine Notbremse gilt, dann muss man dies auch durchführen. Alles andere ist ein Anschlag auf die Glaubwürdigkeit der Politik.
Welche Alternativen zum Inzidenzwert könnten Ihrer Meinung nach sinnvoll sein?
Es gibt eine ganze Reihe von Ergänzungen. Nicht Alternativen: Ergänzungen. Neben dem Inzidenzwert ist natürlich auch die Lage der Krankenhäuser und insbesondere der Intensivstationen ein ganz wichtiges Merkmal.
Hat der Inzidenzwert überhaupt noch eine Bedeutung, um die Lage und das Infektionsgeschehen zu evaluieren?
Der Inzidenzwert bildet das aktuelle Infektionsgeschehen ein Stückchen ab. Aber eine Detailanalyse hilft noch mehr. Wir wissen, dass die 20- bis 59-Jährigen momentan die gefährdetste Gruppe sind. Die müssten mehr als bisher in den Fokus rücken: Wir müssen testen, testen, testen.

Bremerhavener Magistrat berät über Corona-Verschärfungen

Video vom 17. März 2021
Der SPD Oberbürgermeister Melf Grantz im Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. März 2021, 19:30 Uhr