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Tierarzt jetzt deutlich teurer: Das sollten Bremer Tierhalter wissen

Bild: Radio Bremen | Fabian Metzner

Der Besuch beim Tierarzt wird ab sofort teurer. Grund sind neue Gebühren. Gerade für einfache Untersuchungen müssen Bremer Tierhalter jetzt tiefer in die Tasche greifen.

Gleich, ob die Katze untersucht oder der Hund geimpft werden soll: Der Besuch beim Tierarzt kommt Bremens Tierhalterinnen und Tierhalter ab sofort in aller Regel deutlich teurer zu stehen als noch vor wenigen Tagen. Denn seit dem 22. November greift bundesweit eine neue Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte – mit diesen Folgen:

Was ändert sich für die Tierhalter in Bremen und umzu konkret durch die neue Gebührenordnung der Tierärzte?
Die meisten Tierarzt-Leistungen werden durch die neue Gebührenordnung deutlich teurer. So kostet die Impfung für Hund oder Katze seit Inkrafttreten der neuen Gebührenordnung 11,50 Euro statt – wie zuvor – 5,77 Euro. Die allgemeine Untersuchung von Katzen verteuert sich im günstigsten Fall von 8,98 auf 23,62 Euro, die von Hunden von 13,47 Euro auf ebenfalls 23,62 Euro.

Was tatsächlich auf Tierhalter zukommt, bleibt aber schwer vorher zu sagen. Denn Tierärztinnen und Tierärzte können neben dem einfachen auch den zweifachen oder maximal dreifachen Satz für die Behandlung eines Tieres in Rechnung stellen. Sie können den einfachen Satz stufenlos erhöhen. Das gilt beispielsweise, wenn während der Behandlung Komplikationen auftreten, das Tier aggressiv ist und von Mitarbeitern gehalten oder beruhigt werden muss, sodass sich der Aufwand für den Tierarzt erhöht. Auch die Behandlung am Wochenende, einem Feiertag oder während der Nacht können Tierärzte mit dem zweifachen oder dreifachen Satz berechnen. Kosten für Medikamente oder Materialien sowie mögliche Auslagen für Laboruntersuchungen können noch hinzu kommen.

Hinzu kommt, dass eine Behandlung in der Regel aus mehreren Schritten besteht, wie die Bundestierärztekammer betont. Daher kämen in der Gesamtrechnung, die Tierhalter zu tragen hätten, meist mehrere Posten aus der Gebührenordnung zusammen.
Tierärztin verabreicht einem Mops eine Spritze (Symbolbild)
Insbesondere Standard-Behandlungen (auf unserem Foto an einem Mops) sind durch die neue Gebührenordnung teurer geworden. Bild: Imago | Westend61
Wie sind die neuen Gebühren der Tierärzte zustande gekommen?
Im Jahr 2020 hatte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) eine Studie in Auftrag gegeben, die die einzelnen tierärztlichen Leistungen wissenschaftlich fundiert bewerten sollte. Sie sollte gewährleisten, dass die Gebühren der Tierärzte kostendeckend sind. Auf den Ergebnissen aus dieser Studie basiere die neue Gebührenordnung, teilt die Bundestierärztekammer mit.

Wie das Fachmedium "vetline.de" berichtet, fußen die neuen Gebühren der Tierärzte letztlich auf einer betriebswirtschaftliche Berechnung aus der Studie. Hierzu seien sämtliche Kosten einer Tierarztpraxis auf den Preis für eine tierärztliche Behandlungsminute heruntergerechnet worden. Diese Kosten betrügen im Mittel 2,25 Euro pro Behandlungsminute. Um die Gebühren für einzelne Leistungen zu ermitteln, seien diese 2,25 Euro pro Minute mit dem durchschnittlichen Zeitaufwand einer Behandlung multipliziert worden. Daher koste eine Beratung nun 11,26 Euro, eine Allgemeinuntersuchtung mit Beratung bei Hund, Katze und Frettchen 23,62 Euro.
Was sagen Tierärzte zu der neuen Gebührenordnung und zu der Berechnung der Behandlungskosten?
Tim Bonin, einer von vier Leitern der Tierklinik Posthausen, bezeichnet es zwar, genau wie die Bundestierärztekammer, als "richtig und wichtig", dass es nun eine neue Gebührenordnung gibt, die auch neue medizinische Verfahren berücksichtigt. Auch müssten Tierarztpraxen wie -kliniken unbedingt stärker in ihre Mitarbeiter investieren und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Auch deshalb sei es wichtig, dass Tiermediziner mehr Geld einnähmen.

Bonin kritisiert allerdings die schematische Berechnung der Behandlungen auf Basis des Zeitaufwands. "Alle Allgemeinleistungen, die überall Standard sind, sind deutlich teurer geworden", sagt der Klinikleiter. Aufwändige Verfahren wie Operationen, die Spezialisten erforderten, seien dagegen nun günstiger. Schon allein deswegen, weil die langen Facharztausbildungen, die für diese Verfahren notwendig seien, nicht in die Berechnungsmethode einflössen. "Praxen werden eher aufgewertet, Spezialisierungen der Kliniken werden kaum berücksichtig", fasst Bonin zusammen.

