Interview

Bremer Kinderarzt warnt: Die Betten in den Kliniken werden knapp

Viele Bremer Kinder leiden aktuell an Atemwegserkrankungen

Video vom 7. Oktober 2021
Ein Kind liegt im Bett und wird mit einem Stethoskop abgehört
Bild: DPA | Zoonar
Bild: DPA | Zoonar

Auffällig viele Kinder leiden derzeit unter Atemwegsinfekten, auch in Bremen. Ein Chefarzt erklärt, wie die Lage momentan ist und worauf Eltern achten sollten.

Kinderkliniken in Bremen und Bremerhaven kommen momentan an ihre Auslastungsgrenzen, wie das Personal bestätigt. Der Grund: Im vergangenen Jahr haben die Coronamaßnahmen dazu beigetragen, dass viele Kinder kaum mit Atemwegsviren in Berührung gekommen sind.

Der Chefarzt des Eltern-Kind-Zentrums Prof. Hess in Bremen, Martin Claßen, erläutert im Interview mit buten un binnen, wie Eltern mit den Atemwegsinfektionen ihrer Kinder am besten umgehen können.

Dr. Claßen, wie sieht die Lage momentan aus?
Im Moment haben wir eine Häufung von Kindern mit viralen Atemwegsinfekten. Wir haben schon im Sommer vorhergesagt, dass wir Ende des Sommers, Anfang des Herbstes mehr Infekte haben werden – und das ist genauso gekommen.

Es ist eine besondere Situation, weil es ungewöhnlich früh ist. Diese Infekte häufen sich im Winter, eher ab November/Dezember. Dieses Jahr ging es aber schon Ende August/Anfang September los. In Bremen ein wenig später als im Rest der Republik, weil die Schulen hier später aufgemacht haben.
Was ist der Grund für die ungewöhnlich vielen Infektionen in dieser Jahreszeit? Hat das mit dem Lockdown zu tun?
Ja, genau, es ist eine indirekte Folge des Lockdowns. Bei vielen viralen Erregern machen wir im Laufe des Lebens irgendwann eine Infektion durch. Dann sind wir in Zukunft weitgehend oder komplett geschützt. Das passiert normalerweise, indem man regelmäßig Kontakt zu diesen Viren hat. Während des Lockdowns haben wir aber weniger Kontakt dazu gehabt. Und man hat Masken getragen, es gab weniger Kontakt der Menschen untereinander. Deswegen war der letzte Winter ungewöhnlich ruhig, was diese Infekte angeht. Das wird jetzt nachgeholt, weil die Immunität eben fehlt.
Wie ausgelastet sind die Kliniken gerade?
Das, was wir in den Kliniken sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich habe vorgestern mit dem Vorsitzenden des Kinderärzteberufsverbandes telefoniert und er sagte, die Praxen seien voll mit solchen Fällen. Wir haben mehr Vorstellungen in unserer zentralen Notaufnahme, etwa 25 Prozent mehr. Und wir haben auch durchaus Probleme, alle Kinder unterzubringen. Das heißt: Wir versuchen manchmal auch, etwas zu verschieben oder doch ein Kind mehr aufzunehmen. Wobei das Hauptproblem der Pflegekräftemangel ist. Wenn wir voll sind, rufen wir in den umliegenden Kliniken an. Am Montagabend hatte ich selbst Dienst und es gab nirgendwo in der ganzen Region ein freies Bett.
Was passiert dann in einem Notfall?
Wenn es jetzt ein absoluter Notfall ist, dann schafft man es trotzdem. Aber für Routinemaßnahmen gab es eben kein Bett mehr in der ganzen Region. Die Betten stehen natürlich da, aber mit dem neuen PPUG-Gesetz (Pflegepersonaluntergrenze) dürfen wir nicht beliebig viele Kinder aufnehmen, wenn wir zu wenig Pfleger haben. Das ist auch anders als in früheren Jahren.
Liegt die Auslastung an den besonders vielen Fällen oder wurde die Situation vielleicht falsch eingeschätzt, die Bettenzahl nicht richtig kalkuliert?
Klar, für den Krankenhausträger ist die Frage der Kalkulation natürlich schwierig. Als wir den Neubau des Eltern-Kind-Zentrums geplant haben, wurde viel mit der durchschnittlichen Belegung gearbeitet. Sie brauchen aber natürlich die Betten für die Spitze, damit man Kinder nicht unversorgt lässt. Das ist die Herausforderung. Wir haben auch eher Personal für den Durchschnitt, aber nicht für die Spitzenbelegung. Wir werden vielleicht die Spitze auffangen müssen, indem wir vielleicht planbare Eingriffe verschieben. Das muss man überlegen. Aber das könnte passieren.
Welche Krankheiten sehen Sie am häufigsten?
Wir haben ungewöhnlich viele Infektionen mit dem RS-Virus (respiratory synctytial virus). Das RS-Virus verursacht bei älteren Menschen wahrscheinlich nicht so viele Probleme, aber es kann Frühgeborene und ehemalige Frühgeborene oder Säuglinge schon krank machen. Wir haben aber auch mal Kinder mit Lungenentzündungen, oder Bronchitis, also: quer durch die ganzen Atemwegsinfekte.
Was würden Sie Eltern empfehlen?
Tröpfcheninfektionen kann man nicht verhindern, wenn Kinder in Kitas und Schulen gehen. Mit Händewaschen kann man das vielleicht ein bisschen reduzieren. Wichtig ist, dass die Kinder viel frische Luft haben, sich ausgewogen ernähren und viel bewegen. Aber ich würde nicht Babys die Hände desinfizieren oder Ähnliches. Und ich würde nicht dazu raten, keinen Kontakt zu anderen Menschen mehr zu haben. Das wäre – wie man jetzt am Lockdown sieht – nur ein kurzfristiger Effekt.

Wenn Kinder ein besonderes Risiko oder eine chronische Krankheit haben, kann man das mit dem Arzt besprechen. Und wenn ein Kind ein bisschen Schnupfen hat oder eine leicht erhöhte Temperatur, muss man nicht deswegen gleich zum Arzt gehen. Auch nicht jedes Fieber muss gesenkt werden. Aber wenn man 40 Grad Fieber hat und schwer atmet, oder wenn Babys nicht mehr trinken, muss man zum Arzt oder gar in die Notaufnahme.

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Video vom 30. September 2021
Melanie Liebrum und ihre Tochter Anni Liebrum im Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 07.10.2021, 19:30 Uhr