Warum Ärzte beim Tod "an" oder "mit" Covid-19 nicht unterscheiden

In Bremen sind mehr als 120 Menschen mit Bezug auf Covid-19 verstorben. Für Ärzte spielt die Todesursache keine Rolle, für das Gesundheitsamt schon. Wir erklären, warum.

Patient liegt auf einer Intensivstation (Symbolbild)
Patient auf einer Intensivstation: Der Kampf um das Leben von Corona-Erkrankten prägt den Alltag vieler Kliniken. (Symbolbild) Bild: Imago | Olaf Döring

Eine Statistik des Bremer Gesundheitsamts, über die buten un binnen Anfang der Woche berichtete, hat zu vielen Publikumsfragen geführt. Konkret ging es darum, auf welcher Grundlage das Gesundheitsamt entscheidet, ob Verstorbene, bei denen Covid-19 nachgewiesen wurde, nun "mit" oder "an" der Krankheit gestorben sind. Denn diese Einteilung nimmt das Bremer Gesundheitsamt vor. Das Ergebnis der Behörde: Der Großteil der Corona-Toten in der Stadtgemeinde Bremen sind "an" dem Virus verstorben.

Ärztinnen und Ärzte, die täglich um das Überleben von Corona-Patienten kämpfen, können mit einer solchen Kategorisierung wenig anfangen.

Die Frage, ob ein Patient "an" oder "mit" Corona verstorben ist, spielt im klinischen Alltag keine Rolle.

Karen Matiszick, Geno-Sprecherin

Die Covid-19-Erkrankung werde in dem von Ärzten an das Gesundheitsamt übermittelten Totenschein auch nicht als jeweils konkrete Todesursache genannt, sagt Karen Matiszick, Sprecherin des Bremer Klinikverbunds Geno. Stattdessen würden in den Akten Ursachen wie "Multiorganversagen" oder "schweres respiratorisches Versagen", also Lungenversagen, vermerkt. Gleichwohl werde in einem Totenschein auch dokumentiert, dass die verstorbene Person eine Corona-Infektion hatte, sagt die Geno-Sprecherin.

Gesundheitsämter legen Kriterien fest

Dass das Gesundheitsamt dennoch kategorisiert, liegt vor allem an den Vorgaben des nationalen Infektionsschutzgesetzes. Denn dort heißt es in Paragraf 6, dass der Krankheitsverdacht, die Erkrankung selbst oder der Tod "in Bezug auf" Infektionserkrankungen wie Masern, Keuchhusten, Windpocken und eben auch Corona gemeldet werden muss.

Dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge kann die Formulierung "in Bezug auf" zweierlei bedeuten: Menschen sind unmittelbar "an" Covid-19 verstorben oder Menschen sind zwar mit Sars-CoV-2 infiziert gewesen, die kausale Todesursache lässt sich jedoch nach Faktenlage nicht auf die Erkrankung zurückführen.

Wie die Gesundheitsämter kategorisieren, legen sie selbst fest. Das RKI macht dazu keine Vorgaben. Unfalltote, die zuvor an Covid-19 erkrankt waren, finden dabei keinen Eingang in die Statistik – auch wenn dies immer wieder behauptet wird.

Unfalltote landen nicht in der Statistik

"Wenn jemand an Covid-19 erkrankt ist und bei einem Verkehrsunfall stirbt, dann melden wir den als Todesfall einer an Covid-19 erkrankten Person zwar ans RKI. Der Todesfall würde in unserer Statistik der mit oder an Corona Verstorbenen aber nicht eingepflegt werden", sagt Gesundheitsressort-Sprecher Lukas Fuhrmann.

Die in der Statistik erfassten Todesfälle seien alle auf schwere Verläufe der Krankheit zurückzuführen, sei es in Kliniken oder in Alten- und Pflegeheimen. Um das beurteilen zu können, werden alle verfügbaren medizinischen Informationen berücksichtigt wie die konkrete Todesursache, der Krankheitsverlauf und auch Vorerkrankungen. Letztere sind auch in Bremen eher die Regel für die schweren Verläufe der Krankheit. So ergab beispielsweise die letzte Erhebung in der Stadt Bremen im Oktober, dass von den damals 54 Verstorbenen nur 13 nicht an Vorerkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Beschwerden, Bluthochdruck oder Nierenerkrankungen litten.

Nur Obduktion brächte Gewissheit

Dass eine hundertprozentige Kategorisierung auf Grundlage ärztlicher Unterlagen kaum möglich ist, betont allerdings der Bremer Lungenfacharzt Marcus Berkefeld.

Um mit wissenschaftlicher Gewissheit den Tod an Covid-19 festzustellen, wäre eine Obduktion nötig.

Marcus Berkefeld, Lungenfacharzt

Denn nur durch eine Obduktion ließen sich pathologische Veränderungen feststellen, wie zum Beispiel Gefäßverstopfungen oder Lungenveränderungen.

Obduktionen werden in Bremen jedoch nur in solchen Fällen vorgenommen, in denen es Anlass gibt, die Todesursache zu überprüfen. Zum Beispiel wenn der Totenschein Fragen aufwirft oder der Verdacht im Raum steht, dass ein Mensch keines natürlichen Todes gestorben ist. In letzterem Fall wird die Obduktion von der Staatsanwaltschaft angeordnet. Patienten, die an oder mit Covid-19 verstorben sind, werden also nicht grundsätzlich obduziert.

Klinische Sicht setzt auf medizinische Erfahrung

Als Grundlage für eine Kategorisierung seien allerdings auch Totenbriefe geeignet, sagt Berkefeld. Wenn jemand mit Covid-19 auf einer Intensivstation versterbe, sei die konkrete Todesursache beispielsweise Lungenversagen, Nierenversagen oder Herzversagen, sagt der Facharzt. Die Frage sei aber stets: "Was hat zu diesem letztlichen Herzversagen geführt?" Wenn Patienten auf einer Intensivstation mit Covid-19 lägen, es dort zu einem multiplen Organversagen komme, das dann zu einem akuten Kammerflimmern führe, dann liege aus Erfahrung der behandelnden Ärzte meist ein eindeutiger Zusammenhang mit dem Virus vor – auch wenn als Todesursache letztlich Herzversagen genannt werde.

Dies gelte genauso für andere Krankheiten. Als Beispiel nennt Berkefeld HIV-Fälle, die er als Arzt in Südafrika behandelt habe. "Da kam jemand mit einer Tuberkulose rein und die Ärzte sahen sofort, wenn er auch HIV-positiv war." Es waren einfach bestimmte Krankheitsverläufe, wie sie nur mit einer HIV-Infektion auftraten. "Da war es klinisch einfach klar."

Bedachte Formulierung ist keine Verharmlosung

Formulierungen wie "starb in Zusammenhang mit" oder starb "an oder mit" Corona hält Berkefeld vor diesem Hintergrund für den richtigen Weg, wenn über die Corona-Toten gesprochen wird. Am Ernst der Krankheit gebe es ohnehin keinen Zweifel, egal wie man es formuliere. "Denn wenn schweres Lungenversagen mit schwerem Organversagen vorliegt, und der Patient ist mit Covid ins Krankenhaus eingeliefert worden, dann ist die Sache leider ziemlich klar."

Corona-Todesfälle: Wer sind die Verstorbenen?

Video vom 27. November 2020
Ein Bild eines Friedhofes. Mehrere Grabsteine sind zu sehen.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. November 2020, 19:30 Uhr