Doch auch aus Sicht solcher Tierärzte, die eine Praxis unterhalten, lassen die neuen Gebühren durchaus zu wünschen übrig. So kritisiert der Bremer Tierarzt Bernhard Bindernagel: "Die jetzige Erhöhung spiegelt nicht die Preise 2022, sondern 2020 wider." Die Inflation und die enorm gestiegenen Nebenkosten, zumal aufgrund der hohen Energiepreise habe man 2020 nicht absehen können, als man die mittleren Behandlungskosten der Praxen ermittelte und dann auf Basis eines Minutenpreises von 2,25 Euro neue Gebühren errechnete.
Tierärztin untersucht ein Pferd (Symbolbild)
Nicht nur für die Behandlung von Kleintieren müssen Halter künftig mehr Geld einplanen. Auch die tierärztliche Versorgung von Pferden kostet jetzt mehr als zuletzt. Bild: Imago | Joker
Was machen nun arme Menschen, wenn ihr Hund oder ihre Katze einen Unfall hat und sie sich die Behandlungskosten in einer Tierklinik nicht leisten können?
Tierklinik-Leiter Tim Bonin legt Wert auf die Feststellung, dass zunächst einmal jeder Tierhalter selbst verantwortlich sei für sein Tier und für mögliche Behandlungskosten. "Das ist etwas Grundsätzliches und hat weniger mit der neue Gebührenordnung zu tun", stellt er klar. Davon abgesehen biete die Tierklinik Posthausen Tierhaltern, die sich eine Behandlung ihres Vierbeiners nicht leisten könnten, eine Ratenzahlung an.

Könne sich ein Halter auch die Bezahlung auf Raten nicht leisten, so stelle sich die Frage, ob es jemanden gibt, der das Tier und mit ihm die Behandlungskosten übernehmen kann. In besonderen Ausnahmefällen und nach gründlicher Abwägung sei es auch schon vorgekommen, dass die Tierklinik schwerverletzte Tiere übernommen, behandelt und anschließend weitervermittelt habe. "So etwas kann und wird aber natürlich nie Standard sein", betont Bonin.

Er rät den Tierhalterinnen und Tierhaltern in Bremen und umzu dazu, sich mit dem Thema "Tierkrankenversicherungen" auseinander zu setzen. "In Deutschland sind nur etwa fünf Prozent der Hunde und Katzen krankenversichert", sagt er. In anderen Ländern sei es über die Hälfte. Dabei seien Tierkrankenversicherungen auch in Deutschland für die allermeisten Halter, je nach Leistungsumfang, durchaus bezahlbar, findet Bonin. Er fügt hinzu: "Wer es sich nicht leisten kann, eine Krankenversicherung für seinen Hund oder seine Katze abzuschließen, sollte sich gründlich überlegen, ob er die Verantwortung für ein Tier übernehmen möchte."
Katze wird von einer Tierärztin untersucht (Symbolbild)
Wer eine Katze oder ein anderes Tier hält, sollte eventuell eine Krankenversicherung für den Vierbeiner abschließen, raten Tierärzte. Bild: Imago | Zoonar
Was ist mit der Behandlung in einer normalen Tierarztpraxis: Kann man dort, wenn man gerade wenig Geld hat, den Preis für die Behandlung des Tiers ein bisschen runterhandeln?
Nein, es ist den Tierärztinnen und Tierärzten sogar verboten, Tierhaltern weniger zu berechnen, als es der einfache Satz aus der Gebührenverordnung für eine Behandlung vorsieht, teilt die Bundestierärztekammer mit. Genau darin bestehe der Sinn einer Gebührenordnung: Sie solle die Vergleichbarkeit sicherstellen und den Wettbewerb unter den Veterinären verhindern.
Es gibt in Bremen und eine Reihe armer Leute, die Tiere halten. Viele von ihnen nehmen die Hilfe der Bremer Tiertafel in Anspruch, um ihre Hunde und Katzen zu versorgen. Was sagt die Bremer Tiertafel zu den höheren Gebühren der Tierärzte?
Stefan Evers, Vorsitzender der Bremer Tiertafel, sagt, dass er grundsätzlich Verständnis für die Tierärzte habe. Denn es sei schon lange her, dass die Gebühren letztmals erhöht worden sind. Gleichwohl glaubt er, dass die Situation armer Tierhalter und in der Konsequenz auch der Bremer Tiertafel nun noch schwieriger werden könnte: "Die Anzahl der Kunden, die regelmäßig zu uns kommen, hat sich seit dem Krieg in der Ukraine fast verdoppelt. Für unseren kleinen Verein ist das bereits eine große Herausforderung. Die Kosten sind so oder so schon verdammt hoch, und ich blicke mit Sorge in die Zukunft", so Evers.

Dazu sollte man wissen: Die Bremer Tiertafel, die von Spenden getragen wird, versorgt ihre Kunden, arme Tierhalter, vorrangig mit sehr preiswerter Tiernahrung. In Notfällen zahlen sie ihren Kundinnen und Kunden nach längerer Mitgliedschaft aber auch Zuschüsse zu anfallenden Tierarztkosten. Mit Blick auf die neuen Gebühren der Tierärzte sagt Evers: "Ich befürchte, dass Menschen bei den Tierärzten abgewiesen werden, wenn sie für die Kosten nicht aufkommen können." In der Folge könnten Tiere unbehandelt bleiben und leiden. "Das ist etwas, was wir verhindern wollen, aber leider nicht immer können."

So werden Härtefälle in der Tierklinik Posthausen behandelt

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. November 2022, 19.30 Uhr